Geowissenschaft: Ein Gewässer ohne Boden

Warum ist der Baikalsee trotz stetiger Zufuhr von Schlamm- und Erdmassen nicht längst verflacht und verlandet? Ein sibirischer Forscher hat dies jetzt herausgefunden

Der Baikalsee muss eine Menge schlucken:

die Sedimentmassen, die 336 Zuflüsse mit sich bringen; dann alles, was Erdrutsche, Steinschläge und Schlammlawinen abladen, die immer wieder von seinen Ufern abgehen. Doch wie ein Fass ohne Boden scheint der älteste, tiefste, wasserreichste und sauberste See der Erde alles aufzunehmen, was in ihn eindringt – bei einem konstanten, gigantischen Wasservolumen von rund 24000 Kubikkilometern.

Der Geologe Boris Agafonov vom russischen Institut für Erdkrustenforschung in Irkutsk wollte es genauer wissen – und machte überraschende Entdeckungen: Von Agafonov ausgewertete Satellitendaten ergaben, dass sich das Becken des Sees mit einer Geschwindigkeit von rund fünf Millimeter pro Jahr weitet. Allein dadurch nimmt sein Volumen jährlich um etwa 20 Millionen Kubikmeter zu. Und nicht nur das: Seismische Untersuchungen zeigten, dass der Boden des "heiligen Sees" der Russen instabil ist. Er sackt ab.

Verantwortlich dafür sind Bewegungen in der Erdkruste. Denn der Baikalsee liegt in einer seismisch aktiven Zone. Er entstand im Zuge der Kollision des indischen Subkontinents mit Asien. Diese setzte vor rund 45 Millionen Jahren ein, als sich die indische Erdkrustenplatte wie ein Keil in die eurasische Platte bohrte. Infolgedessen bildeten sich Störungen oder Verwerfungen im Gestein, entlang derer Gesteinspakete nahezu parallel einbrachen oder absanken: Es entstand ein Grabenbruch und darin schließlich in Jahrmillionen das 636 Kilometer lange und bis zu 80 Kilometer breite Becken des Baikalsees.

Und das gibt bis heute keine Ruhe: Da entlang des Grabenbruchs permanent neues Krustenmaterial aufsteigt und seitwärts driftet, dehnt sich der Graben – und damit auch das Baikalbecken. Während dieser Dehnungsprozess kontinuierlich ablaufe, so Agafonov, finde die Senkung des Beckens sprunghaft statt – infolge von Erdbeben. Seismische Profildaten hätten gezeigt, dass sich das Baikalbecken bei einem Stärke-9-Beben von 1959 schlagartig um 200 Millionen Kubikmeter vergrößert hat.

Insgesamt habe sich das Volumen des Sees durch die Erdkrustenbewegungen seit 1862 – dem Beginn der Datensammlung – um fast vier Milliarden Kubikmeter erhöht. Setze sich der Prozess im Baikal-Riftsystem fort wie bisher, so vermuten Geologen, werde der Kontinent Asien irgendwann auseinander reißen. In ferner Zukunft werde der Baikalsee schließlich Ausgangspunkt eines neuen Meeres sein, das dann Asien teilt.

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