Klimaforschung I: Schuld ist nicht die Sonne

Eine Rekonstruktion der solaren Aktivität seit 850 n.Chr. bringt neue Fakten in die Debatte um unser aufgeheiztes Klima

Seit 1940 verzeichnen Wissenschaftler eine ungewöhnlich starke Zunahme der Aktivität der Sonne, verbunden mit Gasausbrüchen, Strahlungsstürmen und Flecken auf unserem Zentralgestirn. Letztere sind dunkle Zonen starker Abkühlung, in denen Magnetfelder den Energienachschub aus dem Sonneninneren behindern. Die Zahl der Flecken variiert in einem Zyklus von etwa elf Jahren und wird überlagert von längerfristigen Schwankungen.

Die zeitliche Änderung der Sonnenaktivität deckt sich verhältnismäßig gut mit dem mittleren Temperaturverlauf auf der Erde. Ist daher die nachweisliche Erwärmung des Erdklimas nichts weiter als eine Folge der erhöhten solaren Energieabstrahlung der letzten Jahrzehnte? Offenbar nicht, wie nun auch die Studien eines Teams um den Physiker Sami Solanki vom Lindauer Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung ergeben haben. Die Wissenschaftler werteten in polaren Eiskappen die Häufigkeit des Isotops Beryllium-10 aus, das beim Eindringen energiereicher kosmischer Strahlung in die Erdatmosphäre entsteht.

Je intensiver die Strahlung, desto mehr Beryllium wird gebildet. Die Intensität der Strahlung hängt von der Stärke des Sonnenmagnetfeldes ab und diese Stärke wiederum von der Anzahl der Sonnenflecken. Also ist die über Jahrhunderte im Eis eingeschlossene Menge an Beryllium-Isotopen ein Maß für die Sonnenaktivität. Auf dieser Basis gelang die Bestimmung der Sonnenfleckenzahl bis ins Jahr 850 n. Chr.

Die historischen Klimaschwankungen korrelieren den Ergebnissen zufolge sehr gut mit der jeweiligen Aktivität der Sonne. So gab es erhöhte Sonnenaktivität in Warmzeiten, etwa zwischen den Jahren 1100 und 1250, als die Wikinger in Grönland siedelten. Für die Warmperiode der letzten 30 Jahre aber klaffen die Berechnungen auseinander - trotz des starken Anstiegs der Sonnenfleckenzahl seit 1940 müsste es auf Erden kühler sein, als es derzeit ist. Damit kann die Sonne nicht für die globale Erwärmung seit etwa 1970 verantwortlich gemacht werden. Sami Solanki: "Die naheliegendste Ursache für den augenblicklich starken Anstieg der Erdtemperatur ist damit wohl tatsächlich der Treibhauseffekt."

Das schwedische Institut für Solarphysik (englisch)

Rundum-Ansicht eines Sonnenflecks von der NASA

Alle GEOskope aus dem Magazin Nr. 10/04

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