Rossmeer Der Kampf um den letzten Ozean

Nein, es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, wie viel Leben ist auf und unter dem Packeis des antarktischen Rossmeers. So viel, dass nun Fangflotten einlaufen, um einem seltenen Fisch nachzustellen – und damit auch den letzten unberührten Ozean auszubeuten. Der Fotograf John Weller empört sich darüber – mit Bildern, die das entlegene Meer in heroischer Pracht feiern

Das Ende aller Ozeane, Mitte November: Es sieht fabelhaft aus. Die Schollen des Packeises, die am Rande des Turtle Rock auf das Grundgestein des antarktischen Kontinents branden, haben sich in der Tiefe zu einem gigantischen Labyrinth aufgeschoben. Wie ein gefrorenes Unterwasserschloss wölbt es sich über die schwarzen, zerklüfteten Felsen: Galerien, Torbögen, geschwungene Wände aus blauem Eiskristall, 15 Meter unter der Oberfläche. Nur ein paar einzelne Lichtstrahlen durchdringen die Decken der Katakomben; und nur die fernen, sirenenartigen Rufe der Robben durchbrechen die Stille. Er taucht hinein. So verlockend wirkt diese Stelle des Rossmeeres, tief im Innern des McMurdo Sound. Etwa 78 Grad südlicher Breite: Näher zum Südpol kann man nicht schwimmen, nicht segeln. Das letzte, entlegenste Ufer der weltweiten Ozeane – das hat John Weller gesucht.

Er stellt sein Stativ auf. Da trifft ihn der Schlag, er spürt nichts mehr

Der Fotograf gleitet begeistert über die Scharen der karmesinroten Seeigel, der Kammmuscheln, Asselspinnen und malvenfarbenen Seesterne auf dem Meeresboden. Sein Tauchpartner bleibt am Eingang der Höhle zurück und wartet dort, während Weller sich unter einem geschwungenen Flügel aus Eis weiterzwängt, stets penibel darauf bedacht, mit den Flossen kein Sediment aufzuwühlen, die Orientierung nicht zu verlieren. Nur ein paar Meter noch, in eine weitere Kammer. Er stellt sein Stativ auf. Da trifft ihn der Schlag. Ein Schmerz zuckt in seinen Nacken, als träfe ihn ein Hammer. Eine Schockwelle rast durch seinen Körper, die Muskeln verkrampfen, er spürt nichts mehr, hört nichts mehr. Dann wird ihm schwarz vor Augen.

Weddellrobben stoßen Schallimpulse aus, die Menschen paralysieren

Als er kurz darauf wieder erwacht und endlich Zeit findet, seine Angst zu spüren, da liegt er im schwarzen, eisigen Schlamm, auf dem Boden der Höhle – und über ihm, einige Meter entfernt, schwebt reglos ein Weddellrobben-Bulle. Massig. Mehr als zwei Meter lang. Das Tier starrt Weller an. Noch immer benommen, am Rand der Panik, kriecht der Fotograf rückwärts. Saugt gierig den kostbaren Luftvorrat seiner Flaschen ein. Er tastet, den Blick auf die Robbe geheftet, an der Eiswand entlang zum Höhleneingang und taucht schließlich auf – unbedrängt: Die Robbe bleibt in ihrem frostigen Schloss zurück. Was passiert ist, werden ihm erst Tage später Forscher erklären: Weddellrobben stoßen Schallimpulse von mehr als 190 Dezibel aus – die so laut sind, dass man sie nicht mehr als Geräusch, sondern als physischen Schmerz spürt. Und die Tiere und Menschen paralysieren. Wozu die Tiere ihre Akustikwaffen benutzen, ist unklar. Vielleicht um kilometerweit unter Wasser zu kommunizieren oder um Beutetiere zu betäuben, etwa den großen Antarktischen Seehecht. Manchmal nutzen Weddellrobben ihre Tonschläge anscheinend auch, um Atemlöcher oder in der Paarungszeit ihre Reviere zu verteidigen.

Das Rossmeer: der "Letzte Ozean"

Vor John Weller hat kein Mensch die Schallwaffe am eigenen Leib gespürt. Ein Glücksfall, könnte man sagen, Weller selbst jedoch sieht den Tauchgang, von dem er beinahe nicht mehr zurückgekehrt wäre, vor allem als Warnung. Ihm wird zum ersten Mal klar, wie weit er sich vorgewagt hat, wie viel er riskiert, um diese unbekannte, bedrohte Wasserwelt der Antarktis zu dokumentieren: das Rossmeer, den "Letzten Ozean".

Lesen Sie die ganze Reportage im GEO Magazin Nr. 4/2015.

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