Klimatologie: Wasserstand auf der Leinwand

Venedig versinkt im Schlamm der Lagune - aber wie schnell? Auf der Suche nach Informationen wurden Klimaforscher bei "Alten Meistern" fündig

Prächtige gotische Palazzi, elegante Bürgerhäuser aus Renaissance und Barock, Brücken und immer wieder die Piazza San Marco! Fasziniert zog Giovanni Antonio Canal, der sich Canaletto nannte, mit dem Skizzenblock durch seine Heimatstadt. Nicht auf religiöse oder historische Szenen hatte er es abgesehen - die Architektur und das alltägliche Leben auf Plätzen und Kanälen Venedigs wollte er festhalten.

Über 200 Gemälde Canalettos (1697-1768) zeigen die Lagunenstadt mit fast fotografischer Genauigkeit. Denn der Künstler hatte Skizzen zu seinen Bildern mithilfe einer Lochkamera (Camera obscura) festgehalten. Selbst den schmierigen Algengürtel, den die Flut an Häuserwänden hinterlassen hatte.

Ein winziges Detail nur, aber gerade das interessierte die Umweltwissenschaftler Dario Camuffo und Giovanni Sturaro besonders, die einige Bilder des Meisters sowie seines Neffen Bernardo Bellotto (1721-1780) als "Zeitzeugen" für das kaum merkliche, aber unaufhaltsame Versinken Venedigs herangezogen haben.

Denn der grünlich-braune Gürtel, verursacht von der Alge Laminaria, diente den Forschern vom Istituto di Scienze dell'Atmosfera e del Clima in Padua als Bioindikator für die mittlere Fluthöhe zu jener Zeit. Anhand von auffälligen Gebäudemerkmalen - Treppenstufen, Ornamenten an Portalen oder dem Abstand eines Fensters zur Algenlinie - verglichen sie den heutigen Wasserstand mit dem des 18. Jahrhunderts.

Das Resultat, das sie 2003 in ihrer Abschlusspublikation vorweisen konnten: Die Stadt liegt heute durchschnittlich 69 Zentimeter tiefer in der Lagune als damals.

In einer ersten Schätzung vor rund zwei Jahren waren die Forscher noch von einem Absinken von etwa 80 Zentimetern ausgegangen. Aber auch "nur" 69 Zentimeter in 250 Jahren sind langfristig besorgniserregend.

Kaum eine Rolle spielt dabei das Absinken des Untergrunds durch tektonische Prozesse seit dem Holozän. Hauptursache ist vielmehr der weiche Untergrund: Venedig ist buchstäblich auf Sand gebaut, auf kies- und tonhaltigen Alpensedimenten, die der Fluss Brenta in die Lagune spülte und zu 118 Inselchen auftürmte. Drei Meter lange Pfähle aus Eichen-, Erlen- oder Pappelholz wurden zum Abstützen kanalnaher Gebäude in einem etwa 50 Zentimeter breiten Streifen in den Boden gerammt. Das eigentliche Fundament wurde mit wasserundurchlässigem Kalkstein gelegt. Doch der Bau zahlreicher prachtvoller Paläste im 17. Jahrhundert hat den statischen Druck auf den Boden beträchtlich erhöht. Und massives Abpumpen von Grundwasser für industrielle Zwecke zwischen 1930 und 1970 ließ Venedig allein in diesem kurzen Zeitraum um 10 bis 12 Zentimeter absinken.

Immer größere Bedeutung gewinnt unterdessen der steigende Meeresspiegel, bedingt durch die globale Erwärmung. Der "relative sea level rise", der erstmals 1872 instrumentell nachgewiesen wurde, beträgt inzwischen 30 Zentimeter.

Die Untersuchungen von Camuffo und Sturaro schlossen eine Informationslücke und ermöglichen eine Prognose, die wenig optimistisch stimmt: Die Stadt wird weiter sinken - um etwa zwei Millimeter pro Jahr. Um den Prozess zu verlangsamen, empfiehlt Camuffo, Wasser in Venedigs Grund zu pumpen, damit das Weltkulturerbe nicht so bald untergeht.

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GEO Nr. 05/97
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