Klimaforschung II: Die Alpen bröckeln

Nicht nur Gletschern setzt die Klimaerwärmung zu. Auch härteste Felsengipfel sind betroffen

Die Liste der Schauplätze liest sich wie das "Who's who" der Alpen. Eiger-Nordwand, Matterhorn, Mönch, Piz Bernina, Dent Blanche, Zugspitze und noch 24 weitere Berge traf es im Hitzesommer 2003. Und den Dolomiten brach in diesem Jahr schon zweimal ein dekorativer Zacken aus der Krone, darunter eine 50 Meter hohe Felsnadel der "Cinque Torri" bei Cortina d'Ampezzo.Felsstürze sind an sich nichts Ungewöhnliches. Sie sind Teil der natürlichen Erosion von Gebirgen - wie vermutlich im Falle der Cinque Torri. Akuter Auslöser ist meist sommerlicher Starkregen. Doch sie scheinen sich zu häufen und dringen umso mehr ins Bewusstsein, wenn Geröllhalden den Bergsteigern altbekannte Kletterpfade zum Gipfel versperren. Besonders spektakulär war der Abgang an der Ostflanke des Mont Blanc im Aostatal, wo 1997 in einem Rutsch zwei Millionen Kubikmeter Granit zu Tal donnerten.

Und weil im Rekordsommer 2003 heftige Niederschläge nahezu ausblieben, gibt es für die Häufung von Ereignissen in diesem Zeitraum nur eine plausible Erklärung: Die Klimaerwärmung drängt langsam, aber stetig den stabilisierenden Permafrost zurück. Jene Regionen in den Alpen, wo auch im Sommer die Bodentemperaturen in einigen Metern Tiefe ständig unter null Grad Celsius liegen, schrumpfen.

An der Universität Zürich erforschen die Geographen Stephan Gruber und Jeannette Nötzli die mit dem Rückgang des Permafrostes verbundenen Prozesse und Naturgefahren. Sie sammeln Informationen über Felsstürze, und um Vorhersa-gen über Fels-Instabilitäten machen zu können, hat Gruber ein Computermodell entworfen, mit dem sich räumliche Verteilung und zeitliche Entwicklung von Oberflächentemperaturen im Fels ermitteln lassen.

Ihr Modell überprüften die Forscher im Gebirge und installierten dazu in 2000 bis 4500 Meter Höhe Wärmesensoren - an 21 Steilwänden, unter anderem im Monte-Rosa-Massiv, am Kleinen Matterhorn und am Jungfraujoch. Der gemessene Temperaturverlauf des Jahres stimmte sehr gut mit der Simulation überein.

Dem Modell entsprechend, lassen zwei Einflüsse den Permafrost weichen: erhöhte Lufttemperatur und Sonneneinstrahlung. Während an Nordseiten die Felstemperatur annähernd der Lufttemperatur folgt, zehrt an Südhängen zusätzlich die Sonne. "Tiefgefrorener" Boden ist heute fast nur noch an schattigen Nordseiten zu finden. Ist die Luft wie im Sommer 2003 extrem aufgeheizt - die Temperaturen lagen europaweit drei Grad über dem jährlichen Durchschnitt -, weicht der Frost im Fels weiter zurück als üblich. Eis, das Felsklüfte sonst wie Klebstoff verbindet, schmilzt, und Wasserdruck baut sich auf. Der Fels gibt nach und rutscht ab. Besonders instabil ist der zerklüftete Fels zwischen minus 1,5 und null Grad Celsius.

Glaubt man den Szenarien der Klimaforscher, werden heiße Sommer bereits in wenigen Jahrzehnten wesentlich häufiger als heute auftreten. Modelle wie das von Stephan Gruber sollen helfen, Infrastruktur-Planungen im Gebirge an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Zum Beispiel auch, wenn es um Plätze für künftige Bergstationen und bei steigenden Temperaturen noch rentable Skihänge geht.

Die Forscher

Felssturz und Gletscherschwund 2003

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GEO Nr. 05/97
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