Biologie: Leben in den Wipfeln

Ein Würzburger Biologe hat heimische Baumkronen als dicht besiedelte Ökosphäre entdeckt

In den Tropen gehört seine Disziplin schon zum Standard: die Baumkronenforschung (siehe GEO Nr. 12/1986 und Nr. 5/ 1990). In mitteleuropäischen Wäldern dagegen ist Andreas Floren ein Pionier.

Um die Tiere aus den Wipfeln in sein Labor zu holen, scheut der Wissenschaftler am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie an der Universität Würzburg keine Mühe. Manchmal schwebt er sogar im Luftschiff zu den obersten Astspitzen 40 Meter hoher Eichen, um dort spezielle Fallen aufzuhängen. Seine Hauptmethode ist jedoch das Benebeln (Fogging). Dazu wird die Baumkrone mit dem Gliedertiergift Pyrethrum eingesprüht. Die Tiere fallen vom Baum und werden in großen Plastikplanen am Boden aufgefangen. Pyrethrum zerfällt in wenigen Stunden und hinterlässt laut Floren keine Spuren im Ökosystem. 400 Benebelungen hat der Zoologe schon durchgeführt. Jede liefert das Bild einer Baumkronen-Lebensgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ein einmalig umfangreicher Probensatz, dem der Biologe seine jetzt vorgestellten Ergebnisse verdankt.

Danach teilen sich bis zu 40000 Spinnen und Insekten den Lebensraum in luftiger Höhe. Eine gigantische WG von Gliedertieren (Anthropoden) mit mehreren hundert Arten. Die häufigsten sind Mücken und Fliegen (Diptera), die bis zu 40 Prozent aller Individuen ausmachen. Danach folgen Käfer (Coleoptera) und Rindenläuse (Psocoptera). Außerdem stieß Floren häufig auf Tierarten, die als selten oder bedroht gelten. Zahlreiche Vertreter der Mücken, Fliegen und Hautflügler waren der Wissenschaft sogar gänzlich unbekannt.

"Die Baumkronenforschung ist von unschätzbarem Wert für die Waldökologie", sagt Floren. Um das Ökosystem natürlicher Wälder mit dem von bewirtschafteten zu vergleichen, hat der Forscher unter anderem im polnischen Bia?owie?a-Nationalpark gearbeitet, einem der letzten echten Urwälder Mitteleuropas. Ergänzend untersuchte er Eichen, Buchen und Linden in deutschen Wäldern.

Überraschenderweise fand Floren in den Baumkronen kranker Wälder nicht unbedingt weniger Arthropoden - die Arten waren aber ganz anders zusammengesetzt: In den Urwaldbäumen lebt eine ausgewogenere Gliedertiergemeinschaft als in den Wipfeln bewirtschafteter Wälder. Auffällige Dominanzen einzelner Arten gibt es nicht. Schon lange wird vermutet, dass es deshalb in bewirtschafteten Waldgebieten immer wieder zum Massenauftreten von Schädlingen kommt, die alles kahl fressen - während dieses Phänomen in Urwäldern weitgehend ausbleibt.

Alle GEOSKOPE aus dem Magazin Nr. 12/04

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