Hutewald im Solling

Heckrinder sehen ungefähr aus wie die ausgestorbenen Auerochsen. Sie sind nur etwas kleiner

Hutewald im Solling

Exmoorponys haben sich im "Außeneinsatz" bewährt - etwa im New Forest im Süden Englands

Hutewald im Solling

Stellenweise ist noch gut zu erkennen, dass die Eichen schon im 18. Jahrhundert im Abstand von neun mal neun Metern gepflanzt wurden

Hutewald im Solling

Tot oder lebendig: Eichen bieten Scharen von Lebewesen einen Lebensraum

Hutewald im Solling

Ein Glied in der Nahrungskette: Ein Wald-Mistkäfer labt sich an Rinderdung

Hutewald im Solling

Fichten-Monokultur trifft Eichenhutewald: Damit die neu gepflanzten Eichen unbehelligt wachsen können, müssen sie eingezäunt werden

Hutewald im Solling

Vor allem die Ponys machen den Buchen das Leben schwer. Das ist gut für die Eichen

Durch das wildromantische Reiherbachtal muss man eigentlich zu Fuß gehen. Stattdessen ruckele ich im Kombi mit Kurt Hapke, dem Leiter des Naturparks, und dem Förster Ralf Krannich den Waldweg am Bach entlang. Die beiden wollen mir etwas zeigen, auf das sie besonders stolz sind. Einen Wald oberhalb des Bachs. Und seine Bewohner. Vom Bachufer zu unserer Linken erhebt sich ein Schwarzstorch.

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Wir sind da. Ein Gatter, ein paar Schritte durch aufgeweichten Waldboden, Moos und Farn. Die Luft riecht grün. Und plötzlich stehen sie vor uns. Nur ihre Köpfe mit den imposanten Hörnern ragen aus dem brusthohen Adlerfarn. Ein wenig erinnern die Silhouetten der Rinder an steinzeitliche Wandmalereien. Oder an die muskulösen Todeskandidaten der spanischen Stierkampfarenen. Urzeitlich. Ursprünglich. Wild. Mit den rot- oder schwarzbunten Hochleistungskühen der norddeutschen Tiefebene haben sie jedenfalls kaum etwas gemein. Auf der anderen Seite des bewaldeten Hügels schlendert eine Gruppe kerniger Ponys mit zottelig aufgestellten Mähnen und gesenkten Köpfen über eine Lichtung.

Die Szene ist wie ein Blick in eine längst vergangene Zeit. Denn noch noch vor wenigen hundert Jahren dürfte ein solcher Anblick nicht ungewöhnlich gewesen sein. Auerochsen, die Urahnen der Hausrinder, bevölkerten die mitteleuropäischen Landschaften schon vor 250.000 Jahren. Doch schließlich wurde ihnen der Mensch zum Verhängnis. Er jagte den Auerochsen rücksichtslos und zerstörte seine Rückzugsräume. Im Jahr 1627 starb der letzte Vertreter seiner Art in einem Wald südlich von Krakau.

Die Rinder, die jetzt kauend vor uns zwischen über hundertjährigen Eichen stehen, sind Heckrinder, erklärt Krannich. Es sind Geschöpfe der Brüder Heinz und Lutz Heck, die in den 1920-Jahren die Tiergärten von Berlin und München leiteten. Sie begannen mit der Kreuzung ursprünglicher Rinderrassen, mit dem Ziel, dem Erscheinungsbild des Auerochsen möglichst nahe zu kommen.

Auch die Ponys, die jetzt außer Sichtweite sind, gehören einer besonderen Rasse an, es sind Exmoorponys. Sie unterscheiden sich nur wenig vom längst ausgestorbenen Wildpferd und leben im Südwesten Englands noch heute halbwild. Die Rinder und die Ponys teilen zwei Eigenschaften: Sie sind genügsam und robust, erklärt Krannich. Und genau das prädestiniert die Huftiere für ihren ungewöhnlichen Einsatz im Hutewaldprojekt im Solling.

Das Mittelgebirge im Weserbergland erstreckt sich nordwestlich von Göttingen bis an die Weser. Mit seinen 527,8 Metern ist auch der höchste Gipfel überschaubar, die Landschaft lieblich und größtenteils mit Buchen und Fichten bewaldet. Im Naturpark Solling-Vogler sind 80 Prozent der Fläche von Mischwald bedeckt. Große Teile davon stehen unter dem Schutz der europäischen FFH-Richtlinie. Darunter auch die 180 Hektar (das entspricht der Fläche von rund 200 Fußballfeldern), auf denen seit dem Jahr 2000 rund 30 Rinder und Pferde halbwild leben - zusammen mit Rehen, Wildschweinen und anderen "eingeborenen" Forstbewohnern.

Halbwild, das bedeutet: Die Tiere verbringen das ganze Jahr im Wald, bleiben aber an den Menschen gewöhnt und werden medizinisch betreut. Sie bringen ihre Kälber und Fohlen im Wald zur Welt. Und nur in Notzeiten füttern Krannich und seine Kollegen zu. Rinder und Ponys im Wald? Um zu verstehen, was das so genannte Nutz-Vieh im Wald soll, muss man die Zeit wieder ein paar Jahrhunderte zurückdrehen. Denn das Waldstück, in dem wir uns befinden, ist ein Hutewald, ein kulturhistorisches Denkmal. Ein Zeuge einer uralten Form der Waldnutzung, lange bevor Fichten-Monokulturen unser Bild vom Wald prägen konnten.

Die Waldhute (von hüten, Hut) wurde schon im frühen Mittelalter praktiziert. Im Wesentlichen bestand sie darin, dass die Bauern ihr Vieh in den Wald trieben, wo es sich an Kräutern, Büschen und Eicheln sattfraß, erklärt Krannich. Mancherorts, wie hier im Solling, legten die Menschen Eichenwälder extra für die sogenannte Eichelmast an. Damit die Bäume im Herbst möglichst viele Früchte abwarfen, wurden sie im Abstand von etwa neun mal neun Metern voneinander gepflanzt. "So hatten die heute zum Teil 250-jährigen Baumriesen genug Licht und Luft, um eine breite Krone auszubilden", sagt Hapke. Die Kronen bildeten kein geschlossenes Blätterdach und ließen so genug Licht durch für einen kräuterreichen Bodenbewuchs.

Mit dem Aufkommen der Stallhaltung und der intensiven Landwirtschaft geriet diese Form der Waldbewirtschaftung allerdings bald in Vergessenheit. Die Eichenhutewälder verkamen, viele verschwanden ganz. Und mit ihnen viele Tier- und Pflanzenarten, die in dieser besonderen, vom Menschen geprägten Landschaft einen idealen Lebensraum gefunden hatten. Man sieht es den Bäumen auf einen ersten Blick nicht an: Einzeln stehende, alte, auch tote Bäume sind wertvolle ökologische Nischen.

Ließen sich die Hutewälder wiederbeleben? Wie würde sich die Flora und Fauna verändern?

Die Idee zu dem Projekt hatte der Tierökologe Bernd Gerken, damals Professor an der Fachhochschule Lippe und Höxter. Er wollte mit einem Freiland-Experiment eine Theorie untermauern, die sogenannte Megaherbivorentheorie. Große Pflanzenfresser, so die Hypothese, prägten in vorhistorischer Zeit die Landschaften Europas. Sie hinterließen Spuren: Fraßspuren an Kräutern, Sträuchern und Bäumen, aufgewühlte und zerstampfte Erde, Dung. Und sie sorgten dafür, dass sich nicht überall schattiger Wald bilden konnte, dass sich halboffene mit offenen Graslandschaften und lichten Wäldern abwechselten: Lebensräume für licht- und wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten, die in schattigen Buchenwäldern keine Chance gehabt hätten. Die ursprüngliche Vegetation unseres Kontinents war demnach keineswegs ein dichter Wald, wie Archäologen bis vor wenigen Jahrzehnten glaubten. Erst als der Mensch nach Europa gelangte und die Wildtierfauna drastisch dezimierte, konnte großflächig dunkler Wald entstehen.

So weit die - bis heute umstrittene - Theorie. Sie durch Freilandexperimente zu untermauern, dürfte jedoch viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Doch wie wichtig jede einzelne der Einwirkungen und Spuren der großen Pflanzenfresser für die Ökosysteme ist, konnten Gerken und seine wissenschaftlichen Kollegen im Projektgebiet schon nach wenigen Jahren beobachten. Fünf Jahre lang begleiteten Biologen das Projekt wissenschaftlich, durchforsteten das Gelände nach seltenen Arten. Und füllten Ordner um Ordner mit den Namen seltener Vogelarten wie Uhu, Raufußkauz, Mittelspecht, Schwarzstorch, Rotmilan oder den Namen seltener Käfer wie dem Eremit oder dem Veilchenblauen Wurzelhals-Schnellkäfer. Ganz zu schweigen von seltenen Moosen, Algen und Flechten. Insgesamt wiesen Experten hier etwa 600 Arten nach, die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten für Niedersachsen stehen.

Bei unserem Rundgang stoßen wir immer wieder auf die Hinterlassenschaften der Rinder. Die rund 100 Tonnen Dung, die jährlich im Projektgebiet anfallen, sind ein gefundenes Fressen für Legionen von wirbellosen Lebewesen. 142 verschiedene Käferarten konnten Forscher im Mist der Weidetiere nachweisen. Der bekannteste unter ihnen ist der schwarzblaue, etwa daumennagelgroße Wald-Mistkäfer. Er begegnet uns bei unserem Spaziergang auf Schritt und Tritt. Und das ist gut so, denn er ist ein weiteres Glied in der Nahrungskette. Wildschwein, Dachs, Mausohr-Fledermaus und Neuntöter sind nur einige der indirekten Dung-Profiteure.

Eine entscheidende Voraussetzung für diese Artenvielfalt ist, dass der Wald nicht zuwuchert und damit lichtliebenden Arten die Lebensgrundlage nimmt, erklärt Hapke. "Es sind vor allem die Buche und die Hainbuche, die der Eiche Konkurrenz machen und den Waldboden verschatten." Um die kümmern sich nun vor allem die Pferde. Wie begrünte hüfthohe Stängel stehen die jungen Buchen traurig zwischen den Eichen. Da die Pferde regelmäßig die jungen Triebe beknabbern, haben die jungen Buchen keine Chance. Doch das hat seine Kehrseite. "Was die natürliche Verjüngung betrifft, betreiben wir hier 'Forstwirtschaft verkehrt'", meint Hapke schmunzelnd. So ist die biologische Vielfalt und der Erhalt des Kulturdenkmals "Eichenhutewald" mit großen Pflanzenfressern um den Preis der notwendigen Schutzmaßnahmen für junge Eichen erkauft.

Wie geht es nun weiter? Ist das Hutewaldmodell im großen Stil auf deutsche Wälder übertragbar? Eher nicht, sagt Hapke nüchtern. "Man muss bedenken, dass Tierbetreuung und -Management und Zaunbau große Kostenfaktoren sind. Auf großer Fläche kann man so etwas nicht kostendeckend betreiben." Zwar müssen die Tiere nicht von Hirten gehütet werden, aber kümmern müssen sich Krannich und seine Kollegen trotzdem um sie. Und zwar intensiv. So sind zum Beispiel unterschiedlichste veterinärrechtliche Vorschriften einzuhalten. Viermal im Jahr sieht sich der Veterinär die Tiere an. Er impft sie, überprüft ihren Gesundheitszustand anhand von Blutproben. Auch bei der Schlachtung seien zahlreiche Hygienevorschriften zu beachten, seufzt Hapke.

So, wie sich der Wald im Projektgebiet verändert hat, hat sich auch das Projekt selbst, eines der ältesten dieser Art, verändert. Was im Jahr 2000 als Freilandversuch mit 13 Kilometern Zaun begann, hat sich bis heute zu einem Naturschutzprojekt mit kulturhistorischem Hintergrund gewandelt. Ein positiver Nebeneffekt: Das Aushängeschild "Huteeichenwald" erhöht die Attraktivität der eher strukturschwachen Region. Zum Beispiel durch die "Ochsenwochen im Solling" in jedem Herbst. Dann gibt es hier Fleisch zu kosten von Rindern, die man artgerechter nicht halten kann. Und die Besucher haben die seltene Gelegenheit, den friedlichen und urtümlichen Großsäugern in - fast - freier Natur zu begegnen.

Es ist vor allem diese Begegnung, die Touristen in den Solling lockt. "Große Pflanzenfresser im Wald zu erleben, das ist etwas ganz Besonderes", schwärmt Hapke und blickt wieder hinüber zu der Stelle, wo eben noch die Rinder standen. Aber die sind schon lautlos weitergezogen. Nur hier und da ragt noch ein Paar der imposanten Hörner aus dem Adlerfarn. Hörner, die so gar nicht zu dem scheuen Wesen dieser massigen Tiere passen wollen.

Ein Projekt, viele Partner

Unternehmungen wie das Hutewaldprojekt im Solling leben von der Kooperation von Menschen, Behörden und Institutionen. Als Grundeigentümerin stellt die Niedersächsische Landesforsten (NLF) das Projektgebiet zur Verfügung. Finanziell gefördert wird es vom Niedersächsischen Umweltministerium. Für die wissenschaftliche Begleitung sorgen die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, die Waldökologen der NLF und Naturschutzexperten der Landkreise. Der Naturpark Solling-Vogler übernimmt die Koordination des Projekts, das Tiermanagement und die Öffentlichkeitsarbeit.

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