Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer will den CO2- Ausstoß der Stadt bis 2020 von zehn auf drei Tonnen pro Kopf reduzieren. Ein ehrgeiziges Ziel, das "nur erreichbar ist, wenn alle mitmachen"

Für die Berliner Geschwister Felicia und Melchior Moss stand von Anfang an fest: Die Streetwear- Kollektionen ihres Modelabels "Slowmo" werden ausschließlich aus Öko-Baumwolle gefertigt – und zu fairen Arbeitsbedingungen

Als Sandra und Stephan Wolf 2001 einen Sohn bekamen, begannen sie, genauer nachzufragen; nach der Herkunft von Lebensmitteln, nach Inhaltsstoffen in Möbeln und Textilien. Und zogen schon bald Konsequenzen: So kauft Sandra Wolf Obst, Milch und Gemüse nicht mehr im Supermarkt, sondern lässt sich jede Woche eine Biokiste vom örtlichen Bauern liefern

Einen deftigen Schweinsbraten zieht Thilo Bode, Chef der Verbraucherschutzorganisation foodwatch in Berlin, jedem Rindersteak vor. Zum einen, weil ihm die Kost seiner bayerischen Heimat immer noch am besten schmeckt. Zum anderen, weil Schweinefleisch eine ungleich bessere Ökobilanz aufweist als alles, was vom Rind kommt

Stefan Schaltegger bildet Revolutionäre aus. Am Centre for Sustainability Management der Leuphana Universität Lüneburg schult er Geschäftsführer und Abteilungsleiter. Diese sollen, nach berufsbegleitendem Studium, in ihren Unternehmen "erhebliche, teilweise radikale Veränderungen Richtung Nachhaltigkeit" anstoßen

Bei seiner Fertigstellung 2003 war dieses Gebäude am Hamburger Hafen der höchste Passivhaus- Wohnungsbau Europas, und die 40 Bewohner konnten sich ein wenig als Pioniere fühlen. Denn das Haus verbraucht nur ein Minimum an fossiler Energie. Beheizt wird es fast ausschließlich durch Sonneneinstrahlung und die Abwärme häuslicher Tätigkeiten wie Kochen oder Duschen

Im Jahr 2006 schaffte sich Martin Unfried, EU-Experte für Umweltrecht, ein neues Auto an, getreu seinem oben stehenden Lebensmotto. Der Dreiliter-Lupo fährt mit Rapsöl aus regionalem Anbau

Der Werbelektor Joachim Straßburger lebt in Hofheim am Taunus mit seiner Lebensgefährtin Sonja Bäder und den drei Kindern konsequent nachhaltig. Eine hauseigene Photovoltaikanlage produziert mehr Strom, als die Familie braucht

Michael Bilharz hat noch nie in seinem Leben ein Flugzeug bestiegen. Er besitzt kein Auto, kauft fast immer im Bioladen, und da er durch Beteiligung an einem Windkraftwerk jährlich 15 Tonnen Schadstoffe kompensiert, ist die CO2-Bilanz seiner dreiköpfigen Familie fast ausgeglichen

Der Fußabdruck ist zu groß

Manchmal ist es ein tolles Gefühl, ein guter Konsument zu sein. Wenn man morgens, an parkenden Spritfressern vorbei, ins sparsam beheizte Büro radelt, wenn man dem Surren seines ökostrombetriebenen Kühlschranks lauscht, oder wenn man den Einkaufswagen im Supermarkt, vorbei an unfairem Kaffee und ungesundem Knabberzeug, demonstrativ in die Bio-Abteilung lenkt - im Bewusstsein, dass die nächste Kaufentscheidung dem Markt für Grünes und Faires wieder ein Stück Auftrieb geben wird.

Jeder gute Konsument kennt sie, diese Momente der Euphorie. Diese Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen; Teil einer Mission zu sein, die sich auf klare Fakten stützt, auf Zahlen, an denen jeder Zweifel abprallt.

Unser Fußabdruck: Viel zu groß für einen Planeten

Sechs Hektar. So viel Fläche wird gebraucht, im Durchschnitt, um jeden einzelnen von rund 500 Millionen EU-Bürgern pro Jahr mit Nahrung, Gütern und Energie zu versorgen. Dabei werden jährlich zehn Tonnen Kohlendioxid pro Kopf ausgestoßen. Mit unserem Ressourcenverbrauch liegen wir Europäer an der Weltspitze; nur US-Amerikaner und Chinesen übertreffen uns. Würde jeder von derzeit 6,7 Milliarden Erdbewohnern so viel Fläche beanspruchen und so viel Treibhausgas ausstoßen – wir müssten mindestens drei weitere Planeten in Reserve haben.

Damit die Erde langfristig ein für uns bewohnbarer Ort bleibt, müssen wir unseren "ökologischen Fußabdruck" um etwa zwei Drittel verkleinern. Mit Appellen an Einsicht und Umkehr wird sich diese Geschichte nicht lange aufhalten. Dass die wenig bewirken, haben die vergangenen Jahrzehnte zur Genüge gezeigt. Hier geht es vielmehr um einen Ausweg aus unserem persönlichen Umwelt- und Gerechtigkeitsdilemma; manche sagen sogar: um einen Königsweg in eine bessere Zukunft für alle. Die Rede ist von "strategischem Konsum". Er wird auch politischer, ethischer, moralischer, grüner oder einfach guter Konsum genannt. Die erste Bezeichnung ist jedoch die präziseste, denn sie stellt klar, dass es bei aller Verschiedenheit der Motive um ein gemeinsames Ziel geht: so zu leben, zu wohnen, einzukaufen und sich fortzubewegen, dass der Rest der Welt darunter nicht zu leiden hat. Oder sogar davon profitiert.

Die Idee ist nicht neu

Die Idee stammt aus den Gründerjahren der Umweltbewegung, aus der Zeit, als das Schlagwort von den "Grenzen des Wachstums" die Runde machte und im Umfeld von Kirchen und Universitäten die ersten Biound Dritte-Welt-Läden eröffneten. Die Kunden dieser Läden wurden anfangs belächelt. Kaum eine Geschichte über strategischen Konsum, die nicht das vertraute Klischee vom "Müsli" zitiert, vom Körnerfresser im kratzigen Grobstrickpulli, der seine Jutetasche mit Schrumpelmöhren und bitterem Solidaritätskaffee füllt. Darauf folgt stets der Hinweis, dass die neue Konsumentenbewegung, zum Glück, so ganz anders sei. Aber so anders ist sie gar nicht. Strategische Konsumenten erheben denselben Anspruch, für den die Öko-Aktivisten der ersten Stunde noch verspottet wurden: Sie wollen, allen Ernstes, die Welt retten. Allerdings, und das unterscheidet sie von den „Müslis“, gehen sie dabei pragmatisch vor. Sie versuchen, ihre politisch-moralischen Anliegen mit den Sachzwängen des Alltags zu vereinbaren – und mit ihren Vorstellungen von einem angenehmen Leben. Wer nicht einen von ihnen kennt, bemerkt sie kaum. Sie tragen ihr Anliegen nicht zur Schau.

Ethische Käufer sind seltsame Zwitterwesen

Dennoch muss man mit ihnen rechnen. Denn sie sind viele. Umfrageinstitute zählen jeden achten Bundesbürger zu ihnen, andere Experten schätzen ihren Anteil auf 20 oder gar 30 Prozent. Die Betonung liegt auf "schätzen", denn genau weiß es niemand. Auch wird bisher nur vermutet, welchen Effekt ihr Konsumverhalten hat und künftig haben wird – etwa auf den europäischen CO2-Ausstoß. Diese Geschichte wird dazu einige Anhaltspunkte liefern – auch überraschende. Dazu später mehr. Marketing-Fachleute haben natürlich längst versucht, der neuen Verbrauchergruppe Namen zu geben. LOHAS etwa. Die Abkürzung steht für "Lifestyle of Health and Sustainability", also für einen "Lebensstil, der sich der Gesundheit und der Nachhaltigkeit verpflichtet", aber von dieser Bezeichnung fühlen sich die wenigsten angesprochen. Gesund und nachhaltig leben, ja, das wollen viele, aber wer käme auf die Idee, sich selbst als "Lifestyle" zu bezeichnen?

Wer genauer wissen will, wer die strategischen Konsumenten sind und was sie verbindet, schaut am besten dort nach, wo sich alle modernen gesellschaftlichen Bewegungen formieren: im Internet. Zum Beispiel auf der Website utopia.de. Deren Gründerin Claudia Langer ist eine der Frontfrauen der neuen Verbraucher-Community. "Frontfrau", "Bewegung", "Utopie" – Claudia Langer verwendet solche starken Begriffe durchaus bewusst. Auch um klarzumachen, dass strategischer Konsum, so wie sie ihn versteht, kein Zeitgeistphänomen ist, kein Steckenpferd konsumsatter Wohlstandsbürger. Sondern das sichtbare Zeichen "einer historischen Zäsur".

Am Beginn der Bewegung: ratlose Konzernchefs

Claudia Langer ist Werberin, sie hat, unter anderem, Kampagnen für MTV, E.ON und die Deutsche Bank entwickelt, und sie besitzt eine feine Antenne für Stimmungen. Der Mann, der ihr vor etwa drei Jahren gegenübersaß, strahlte Unsicherheit aus. Da sei, sagte er, eine Veränderung in Gang, die er nicht erklären könne. Die Kunden seien unberechenbar geworden, ihre Kaufentscheidungen eigenwilliger. Was das bedeute? Wie sein Unternehmen reagieren solle? Der Mann war Vorstand eines Dax- Konzerns. Und die Werbefrau begriff, dass sich tatsächlich etwas Grundlegendes verändert hatte: Die Konsumenten, lange als passive "Zielgruppe" angesehen, wurden auf einmal als Machtfaktor wahrgenommen – allein dadurch, dass immer mehr von ihnen anders, bewusster konsumieren wollten.

Eine Community will die stille Revolution

Claudia Langer beschloss, der neu entstehenden Bewegung eine virtuelle Anlaufstelle zu verschaffen. Ein Jahr nach seiner Gründung hat utopia.de bereits 25 000 registrierte Mitglieder; dazu kommen Millionen Besucher. Sie tauschen Tipps aus, klicken sich durch "Showrooms" mit den neuesten Öko-Produkten, diskutieren in Foren – immer auf der Suche nach neuen Antworten auf die Frage: Wie und was kann ich konsumieren, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben? Es gibt allein in Deutschland vermutlich Hunderte Werbe- und Marketingexperten, die den Besuchern von utopia.de liebend gern Empfehlungen geben würden. Aber sie werden nicht gefragt. Strategische Konsumenten haben eine aus Unternehmersicht geradezu verstörende Eigenschaft: Sie lassen sich ungern verführen. Sie ignorieren ausgerechnet jene Botschaften, die nach allen Regeln der Werbekunst besonders wirksam sind: jene, die an Gefühle und Sehnsüchte appellieren.

Strategische Konsumenten erreicht nur, wer ihnen Fakten bietet, die ebenso verständlich wie vertrauenswürdig erscheinen. Dazu braucht es jedoch eigentlich keine Werbung, weshalb die Mitglieder der Bewegung auch lieber den Ratschlägen Gleichgesinnter vertrauen. Die werden reichlich erteilt, auf utopia.de ebenso wie auf anderen Internet- Treffpunkten wie karmakonsum.de oder lohas.de. Kaum ein Produkt des täglichen Bedarfs, zu dem es nicht eine grüne oder gute Alternative gäbe. T-Shirts, Jeans, Turnschuhe, Teppiche – Dutzende Hersteller bieten Ware, für die garantiert kein Minderjähriger schuften musste, kein Erntearbeiter mit Pestiziden verseucht wurde. Computer, Fensterscheiben, Autos, Fertighäuser: Selbst größere Anschaffungen können ökologischen und sozialen Ansprüchen gerecht werden. Utopia & Co. berücksichtigen auch Nischenprodukte wie etwa Dildos aus Ahornholz oder Rucksäcke mit Solarzellen zum Aufladen des iPods.

Besonderes Kennzeichen: resistent gegen Verführung

Für Menschen, die Öko und Bio immer noch gewohnheitsmäßig mit Erdfarben, Vollholzmöbeln und Verzichtsappellen assoziieren, hat der Streifzug durch die neuen Konsumenten-Communitys etwas Irritierendes. Da tummeln sich Zeitgenossen, die ebenso modebewusst wie technikbegeistert sind, Wert auf gutes Design legen und beim Einkaufen eher auf den Spaßfaktor als auf den Eurocent gucken. Die andererseits aber keinen Zweifel daran lassen: Mit uns kann nur Geschäfte machen, wer nachhaltig und fair produziert. Klare Prinzipien ohne erhobenen Zeigefinger, Verantwortungsbewusstsein gepaart mit Lebensfreude: Das, sagt die Utopia-Gründerin, sei die Erfolgsformel der „friedlichsten Revolution aller Zeiten“. Ihr gelinge, was die klassische Umweltbewegung noch vergebens versucht habe: „Wir treiben die Unternehmer vor uns her!“

Revolution machen! Die Welt verändern und dabei Spaß haben! Das klingt so einfach, so einleuchtend. Spricht etwas dagegen, sich der neuen Bewegung anzuschließen? Das haben sich auch die beiden Autoren gefragt. Und nach längeren Diskussionen festgestellt, dass sie darauf keine gemeinsame Antwort haben. Manchmal, wenn die Autorin wieder unschlüssig vor dem Supermarktregal steht, geht ihr eine kleine, gemeine Frage durch den Kopf. Sie lautet: Warum ich? Ein Wochenendeinkauf für die Familie kostet die Autorin zurzeit etwa 40 Euro: für Brot, Gemüse, Eier, Fleisch und Milchprodukte aus „normaler“ Produktion. Für dasselbe in Bio und Fair müsste sie etwa ein Viertel mehr bezahlen. Natürlich wäre das Geld gut angelegt. Auch wenn man, wie die Autorin, nicht sicher ist, ob bio in jedem Fall gesünder und leckerer ist: Der höhere Preis dafür bringt zumindest einen politischen Mehrwert. Er fördert eine Landwirtschaft, die ohne Pestizide und Mineraldünger auskommt, die keine Böden auslaugt, die Artenvielfalt schützt und Nutztiere pfleglich behandelt.

Die kleine, gemeine Frage lautet: Was bringt’s?

Was aber bewirkt diese Investition – mit Blick aufs große Ganze? Das Angebot an ökologischen Lebensmitteln nimmt zwar seit Jahren zu, ist aber bisher nicht über vier Prozent Marktanteil hinausgekommen. Was vermögen die paar gut gemeinten Euro eines Häufleins strategischer Konsumenten gegen die 50 Milliarden Euro Agrarsubventionen der EU – Steuergelder, die hauptsächlich in die Förderung der anderen Landwirtschaft fließen? Einer „konventionellen“ Agrarkultur, die nicht nur Böden, Grundwasser und Biodiversität schädigt, sondern doppelt so viele CO2-Emissionen verursacht, wie es ökologische Anbaumethoden tun? Als Steuerzahler subventionieren wir, mit 200 Millionen Euro im Jahr, den Abbau klimaschädlicher Braunkohle, wir geben 500 Millionen aus, damit auch weiterhin spritfressende CO2-Schleudern als Dienstwagen abgesetzt werden können, wir fördern den Betrieb von Atomkraftwerken mit insgesamt 2,4 Milliarden Euro und lassen es uns 8,7 Milliarden kosten, dass Flugzeuge die Atmosphäre mit steuerfreiem Kerosin aufheizen dürfen. Natürlich sollten wir diesen Öko- Wahnsinn beenden. Aber mit strategischem Konsum allein wird das nicht gelingen. Es gilt auch, falsche Strukturen zu zerstören, und das, findet die Autorin, ist Sache der Politik.

Der Autor sieht das anders. Drei Jahre lang hat er als Korrespondent in Berlin gearbeitet – und dabei Gelegenheit gehabt, Politiker und ihre Rituale aus nächster Nähe zu beobachten. Er hat erlebt, wie sie feilschten, stritten und tricksten, etwa um die Ratifizierung das Kyoto-Protokolls, um Abgasgrenzwerte oder Regeln für den Emissionshandel. Und wie sie am Ende doch nie einen Durchbruch erzielten – weil Lobbyinteressen, Parteiräson und nationale Egoismen stärker waren als ökologische Vernunft. Es ist an der Zeit, dass wir, die Bürger und Konsumenten, selber Politik machen, findet der Autor. Nicht nur mit Demos, Sitzblockaden, Schlauchboot- Aktionen: Durch strategischen Konsum könnten die Anliegen der Ökobewegung, die gesellschaftlich längst Konsens sind, endlich markttauglich werden. Wann wird das sein? fragt die Autorin zurück. Wie viele Einkaufswagen müssen die Konsumstrategen noch durch die Supermärkte der Republik schieben, bis ihre Erfolge sichtbar sind – abzulesen an sinkendem Energieverbrauch, an deutlich steigenden Marktanteilen für faire und grüne Waren?

Geschäft und Moral: Die Unternehmen ziehen nach

Wer nur auf Zahlen schaut, erwidert der Autor, übersieht Wesentliches: Dass die Verbraucher längst nicht mehr allein kämpfen. Dass auch immer mehr Unternehmer versuchen, Geschäft und Moral in Einklang zu bringen – nicht nur aus Angst, zu Getriebenen zu werden, sondern aus eigener Überzeugung. Da sind die Kleinen, die sich als Pioniere in ihren Branchen verstehen – wie etwa die Geschwister Moss, Gründer des Textilunternehmens „Slowmo“. Seit 2006 entwerfen sie lässige Großstadtmode aus 100 Prozent fair gehandelten, biologischen Materialien, produziert zu deutschen Tariflöhnen in einer Näherei in Berlin. Ein Experiment, das nur unter großen wirtschaftlichen Anstrengungen durchzuhalten ist, aber zum Vorbild taugt. Die Großen laufen hinterher: Auch bei H&M oder C&A gehört "ethical fashion" mittlerweile zum Standardangebot.

Die Kleinen preschen vor. Die Großen ziehen mit

Da sind Mittelständler wie der schwäbische Schokoladenfabrikant Alfred T. Ritter, der als erster deutscher Süßwarenunternehmer eine Ökobilanz für sein Unternehmen erstellen ließ. Der hohe Summen in nicaraguanische Kakao-Kooperativen investiert, die zu fairen Arbeitsbedingungen produzieren, und der neben seinem Stammgeschäft noch ein Unternehmen für ökologische Heizsysteme aufbaut. Und schließlich sind es Großunternehmen wie Toyota, die ihre Konkurrenz zu radikalem Umdenken zwingen – vor allem durch den Verkaufserfolg des hybridgetriebenen Prius in den USA. Während Hersteller wie General Motors hektisch an Alternativ-Antrieben forschen, hat sich Toyota schon das nächste Ziel gesetzt: ein Auto, das sich vollkommen emissionsfrei fortbewegt. Es lässt sich natürlich darüber streiten, ob viele vorbildliche Einzelinitiativen schon eine Revolution ausmachen – gerade in einer Zeit, in der Unternehmer langfristige Visionen zugunsten akuten Krisenmanagements zurückstellen müssen. Aber sogar die skeptische Autorin muss zugeben: Es gibt Anzeichen einer nachhaltigen Veränderung in der gesamten Wirtschaft.

Strategischer Konsum ist "die Kunst des richtigen Lebens in falschen Strukturen" – so lautet eine Definition frei nach einem berühmten Zitat von Theodor W. Adorno. Strategische Konsumenten dürfen sich also als Lebenskünstler fühlen, und viele finden, dass dies allein alle Mühsal aufwiegt: das Gefühl, seiner Zeit und seinen Mitmenschen voraus zu sein, und sei es nur um ein paar kleine Schritte. Wer "richtig" konsumiert, erwirbt einen Wohlstand ganz eigener Art: ein gutes Gewissen, oder, wie Utopia-Chefin Claudia Langer es ausdrückt, eine "emotionale Rendite". Die Autorin gesteht, dass sie mit diesen Begriffen nicht viel anfangen kann. Was soll strategischer Konsum, wenn er nicht auf konkrete Ziele gerichtet ist? Zuallererst natürlich auf dieses: den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Und zwar nicht nur den eigenen, sondern den möglichst vieler Menschen. Strategischer Konsum, so das zweite Ziel, muss sich aber auch auszahlen, in Euro und Cent. Das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass gerade in Krisenzeiten für die meisten Konsumenten erst der Spareffekt zählt, und dann die Moral. Wie lässt sich beides erreichen – so schnell wie möglich?

"Fang einfach an!" - Reicht das?

Eine gängige Antwort lautet: Fang einfach an. Mit kleinen Dingen. Setze zunächst die Tipps und Empfehlungen um, die am besten in deinen Alltag passen. Der Rest ergibt sich von selbst. Diese Antwort klingt ebenso einfach wie einleuchtend. Leider ist sie falsch. Michael Bilharz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München, gehört zu der überschaubaren Zahl von Menschen, die ökologisches Expertenwissen mit ökonomischem Sachverstand verbinden. Seit Jahren geht der studierte Betriebswirt einer Frage nach, die sich nur wenige strategische Konsumenten ernsthaft stellen: Welche Formen nachhaltiger Lebensführung sind besonders wirksam – gemessen in Kilowattstunden und Tonnen CO2?

Um das herauszufinden, hat er 24 umweltbewusste Verbraucher eingehend nach ihren Konsum- und Lebensgewohnheiten befragt. Die Teilnehmer, sämtlich Mitglieder einer Naturschutzorganisation, gehörten nach eigener Einschätzung zu jener Gruppe von Menschen, die zwar nicht alles, aber doch vieles richtig machen: häufig bio einkaufen, Müll sorgfältig trennen, das Licht nicht unnötig brennen lassen, Stand-by- Funktionen nicht nutzen, möglichst oft das Auto stehen lassen und, soweit es geht, auf Flugreisen verzichten. Dieses Verhalten sollte sich, vermuteten die Teilnehmer, auch in ihrer persönlichen Ökobilanz deutlich niederschlagen: Sie schätzten ihren Energieverbrauch um etwa ein Drittel niedriger ein als den deutschen Durchschnitt. Michael Bilharz überprüfte diese Selbsteinschätzung, indem er den Alltag der Versuchspersonen genau unter die Lupe nahm. Wie oft und auf welchen Strecken hatten sie ihr Auto in den vergangenen Monaten tatsächlich benutzt? Wohin waren sie geflogen? Wie viel Heizöl und Strom hatten sie verbraucht, welchen Anteil hatten Biowaren auf ihrem Speisezettel? Das Ergebnis der Analyse war ernüchternd: Der durchschnittliche Energieverbrauch der Versuchsteilnehmer lag ziemlich genau auf dem deutschen Niveau, teilweise sogar deutlich darüber.

Unökologisch: aufwendiger Lebensstil

Die ökobewussten Muster-Konsumenten hatten die Einspareffekte ihrer vielen kleinen Schritte schlicht überschätzt. Sie hatten nicht bedacht, dass "möglichst wenige" Flüge und Autofahrten sich in der Realität häufig zu längeren Strecken als gedacht addieren. Und dass die persönliche Umweltbilanz weniger von Alltagstugenden als vielmehr von langfristigen Grundsatzentscheidungen bestimmt wird: für das Leben in einer Mietwohnung oder im eigenen Haus, für einen Wohnsitz in der Stadt oder in einem Dorf ohne Nahverkehrsanbindung, für eine ortsgebundene Tätigkeit oder einen Beruf, der zu häufigen Reisen zwingt. Ein Faktor prägte die Bilanzen besonders deutlich – und zwar in einem Ausmaß, das viele wohlhabende Konsumenten desillusionieren dürfte. Wer über ein hohes Einkommen verfügt, zeigten die Ergebnisse, kann meist noch so bewusst konsumieren: Seine kleinen guten Taten werden fast immer durch seinen aufwendigeren Lebensstil zunichtegemacht – zum Beispiel größere Wohnfläche, höhere berufliche Mobilität, häufigere Fernreisen.

Die "Key Points" strategischen Konsums

Die tugendhaftesten Konsumenten, so Bilharz, sind meist diejenigen, die weniger aus Prinzip als aufgrund äußerer Umstände auf kleinem ökologischem Fuße leben: wie etwa die Rentnerin, die seit Jahrzehnten in zwei Zimmern haust, umgeben von alten Möbeln, und ihr Zuhause, wenn überhaupt, nur zu Fuß verlasst. Nun taugt die sparsame Rentnerin kaum als klimastrategisches Vorbild, weil ihre Lebensform selbst veränderungswilligen Konsumenten wenig attraktiv erscheint. Wer mag schon Haus, Hof und Auto aufgeben und auf jede Form energieintensiven Lustgewinns verzichten, nur um am Ende vor sich selbst und der Welt als moralischer Musterkonsument dazustehen? Das muss auch keiner tun, sagt Michael Bilharz. Denn es gibt andere Wege, die eigene Ökobilanz schnell und nachhaltig zu verbessern. Man muss dazu bei den eigenen Anstrengungen neue Schwerpunkte setzen: weg von den kleinen Schritten, hin zu den "Key Points" strategischen Konsums. Zu Investitionen, die zum Teil erheblichen Aufwand erfordern, aber dennoch machbar sind und, einmal umgesetzt, einen lebenslangen Spareffekt haben. Michael Bilharz nennt vier konkrete Maßnahmen:

  • gründliche Wärmedammung der eigenen Immobilie;
  • 10 000 Euro Investition in erneuerbare Energien. in Form einer eigenen Photovoltaikanlage oder
  • auch der Beteiligung an einem Wind- oder Solarkraftwerk;
  • Umsteigen auf ein Dreiliterauto oder, noch besser, Nutzung eines Carsharing-Angebots;
  • konsequente Umstellung des Speiseplans auf Biolebensmittel.

Nicht zu unterschätzen: die Vorbildwirkung

Wer zumindest drei dieser Vorschläge verwirklicht, sagt Bilharz, kann seinen ökologischen Fußabdruck auf jenes magische Flächenmaß senken, das im globalen Vergleich als verträglich gilt: 1,85 Hektar pro Person. Er spart, auf lange Sicht, Geld für Sprit und Heizkosten. Aber er erreicht noch mehr. Er trägt durch seine Investitionen zum Aufbau "richtiger", weil nachhaltiger Wirtschaftszweige bei – der Solarbranche und der Dämmstoffindustrie ebenso wie der naturnahen Landwirtschaft. Und, mindestens ebenso wichtig: Er tut es auf eine Weise, die auch für andere Konsumenten sichtbar ist. Dies ist, nach Bilharz' Überzeugung, ein stark unterschätzter Aspekt strategischen Konsums. "Viele Verbraucher haben bei ihren Kaufentscheidungen nur ihre eigene Ökobilanz im Auge."

"Dass sie damit auch andere beeinflussen, vielleicht sogar zur Nachahmung anregen, ist ihnen kaum bewusst. Viele verdrängen es sogar – man möchte ungern als Öko-Missionar erscheinen. Dabei hängt der langfristige Erfolg strategischen Konsums entscheidend davon ab, welche Breitenwirkung er entwickelt." Wie schnell man ohne viele Worte Überzeugungsarbeit leisten kann, hat Michael Bilharz selbst erlebt. Im Jahr 2000 ließ er auf dem Dach seines Elternhauses in einem badischen Dorf eine Solaranlage installieren. Zunächst erntete er skeptische Blicke. Aber nicht lange. Wenige Monate später wurde ein weiteres Haus mit Solarpaneelen bestückt: Es gehörte dem Stadtrat der CDU.

Die Homepage von utopia.de, der "Community für strategischen Konsum"
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