Wenzel Waschischek begibt sich auf Zeitreise und nennt sich die nächsten Tage Wachsamer Waschbär

Der Wachsame Waschbär ist ein Schamane und der älteste Häuptling des tapferen Indianerstammes der Mokajee

Mit Hilfe eines Salbei-Orakels versucht der Wachsame Waschbär in die Zukunft zu blicken

Jedes Jahr besuchen knapp 400 Kinder die Abenteuercamps

In seinem Abenteuercamp will Wenzel Waschischeck Kindern eine positive Einstellung zur Natur zu vermitteln

Als wäre sein Name nicht schon lustig genug, trägt Wenzel Waschischeck noch viele weitere Namen. Und er denkt sich ständig neue aus. Dann heißt er Wenzel Wunderlich und wird zu einem zerstreuten Zauberer. Oder er nennt sich Wenzel Wagemut und ist ein etwas tollpatschiger Schatzsucher. Als Wenzel Weshington will er die größte Stadt der Welt bauen. Und als spürnasiger Detektiv Wenzel Watson muss er Flüsse und Seen vor schlimmen Umweltkatastrophen retten.

In den nächsten Tagen wird er der Wachsame Waschbär sein, ein Schamane und der älteste Häuptling des tapferen Indianerstammes der Mokajee. Dazu muss man wissen, dass Wenzel Waschischeck sehr gemütlich aussieht, wie ein norddeutscher Buddha. Er hat einen mächtigen Bauch und ist nur sehr schwer aus der Ruhe zu bringen. Mit verschränkten Beinen und geradem Rücken sitzt er unter einer Jurte, die vor dem Regen schützt. Vor ihm auf einem Fell liegen der Schädel eines Büffels, die Feder eines Bussards, ein Stück Moos und etwas Salbei. Das Lagerfeuer knistert. Jetzt spricht er von sich selbst in der dritten Person, wie die Indianer es tun. Als er beginnt die Trommel zu schlagen, kommen Kinder aus allen Richtungen gelaufen und versammeln sich im Feuerkreis. Wildes Indianergeheul. Bemalte Gesichter. Sie tragen Stirnbänder mit Federschmuck und bunte T-Shirts, auf die sie ihre indianischen Namen geschrieben haben: Wütender Bison, Fliegende Mücke, Rote Feder, ein Liebes Pferd ist auch dabei.

Mit Hilfe eines Salbei-Orakels wird der Wachsame Waschbär nun versuchen in die Zukunft zu blicken. 23 Kinder verstummen abrupt. Vor ihren Augen verwandelt er sich in einen prächtigen Hirsch, dann in eine Kröte. Er hüpft umher und versucht Fliegen zu fangen. Kurz wird er ohnmächtig, doch im nächsten Augenblick scheint der Zauber zu wirken. Noch etwas benommen faselt er von Tränensteinen. Er sieht blaue Blitze in der Nacht, eine Schatzkarte. Und er sieht viele Männer, die sich auf den Weg zum Wald gemacht haben. Alle Bäume sollen gefällt werden. "Das müssen wir verhindern!", platzt es aus einem Jungen heraus, "es ist doch so schön hier!" Das Abenteuer kann beginnen.

Hinter einem alten Gutshof, der in Barnstedt bei Lüneburg liegt, führt ein Trampelpfad in den Wald. Buchen und Eichen wachsen hier. Grün und dunkel. Weicher Boden. Vögel zwitschern. Undurchschaubar. Jeder kennt das Gefühl, wenn man einen Wald betritt. Man glaubt, in eine andere Welt zu gehen. Die Augen müssen sich zunächst etwas an die Dunkelheit gewöhnen. Auch weit nach Morgendämmerung finden erst wenige Sonnenstrahlen den Weg durch das dichte Blattwerk. Alles ist viel ruhiger, der Wald dämpft die Geräusche. Es ist einer dieser Momente, in denen es von der einen auf die andere Sekunde anders riecht. Jetzt mischt sich der Duft von Waldmeister mit dem von frischem Moos und feuchtem Laub. Und dann verändert sich der Wald. Plötzlich ist er voller Geschichten. Er wird zum Zauberwald. Nun erzählen das Rauschen der Blätter, das Knarren der Stämme und der Wind die abenteuerlichsten Märchen. Jetzt sind auch Trommelschläge zu hören, die im gleichmäßigen Rhythmus durch den Wald hallen. Und da, etwas entfernt die Stimmen von Kindern. Es riecht nach Lagerfeuer. Wer den Trommeln folgt, entdeckt das versteckte Lager der Mokajee.

Wenzel Waschischeck ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der 39-Jährige veranstaltet Abenteuercamps für Kinder im Alter von sieben bis elf. Er geht mit ihnen auf Zeitreise, als Indianer ins Jahr 1870, als Zauberer und Gaukler ins Mittelalter oder als Clan in die schottischen Highlands zu den Ursprüngen des Fußballs. Kinder einer Grundschule aus dem niedersächsischen Hanstedt sind da, drei Tage werden sie Schamanen, Krieger und Waldläufer sein. Sie übernachten in Zelten. Traumfänger und Schutzamulette werden gebastelt, Stockbrot wird über dem Lagerfeuer geröstet, aus Brennnesseln wird Tee gekocht. Als eine Gruppe Waldläufer von einer Pirsch zurückkommt, berichten sie von Libellen und Fischen, von Fröschen und Schnecken. "Wir haben auch einen Igel gesehen", ruft Flinker Fuchs, eine Siebenjährige. Dann wird sie übermütig: "Und zehn Wildschweine!"

Am nächsten Tag herrscht große Aufregung. Ein unbekannter Mann ist in den Wald gekommen. Er will alle Bäume abholzen, um eine wunderschöne Stadt zu bauen. Doch er spricht mit gespaltener Zunge und will die Mokajee austricksen. Er verspricht ihnen Schokoladenfabriken und Spielzeuggeschäfte, Schwimmbäder und Spielplätze. Einige der Kinder überlegen, ob sie das Angebot annehmen sollen. Andere werden unruhig, hüpfen von einem Bein aufs andere. "Das geht doch nicht, wir brauchen den Wald", ruft Lachender Luchs. Und dann erklärt der Achtjährige dem Fremden aufgeregt, wie Photosynthese funktioniert: "Was wir nicht brauchen, brauchen die Bäume. Und was die Bäume nicht brauchen, brauchen wir!"

Die Mokajee ziehen sich zu einem großen Palaver in den Feuerkreis zurück. Wer etwas sagen möchte, bekommt den Redestab. Einer spricht, der Stamm lauscht. "Ich bin die Kleine Ameise und habe eine Idee, wie wir den Wald retten können." Und dann wundern sich viele, dass die Kleine Ameise, die in der Schule den Mund nie aufbekommt, plötzlich den Mut hat, hier vor allen zu sprechen. Mit Erfolg: Der Fremde lässt sich umstimmen, der Wald ist gerettet. Doch das Abenteuer ist noch nicht vorbei: Es werden rätselhafte Spuren gefunden, der Sheriff wird von einem Fluch befreit, ein Dieb klaut die heilige Tschanupa, das Zeitreiseinstrument, und die Mokajee wissen nicht, ob sie jemals in die Gegenwart zurückkehren werden.

Knapp 400 Kinder gehen mit Wenzel Waschischeck und den Umweltpädagogen der Abenteuercamps jedes Jahr auf Erlebnisreise. Vor elf Jahren wurde der gemeinnützige Verein gegründet. "Wir verknüpfen Abenteuer mit Umweltbildung und versuchen, eine positive Einstellung zur Natur zu vermitteln", erklärt Wenzel Waschischeck, "aber ohne Dogma, sondern durch Spaß." Gerade für viele Stadtkinder sind diese Abenteuer der erste intensive Kontakt mit der Natur. An lila Kühe glaubt zwar keiner mehr, aber für viele sind Enten gelb. "Und viele sind total erstaunt, wie ruhig und grün ein Wald sein kann", erzählt der zweifache Familienvater, "am ersten Tag vermissen sie noch den Fernseher oder ihren Computer, doch schon am zweiten Tag sind sie weniger angespannt, sie entschleunigen." Fragt man Claudia Ortmann alias Blaue Feder, eine der Lehrerinnen aus Hanstedt, hat sie den gleichen Eindruck: "Kinder, die im Unterricht viel unruhiger sind, finden hier mehr zu sich selbst", sagt sie, "sie sind mehr geerdet, da sie im Camp nicht so unter Druck stehen und die Zeit völlig vergessen können."

Wenn es dunkel wird im Wald, es aber in den Zelten keinen Strom für Licht gibt. Wenn Wildschweine grunzen oder Igel fauchen. Wenn das Wild hustet oder der Fuchs heiser bellt – "dann begegnen die Kinder auch ihren Ängsten", weiß Wenzel Waschischeck, "sobald der Erste aber zugibt, Angst zu haben, merken viele, dass sie nicht alleine sind. Die Kinder reden sich dann vieles von der Seele, wofür im Alltag oft keine Zeit bleibt." Wenzel Waschischeck sagt: "Die Gemeinschaft, aber auch das Selbstvertrauen jedes einzelnen Kindes wird gestärkt. Wer nachts im Wald steht und sich zurechtfindet, wird das sein ganzes Leben nicht vergessen."

Wenzel Waschischeck ist schon vieles gewesen in seinem Leben - Tankwart, Marktverkäufer und Altenpfleger, Student, Bestatter und Agent in einem Call-Center. Vor sieben Jahren aber fand er etwas, "wo ich mich selber gefunden habe". Gemeinsam mit seinem Sohn Lesu besuchte er damals ein Camp, wo Väter mit ihren Söhnen einen Tag lang gemeinsam Abenteuer erleben. Eine der Aufgaben war es, sich gegenseitig die Natur zu zeigen. Er hatte die Augen verbunden und sein dreijähriger Sohn führte ihn durch einen fremden Wald. "Eine absolut neue und unglaublich wertvolle Erfahrung", ist Waschischeck heute noch begeistert, "ich habe gemerkt, wie sehr ich von meinem Sohn lernen kann." Für ihn war klar: Er musste mehr über diese Camps erfahren. Heute sieht er die Welt mit Kinderblicken. Seit drei Jahren leitet er die Abenteuercamps als Geschäftsführer. Und es gibt sie immer noch, "die magischen Momente", sagt er. Wenn er zum Beispiel mit 23 Kriegern auf Spurensuche durch den Wald schleicht und keiner ein Wort sagt. Oder wenn jedes Kind am letzten Tag noch einmal für zehn Minuten alleine unterwegs ist und sich manche von einzelnen Blumen oder Kräutern verabschieden, mit Bäumen sprechen und diese umarmen. "Und natürlich wenn wir das Abenteuer gemeinsam gemeistert und den Schatz gefunden haben, dann sind die Kinder richtig glücklich", erzählt Wenzel Waschischeck, "und dreckig."

Nach mehreren Tagen im Abenteuercamp braucht er immer noch etwas Zeit, um aus der Welt der Indianer in den Alltag zurückzukehren. Lange noch fährt er viel entspannter Auto, sagt er, da ihm alles so unglaublich schnell vorkommt. Oder die Kassiererin im Supermarkt erschrickt, da er sie mit einem stolzen "Howgh" begrüßt. Und manchmal, wenn er in dieser Welt gefragt wird, was er beruflich so macht, und er Umweltpädagoge oder Geschäftsführer sagen könnte, antwortet Wenzel Waschischeck viel lieber etwas anders. Die einen verstummen dann irritiert, weil sie denken, sie würden veräppelt. Die anderen schweigen erwartungsvoll, weil sie meinen, er mache einen Witz, und die Pointe komme gleich, wenn er sagt: "Ich bin Waschbär von Beruf."

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