Klimawandel Ein Vogel mit Verspätung

In Mitteleuropa ist das Kükenfutter immer früher angerichtet - doch der Trauerschnäpper weilt oft noch in Afrika. Die Geschichte eines mismatch
Ein Vogel mit Verspätung

Der frühe Vogel fängt die Raupe: Trauerschnäpper verpassen immer häufiger die Zeit des besten Nahrungsangebots im Frühjahr

Was für eine Auswahl! Rund 400 Vogelkästen hängen in den alten Eichen, in Birken und Kiefern auf Ruissalo, einer Insel im Schärenmeer, unweit der Stadt Turku am Südwestzipfel von Finnland. Alle Boxen aus schönstem finnischen Holz. Bereit für die Männchen des Trauerschnäppers, wenn sie im späten April aus dem Winterquartier in Afrika in die nördlichen Gefilde ihres Brutgebiets zurückgekehrt sind.

Doch manche der Gehäuse, erzählt Toni Laaksonen, werden von den Heimkehrern keines Blickes gewürdigt. "Um andere dagegen beginnen sie sofort wie verrückt zu kämpfen."

Verstehe einer den Trauerschnäpper! Laaksonen, Ökologe an der Universität Turku, bemüht sich seit Jahren darum. Er erfasst Ankunft und Brutbeginn, zählt Gelegegrößen, nimmt Ringnummern ab. Seine Erhebungsdaten kann er mit älteren Beobachtungsreihen in Finnland auf erstaunliche 70 Jahre zurückverlängern.

Modellart Trauerschnäpper

Auch aus praktischen Gründen schätzt er den meisengroßen Schnäpper als Forschungsobjekt: auffällig weiß und schwarzbraun ("in Trauer") gezeichnet, dank der Nistkästen ohnehin leicht zu finden und auch nicht so scheu. Für Biologen ist Ficedula hypoleuca darum zu einer Modellart geworden. An ihr untersuchen sie, wie sich der Klimawandel auf die Populationen kleinerer Zugvogelarten auswirken kann.

Den größten Teil des Jahres, von September bis März, verbringen Trauerschnäpper in Afrika, in Baumsavannen und Flusswäldern südlich der Sahara. Dass es Zeit wird, sich von hier nach Norden aufzumachen, sagt den Schnäppern im Frühjahr ein genetisches Signal. Es ist allerdings nur ein grober Zeitgeber.

Standvögel, also Arten, die ihre Brutheimat nie verlassen, bauen auf ihre Wetterfühligkeit. Sie können kurzfristig vorausahnen, wann sie am besten mit Balz und Eiablage beginnen sollten. Trauerschnäpper in Übersee hingegen können das aktuelle Europa-Wetter natürlich nicht registrieren, ebenso wenig den Stand der Vegetationsentwicklung im Frühjahr - das wäre aber dringend nötig.

Der Klimawandel verschiebt den Frühlingsbeginn

Denn in Teilen Europas setzt der Frühling inzwischen früher ein, die Bäume schlagen zeitiger aus, und in Blattknospen und jungen Blättern fressen sich jene Tierchen schneller rund, die für Schnäpper-Küken der beste Babybrei sind: Raupen. Sie gehören zu Schmetterlingen wie Eichenwickler oder Frostspanner und treten während weniger Tage im Mai weit häufiger auf als davor und danach. Diesen Nahrungsgipfel zu erwischen, ist die Kunst des Brut-Timings.

Der niederländische Ornithologe Christiaan Both hat die Verhältnisse im Detail erforscht. Demnach erreichen die frühesten Brüter unter den Schnäppern in Holland gerade noch einen Teil der Raupenschwemme. In der Nahrung ihrer Jungen sind zu 70 Prozent Raupen enthalten, die Sterblichkeit des Nachwuchses ist gering. Jene Jungvögel hingegen, die zehn Tage später schlüpfen, bekommen nur noch zehn Prozent Raupenanteil, weil sie die beste Zeit verpassen - ihre Fitness ist weit geringer.

Über zwei Jahrzehnte sind immer mehr Trauerschnäpper-Eltern in den Niederlanden zu "late birds" geworden. Und dies sogar, obwohl sie nach dem Wanderflug inzwischen so früh mit der Brut beginnen wie irgend hormonell möglich. Jahr für Jahr haben die Schnäpper so jeweils einen halben Tag vorgezogen. Doch die Raupen waren mit einem Dreivierteltag "Verfrühung" pro Jahr noch schneller.

Populationen in Gefahr

"Mismatch" nennen Fachleute dieses Phänomen, und auch in Deutschland scheint der Trauerschnäpper davon betroffen zu sein. Eine Untersuchung aus Hessen zeigt das besonders drastisch. Dort hat die "Ökologische Forschungsstation Schlüchtern" Daten von 1970 bis 2008 aus rund 500 Nistkästen in drei Untersuchungsgebieten ausgewertet. In allen Gebieten sind die Schnäpperbestände zum Erliegen gekommen, der letzte 2004. Und das hat, so die Autoren, nicht nur mit dem Vorsprung von Flora und Insektenfauna zu tun, sondern mit Konkurrenz um die Bruthöhlen.

Denn gern dringen Siebenschläfer, kleine Nager, in die Kästen ein, um sie ihrerseits als Kinderstube zu nutzen. Normalerweise geschieht das im August. Doch in Hessen ziehen die Kleinsäuger den Termin bis zu sieben Wochen vor. Sie plündern dann die Bruten von Trauerschnäppern oder beißen die Altvögel tot. Was die Population offenbar nicht verkraftet.

Und in Finnland? Hier haben Toni Laaksonen und Kollegen ein komplexes Bild ermittelt: Über die Jahre kommen die ersten Schnäpper einer Saison immer früher an - offenbar begünstigt durch wärmere Apriltage in Ländern wie Deutschland, die sie zu schnellem Weiterziehen ermuntern. Das genetische Wanderprogramm von Ficedula ist demnach für Unterwegs-Beschleunigung offen. Der skandinavische Mai ist aber kühl wie eh und je und der Vorsprung der Vegetation gering. Dass das den Trauerschnäpper in eine Mismatch-Lage bringt, ist bisher nicht zu verzeichnen.

"Die Situation in Finnland unterscheidet sich deutlich von der in Mitteleuropa", so Laaksonen. Weshalb, könne er nicht bis ins Letzte erklären. "Manches an diesem Vogel ist mysteriös." Anderes rührend: Kommt ein Weibchen in die Nähe der Männchen, so steigern die ihren Lockgesang. "Sie springen dann in die Vogelkästen und singen von drinnen." Der akustische Resonanzeffekt muss schon für die Singhähne selbst berauschend sein.

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