Crown shyness Warum Bäume Abstand halten

Viele Baumarten halten auch im dichten Blätterdach des Waldes einen respektvollen Abstand zu ihren Nachbarn. Warum machen sie das - und wie?
Baumkronen von unten gesehen

Von unten gesehen, ergeben sich bei diesen Baumkronen in einem Park von Buenos Aires interessante Muster.  © Dag Peak/flickr/CC BY 2.0

Bäume stehen einfach nur in der Gegend herum und verlieren im Herbst ihre Blätter? Weit gefehlt! Dass die Pflanzen verblüffend komplexe und agile Lebewesen sind, dass sie miteinander kommunizieren und sich raffiniert gegen Fressfeinde zur Wehr setzen – das wissen wir spätestens seit Bestsellern wie „Das geheime Leben der Bäume“ von dem Förster Peter Wohlleben.

Etwas länger, nämlich schon seit den 1920er Jahren, beschäftigen sich Wissenschaftler mit einer besonderen sozialen Eigenschaft der Bäume: Ihre Kronen halten im Blätterdach höflich Abstand. Je nach Art breiten sie ihr Blätterdach nur so weit aus, dass sie sich mit ihren Nachbarn nicht ins Gehege kommen, sich also nicht berühren. 

Von unten kann das Ergebnis dieser vorsichtigen Annäherung aussehen wie ein weitverzweigtes Flusssystem oder wie Zellwände unter dem Mikroskop. Im Englischen ist das Phänomen unter dem Namen Crown shyness bekannt, „Kronen-Schüchternheit“.

Wie entstehen die seltsamen Zwischenräume?

Ob allerdings tatsächlich Schüchternheit der Grund für das faszinierende Phänomen ist, darf bezweifelt werden. Manche Forscher vermuten, dass der Baum an den Enden der äußeren Zweige sein Wachstum einstellt, sobald er sich zu weit den äußeren Blättern seiner Nachbarn nähert – um eine Verschattung zu verhindern. Andere glauben, bei dem luftigen Grenzstreifen könne es sich um eine Abwehrmaßnahme gegen fressende Insektenlarven handeln.

Weitaus plausibler scheint jedoch, dass der gleichmäßige Abstand zwischen den einzelnen Baumkronen auf Berührungen bei Wind zurückzuführen ist. Demnach würden Bäume, um größere Schäden an ihren äußeren Zweigen zu vermeiden, ihr Wachstum einstellen, sobald sie bei stärkerem Wind mit ihrem Nachbarn auf Tuchfühlung gehen.

Um diese These zu erhärten, haben Forscher das Verhalten von Rotbuchen, Hainbuchen, Linden und Eschen unter die Lupe genommen. Und beobachtet, dass die Arten sehr unterschiedliche Sympathien füreinander hegen, beziehungsweise unterschiedlich empfindlich auf Berührung reagieren: So halten Buchen und Eschen im Bereich der Krone einen respektvollen Abstand von mindestens einem Meter, während sich Buchen und Linden geradezu aneinanderschmiegen.

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