Interview: Leben leuchtet

Jede tierische oder pflanzliche Zelle sendet Licht aus, so genannte Biophotonen. Manche Forscher halten das Phänomen für ähnlich bedeutsam wie die Entdeckung der Röntgenstrahlen

Ob Lebensmittelqualität, Krebsdiagnostik oder Bestimmung der Akupunkturbahnen: In essenziellen Gesundheitsbelangen spielen Biophotonen angeblich eine große Rolle. Das Bundesministerium für Bildung fördert seit kurzem einen Forschungsverband Biophotonik mit über 30 Millionen Euro. Trotzdem ist das Gebiet noch immer umstritten. GEO sprach mit dem Quantenphysiker Fritz-Albert Popp, dem Leiter des internationalen Instituts für Biophysik in Neuss.

Herr Professor Popp, warum leuchten wir alle? Fritz-Albert Popp: Lebewesen sind offene Systeme, denen äußere Energie zugeführt wird. Die ständige Anregung etwa durch Nahrung und Sonnenlicht bewirkt eine dauerhafte Aussendung von Lichtquanten, den Photonen. Für unsere Augen ist die Strahlung allerdings zu schwach, schwächer als eine Kerzenflamme aus 20 Kilometer Entfernung. Man kann sich Lebewesen als extrem schwache Kerzen vorstellen, die unter Sauerstoffverbrauch permanent brennen und leuchten. Mit Temperaturstrahlung hat das aber nichts zu tun.

Wie lässt sich diese Strahlung nachweisen? Schon 1923 hat der russische Biologe Alexander Gurwitsch das Phänomen entdeckt. Doch es hat noch über 50 Jahre gedauert, bis Biophotonen mit so genannten Restlichtverstärkern - Geräten, die extrem schwaches Licht sichtbar machen - eindeutig nachgewiesen werden konnten.

Biophotonen werden offenbar hauptsächlich von der Erbsubstanz DNS abgegeben. Welchen Grund sehen Sie dafür? Ich denke, das Licht ist der eigentliche Informationsträger des Lebens. Das Leuchten zeugt von einem extrem hohen Informationsaustausch in und zwischen den Zellen. In einer Zelle müssen circa 100000 chemische Reaktionen pro Sekunde zum richtigen Zeitpunkt und an der richtigen Stelle gesteuert werden. Das machen die Biophotonen. Die wichtigste Matrize, der sie diese gigantische Informationsflut entnehmen, ist die DNS.

Wie können Biophotonen denn auf die Zellmoleküle einwirken? Biophotonen regen Moleküle nicht nur zu chemischen Reaktionen an, sondern bewegen sie auch über elektromagnetische Feldkräfte in geeignete Positionen. Ohne Biophotonen würden wir in kürzester Zeit in eine Art chemischen Zellbrei zusammensinken. Darüber hinaus werden die übrigen Zellen durch Biophotonen über das Geschehen im Zellverband informiert. Nur das ermöglicht eine geordnete Verständigung über Wachstum, Koordination und Differenzierung. Experimentell lässt sich das durch zwei Gläser mit derselben Blutprobe nachweisen: Gibt man in das erste Glas einen Erreger, leiten auch die Blutzellen im zweiten Glas eine Abwehrreaktion ein. Dies unterbleibt, wenn man die Gläser mit einer lichtundurchlässigen Barriere voneinander trennt.

Die fortgeschrittenste Anwendung der Biophotonik ist die Qualitätsbestimmung von Lebensmitteln. Wieso lässt sich die gespeicherte oder abgegebene Lichtmenge als Gütemaß für Lebensmittel verwenden?

Der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödinger hat bereits vor mehr als 50 Jahren darauf hingewiesen, dass wir mit Lebensmitteln nicht nur deren Kalorien und Inhaltsstoffe aufnehmen, sondern auch deren Ordnung, die sich auf den Körper des Verbrauchers überträgt. Diese Ordnung wird über die Kommunikation durch Biophotonen und die elektromagnetischen Felder aufrechterhalten. Somit ist Lichtspeicherfähigkeit ein Maß für den Organisationsgrad der Nahrung - und mehr Ordnung bedeutet mehr Qualität. Frische Nahrungsmittel, das konnten Versuche in Kooperation mit führenden Lebensmittelkonzernen zeigen, enthalten deutlich mehr Biophotonen als andere. Tomaten zum Beispiel büßen beim Verfaulen immer mehr an Lichtspeicherfähigkeit ein - obwohl sich die Inhaltsstoffe nicht ändern.

Auch die Medizin profitiert angeblich von der Biophotonik. Was lässt sich aus der Strahlung ablesen, die ein Mensch abgibt? Die Interpretation der biophotonischen Strahlung des Menschen steht noch ganz am Anfang. Allerdings konnten wir bereits zeigen, dass die Lichtemissionen von Krebspatienten im Gegensatz zu gesunden Menschen stark asymmetrisch sind. Auch sind ungesunde Abweichungen vom Tag-Nacht-Rhythmus festzustellen, in dem unsere biophotonische Strahlung normalerweise schwingt. Dies alles scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass bösartige Erkrankungen die lichtgesteuerte Kommunikation zwischen den Zellen stören.

Folgt man dieser Sichtweise, welche Bedeutung könnte die Biophotonik für die Krebsdiagnostik und -therapie erlangen? Mittlerweile lassen sich mithilfe der Biophotonik Tumorzellen von gesunden Zellen eindeutig unterscheiden. Das gelingt bislang mit keinem anderen Diagnoseverfahren. Ein großer Vorteil besteht darin, dass sich Medikamente so unmittelbar auf ihre individuelle Wirksamkeit am Patienten testen lassen. Gerade für nicht-invasive Therapien, die auf eine Aktivierung der Selbstheilungskräfte abzielen, könnte dies einen ungeheuren Entwicklungsschub bedeuten.

Sie haben vor kurzem, wie Sie angeben, die Leitbahnen der Akupunktur biophotonisch sichtbar machen können. Wird die Biophotonik im alten Streit zwischen Schul- und Alternativmedizin vermitteln können?

Davon bin ich überzeugt. Mit der Akupunkturstudie konnten wir den physikalischen Nachweis für ein nichtmaterielles, regulierendes Feld erbringen, das der chinesischen Medizin offenbar schon seit Jahrtausenden bekannt ist. In diesem Fall ließ sich die Strahlung mit einer gewöhnlichen Infrarotkamera dokumentieren. Dies bestätigt unsere Vermutung, dass Biophotonen über dem gesamten Spektralbereich elektromagnetischer Strahlung existieren und wirken.

In esoterischen Kreisen ist immer wieder von Menschen zu hören, die sich nur von Licht ernähren. Dürfen wir sie auch weiterhin noch als Spinner abstempeln? Theoretisch ist so etwas sogar möglich - Pflanzen etwa nutzen das Sonnenlicht direkt, um sich zu organisieren und Energie in Form von Zucker zu speichern. Allerdings tummeln sich gerade in diesem Bereich viele Scharlatane.

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