Alternativer Nobelpreis "Landwirtschaft und Ernährungssystem neu denken"

Einen radikalen Kurswechsel in der Lebensmittelproduktion fordert der Biologe Hans Rudolf Herren, Träger des Alternativen Nobelpreises. Ziel müsse die Anpassung unserer Bedürfnisse an die natürlichen Grenzen und Gegebenheiten der Erde sein
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Der Schweizer Biologe und Agrarforscher Hans Rudolf Herren erhält den Alternativen Nobelpreis der Right Livelihood Award-Stiftung

Spätestens seit der Aufklärung wollen wir Menschen die Natur beherrschen, ohne uns viele Gedanken über die langfristigen Konsequenzen zu machen. Dies hat einen Großteil des Fortschritts erst ermöglicht. Es erklärt aber auch die Sichtweise, die wir von uns selbst haben - wir sehen uns bis heute nur beschränkt als Teil des Ökosystems "Erde".

Doch Klimawandel, zur Neige gehende Ressourcen und zunehmende soziale Spannungen in einer schnell wachsenden Weltbevölkerung machen deutlich, dass kein Weg an einem radikalen Kurswechsel vorbeiführt - einen Kurswechsel, der nicht mehr fünfzig Jahre aufgeschoben werden kann. Wir werden verstärkt mit der Natur arbeiten und leben müssen. Eine immer weiter einseitig technologisierte Welt ist keine Alternative, wenn wir den Kollaps der Zivilisation vermeiden wollen.

Verschwenderische Konsummuster aufbrechen

Die Zukunft der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelsysteme, mit ihren Implikationen in ökologischen und sozialen Bereichen, steht im Zentrum dieses Wandels. Das Ziel muss die Anpassung unserer gesellschaftlichen Bedürfnisse an die natürlichen Grenzen und Gegebenheiten unserer Erde sein. Unsere aktuellen Konsum- und Produktionsmuster brauchen mehr Ressourcen auf, als unser Planet nachhaltig zur Verfügung stellen kann.

In mindestens drei Bereichen - Klimawandel, Stickstoffkreislauf und Biodiversität - geht unsere aktuelle Nutzung bereits über die langfristige Tragfähigkeit der Erde hinaus. Nach Berechnungen des "Global Footprint Network" konsumieren wir jedes Jahr anderthalb Mal so viel Ressourcen, wie die Erde regenerativ zur Verfügung stellt. Bei gleichbleibender Entwicklung wird diese Zahl auf zwei steigen.

Der Klimawandel stellt die Landwirtschaft vor große Herausforderungen: Zum einen gehen heute zwischen 47 und 55 Prozent aller Treibhausgasemissionen vom Ernährungssystem aus - ein Ausstoß, der dringend massiv reduziert werden muss. Zum anderen erfordert auch ein gebremster Klimawandel eine resilientere Landwirtschaft, um genügend Nahrung für alle Menschen auf unserem Planeten zu produzieren. Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit der Landwirtschaft, mit externen Schocks - Dürren, Überschwemmungen oder Plagen - mit möglichst wenig Verlust umzugehen.

Mehr Dürren, stärkere Niederschläge

Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) sieht es als sehr wahrscheinlich an, dass Hitzewellen künftig zunehmen werden - je nach Szenario werden Extremereignisse, die heute alle 20 Jahre vorkommen, Ende des 21. Jahrhunderts alle zwei Jahre vorkommen. Dürren sollen häufiger und Regenfälle stärker werden. Gemäß dem High-Level Panel of Experts (HLPE) wird die Landwirtschaft - durch ihre direkte und starke Abhängigkeit von Wetter und Klima - besonders stark davon betroffen sein. Die Resilienz der Landwirtschaft ist heute schon wichtig, doch wird ihre Bedeutung in den nächsten Jahrzehnten noch wesentlich zunehmen. Veranschaulichen lässt sich der Einfluss des Klimawandels auf die Ernährungssicherheit am deutlichsten an den Nahrungsmittelpreisen.

Werden möglichst viele Effekte des Klimawandels vorsorglich vermindert, könnte der Preis für Mais künftig bis zu 80 Prozent niedriger sein, als wenn nichts unternommen wird. Mit einer ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft wird wesentlich mehr CO2 im Boden gebunden als mit traditionellen Methoden, entsprechend wird der Ausstoß an Treibhausgasen reduziert. Trotzdem müssen wir in den nächsten 100 Jahren mit einer größeren Unvorhersehbarkeit des Wetters und des Klimas und einer Zunahme von Extremereignissen rechnen.

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Der Beitrag erschien zuerst in "Das Buch von der Zukunft", hg. von Peter W. Engelmeier, G+J Corporate Editors 2013, 39,50 Euro, ISBN 3652002946

Höhere Diversität senkt das Risiko

Die Landwirtschaft, die den heutigen und zukünftigen Herausforderungen gerecht wird, zeichnet sich in erster Linie durch ihre hohe Diversität aus. Mit steigender Zahl der bewirtschafteten Tier- und Pflanzenarten verkleinert sich das Risiko eines meist artspezifischen Schädlingsbefalls. Durch Fruchtfolgen anstelle von Monokulturen wird die Fruchtbarkeit des Bodens gestärkt. Nutztiere gehören wieder auf den Bauernhof, heraus aus der industriellen Produktion.

Unterschiedliche Quellen zeigen, dass agro-ökologische Ansätze wesentlich mehr Wasser im Boden speichern als die konventionelle Landwirtschaft, was in Dürrejahren zu höheren Erträgen führt. Auch der Verbrauch von externen, endlichen Ressourcen, wie beispielsweise Pestiziden und Kunstdünger, ist in konventionellen Systemen wesentlich höher. Wie die resiliente Landwirtschaft konkret aussehen wird, ist abhängig von den lokalen agro-ökologischen Gegebenheiten. Ein Langzeit-Systemvergleich des Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) zeigt an unterschiedlichen Standorten auf, wie agro-ökologische Modelle lokal angepasst die größte Wirkung erzielen und welches Potenzial sie für die Zukunft haben. Weitere Studien kommen zu ähnlichen Schlüssen.

Landwirtschafts- und Ernährungspolitik ist auch Sozial- und Sicherheitspolitik. Mit einer Stärkung der lokalen landwirtschaftlichen Strukturen, sowohl in entwickelten als auch in unterentwickelten Ländern, können in diesen Bereichen potenzielle Konflikte entschärft werden. Knappe und teure Nahrungsmittel waren zu Beginn dieses Jahrhunderts Auslöser von Unruhen in vielen Entwicklungsländern. Verschiedene der großen landwirtschaftlichen Exporteure, etwa Russland und Indien, verhängten Exportrestriktionen. Dies führte zu steigenden Preisen von Grundnahrungsmitteln wie Reis, der für rund drei Milliarden Menschen die Basis der täglichen Ernährung ist. Gerade in Entwicklungsländern ist eine agro-ökologische Intensivierung der Landwirtschaft nötig, um den Hunger zu bekämpfen.

Heute werden nämlich nicht zu wenig Kalorien produziert, sondern deren Verteilung ist schlicht ungerecht. Weltweit produzieren wir doppelt so viele Kalorien pro Kopf wie notwendig. Das Problem ist, dass Verteilung und Art der Produktion nicht stimmen. Die riesigen Überschüsse einer hoch subventionierten Landwirtschaft im Norden haben einen negativen Einfluss auf die weltweite Nahrungsmittelsicherheit, da sie die Produktion in den Entwicklungsländern benachteiligen. Nur eine lokalere Produktion, welche die Stärkung der etwa 500 Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern weltweit bedingt, ist eine Erfolg versprechende Strategie zur Bekämpfung des Hungers.

Die Wende ist noch möglich

Ich war und bin ein Optimist und denke, dass mein vorgezeichnetes Szenario nicht unmöglich ist. Wir dürfen diese einmalige und vielleicht auch letzte Chance für einen Kurswechsel nicht verpassen. Aufgrund des heutigen, kurzfristigen und linearen Denkens bestehen berechtigte Zweifel an der Machbarkeit dieses Kurswechsels - nicht zuletzt, weil auch machtvolle private Interessenträger es noch nicht verstanden haben, langfristig und ganzheitlich vorzugehen. Im Green Economy Report der Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) haben wir nach Vorgaben des Weltagrarberichts (IAASTD) ein Modell entwickelt, in dem wir aufzeigten, welche Auswirkungen Investitionen in einen Kurswechsel der Landwirtschaft hätten.

Sie führen weitgehend zu besseren Resultaten, zu höherer Produktivität, verminderten Verlusten und geringerem Verbrauch externer Energie und anderer endlicher Ressourcen. Das Modell zeigt, dass wir die Bedürfnisse von neun Milliarden Menschen sowie der Natur und der Wirtschaft befriedigen können - und dies auf eine nachhaltige Weise. Der Kurswechsel ist möglich mit dem Einsatz von nur zwei Prozent des globalen Bruttonationalproduktes (BNP) - auf die nachhaltige Landwirtschaft allein bezogen sogar von nur 0,2 Prozent des BNP, was weniger als die Hälfte der weltweiten Agrarsubventionen ausmacht.

Hans Rudolf Herren, geb. 1947, promovierte in Biologie an der ETH Zürich und begann 1979 in Afrika am International Institute of Tropical Agriculture (IITA) in Nigeria. Für seine Erfolge in der Schädlingsbekämpfung wurde ihm 1995 der Welternährungspreis verliehen. Mit dem Preisgeld gründete Herren die Stiftung Biovision.

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