Umwelt: Feder-Fresser

Mit Bakterien und Enzymen lassen sich Geflügelfedern umweltfreundlich aufbereiten

Wer denkt schon beim Verzehr eines knusprigen Hähnchens an die Federn, die das Tier gelassen hat, bevor es auf den Teller kam? Doch gerade die werden für Geflügelschlachtereien und Hersteller von Daunendecken mittlerweile zum Problem. Denn bei einer jährlichen Geflügelproduktion von etwa 900000 Tonnen fallen mehr als 22000 Tonnen Federn an. Und die müssen entsorgt werden.

Neben der Vernichtung in Tierkörperbeseitigungsanlagen und der Kompostierung wird ein Großteil der Federn zu Federmehl verarbeitet, das wie-derum als billiger Zusatzstoff für die Produktion von Kleintierfutter zum Einsatz kommt. Die Futterage ist jedoch in dieser Form mehr Ballaststoff als hochwertiges Futterprotein, da es kaum verdaulich ist.

Um höherwertiges Eiweiß aus Federn zu gewinnen, werden bislang Salzsäure und Natronlauge unter hohem Druck eingesetzt, die die stabilen und unlöslichen Keratinmoleküle, aus denen das Gefieder hauptsächlich besteht, "zerschneiden" können. Dadurch entstehen freilich umweltbelastende Salzfrachten und krebserregende Chlorverbindungen.

Doch es geht auch anders, wie der Bioverfahrenstechniker Herbert Märkl und sein Team von der TU Hamburg-Harburg bewiesen haben. Sie entwickelten biotechnologische Methoden, mit denen sich das Keratin umweltfreundlich aufbereiten lässt. Dazu werden die Federn bei 70 Grad Celsius von speziellen Bakterien oder von ihnen produzierten Enzymen angegriffen. Die Folge: Die Mikroorganismen oder deren Fermente zersetzen das Keratin in leicht verdauliche Peptide oder Aminosäuren. Damit steht ein hochwertiger Eiweiß-Futtermittelzusatz zur Verfügung.

Die neuen biotechnologischen Verfahren haben folglich, so die Wissenschaftler, den Vorteil, dass sie Umweltschutz mit ökonomischem Nutzen verbinden. Jedenfalls, wenn sich eine industrielle Verwertung aufbauen lässt. "Ziel ist es, in nächster Zeit ausreichende Mengen an Enzymen für die technische Nutzung herzustellen und eine Weiterverarbeitung der Rückstände zu Biogas und -dünger zu etablieren", sagt Julia Brodersen aus der Arbeitsgruppe.

Auf dem Gottesacker von Sankt Georgen im Schwarzwald testet Rechtsmediziner Graw nun gemeinsam mit Bodenkundlern und Umwelthygienikern die Thermo-Variante neben mehreren Bodenbelüftungs- und -entgasungs-Methoden. Erde zu Erde - dazu braucht es bei widrigen Umständen wohl doch technischer Nachhilfe.

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GEO Nr. 05/97
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