Freiwild: Europäische Zoos kostet die Anschaffung eines erwachsenen Mississippi-Alligators aus der Zuchtstation 2500 Euro. Doch was sollte uns der Schutz ihrer Verwandten in freier Wildbahn wert sein? Forscher in Florida betrachteten zunächst die Verlustrate an Tieren in einem Reservat. Innerhalb von vier Jahren waren 256 Amphibien und Reptilien bei Verkehrsunfällen umgekommen; neben Fröschen, Schildkröten und Schlangen auch vier Alligatoren. Schutzmaßnahmen wie Barrieren, Tunnel oder Tempo-Limit-Überwachung hätten solche Kollisionen weitgehend verhindern können. Dafür würde nach Berechnung der Wissenschaftler pro Tier ein Betrag von 500 Dollar reichen

Fleißarbeiterin: Als Haustier mit Ausflügen in Feld, Wald und Wiesen ist die Honigbiene unersetzlich. Auf drei Billionen werden die Bestände der Imker weltweit geschätzt. Für die Ökonomie der Menschen sind die geflügelten Arbeiterinnen nicht

nur als Honiglieferantinnen bedeutsam. Noch wichtiger ist der Bienenfleiß bei der Bestäubung von Blütenpflanzen - in der Wildnis wie in der Landwirtschaft. Früchte, Gemüse und Ölpflanzen brauchen Insekten, um Samen zu bilden; Honigbienen sind bei vielen Arten die wichtigsten Bestäuberinnen. Ein Forscherteam der Cornell University hat den Bienenbeitrag zur amerikanischen Obst- und Gemüseproduktion vom Apfel bis zur Zuckerrübe errechnet: 2,5 Milliarden Euro

Wasserheiler: Das Gewöhnliche Schilfrohr säumt naturbelassene Ufer. Es bietet Brut- und Lebensraum für Libellen und für Vögel, die im Röhricht Zuflucht finden. Und fungiert praktischerweise als Kläranlage. Schilf bindet Stickstoff und wirkt damit der Überdüngung der Gewässer entgegen. Die Wurzeln filtern hindurchfließendes Schmutzwasser mechanisch. Durch die hohlen Stängel wird außerdem Sauerstoff ins Wasser

transportiert - eine entscheidende Voraussetzung für den Schadstoffabbau durch Mikroorganismen. Ökologen haben für die Mittlere Elbe berechnet, wie viel das Naturklärwerk Schilf gegenüber technischen Kläranlagen einspart: jährlich 7,7 Millionen Euro

Pfau im Riff: Tauchtouristen schätzen gesunde Korallenriffe, die viele prächtige Bewohner wie den Pfauenkaiserfisch beherbergen. Dass der Schutz der Korallen auch Fischern zugutekommt, ist weniger offensichtlich. Doch Kosten-Nutzen-Rechnungen belegen, dass alle vom schonenden Umgang mit der Unterwasserwelt profitieren. Auf den Philippinen sind mehr als eine Million Küstenfischer und ihre Familien auf den Ertrag aus dem Meer angewiesen. Dort wo die lokale Bevölkerung ins "Riffmanagement" eingebunden ist, zahlt sich das aus. Die Erlöse durch nachhaltige Fischerei und Tauchtourismus übersteigen Erträge durch Dynamitfischen pro Hektar um 2400 Euro

Waldmeister: Der Job klingt nach Akkordarbeit: Für ihr Projekt Wintervorrat pflücken sich Eichelhäher im Herbst die besten Eicheln von den Bäumen. Pro Flug transportieren sie sechs bis acht Früchte in Schnabel und Kehlsack und graben sie in Depots in aufgelockerte Erde ein, alle zehn Minuten wiederholt sich so ein Transport. Jeder Vogel versteckt auf diese Weise bis zu 7000 Eicheln, mindestens doppelt so viele, wie er im Winter tatsächlich frisst. Der Rest wächst häufig an. Ein Service, den sich einige Förster in Deutschland inzwischen zunutze machen, indem sie auf menschliche Arbeitskraft verzichten und Wälder von Hähern verjüngen lassen. Ersparnis pro Baum: 1 Euro

Herren der Erde: Den Ägyptern waren Regenwürmer

heilig. Aristoteles nannte sie "Eingeweide der Erde". Darwin sang ihr Lob. Zu Recht - die Unermüdlichen fressen sich durch Löss und Lehm, lockern den Boden auf, erhöhen seine Aufnahmefähigkeit für Wasser und machen Mineralien und Nährstoffe für Pflanzen verfügbar. Eine Milliarde Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche gibt es auf der Welt. Die Wurmdichte ist je nach Bodentyp verschieden, doch im Schnitt produzieren die

Untergrundaktivisten jährlich rund eine Tonne Mutterboden pro Hektar. Neuseeländische Forscher haben den Nutzen errechnet, der allein durch diese Humusbildung entsteht: Hektar für Hektar 2,50 Euro

Fischzüchterin: Sie wachsen seit 60 Millionen Jahren als Wälder in warmem Salzwasser. Noch 170.000 Quadratkilometer Küstenland sind von Mangroven (hier: ein Keimling von Rhizophora mangle) bedeckt - ein Viertel der tropischen Ufer. Ihr dichtes Wurzelwerk ist Aufzuchtstation für Fische, Krebse und Muscheln. Der Mangrovengürtel bildet außerdem Barrieren gegen Hurrikane, schützt vor Erosion und versorgt die Anlieger mit nachwachsendem Brenn- und Bauholz. Doch ein Drittel der ursprünglichen Mangrovenvegetation ist bereits zerstört - durch Bautätigkeit, Shrimps-Farmen und andere Aquakulturen. Ein ökologisches und finanzielles Fiasko. Beispiel Thailand: Gegenüber Shrimps-Farmen beträgt der Mehrertrag durch traditionelle Nutzung der Mangroven pro Hektar netto 1400 Euro

Klima-Engel: Moore haben kommerziell einen schlechten Ruf. Traktoren und Bagger versinken; allenfalls Torfabbau lohnt. Also hieß die Devise lange: entwässern! Im Zeitalter der Klimasensibilität lernt man dazu. Moore bedecken "nur" drei Prozent der Landmasse des Planeten, aber sie binden 30 Prozent des im Boden gespeicherten Kohlenstoffs. Renaturierung der einst trockengelegten Flächen lohnt sich deshalb für die Kohlendioxidbilanz. Und so soll die Schwarzerle, eine Leitart in Niedermooren, bald wieder häufiger wachsen. Denn im Vergleich mit anderen CO2-Speicher-Technologien spart die Moor-Renaturierung pro Tonne CO2 bis zu 749 Euro

Pharmazie-Dozentin: Vorsicht! Schwarze Witwen produzieren das Nervengift Latrotoxin, das die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln durcheinanderbringt. Typische Folgen: Schmerzen in den Lymphknoten, Muskelkrämpfe. Für Opfer ist das gefährlich, für Forscher hochinteressant. Latrotoxine lehren sie, die Mechanismen der Reizübertragung im Nervensystem besser zu verstehen. Die Betreiber der "Spider Pharm" in Arizona profitieren; sie fangen verschiedene Giftspinnenarten in der Wildnis und züchten sie zum Spinnenmelken. Im Angebot sind 78 Produkte; 100 Mikroliter tiefgefrorenes Schwarze-Witwen-Gift kosten 999 Dollar

Dr. med. Antitumor: Inhaltsstoffe des Madagaskar-Immergrüns entfalten segensreiche Wirkung bei der Leukämie-Therapie. In den 1960er Jahren stieß der Pharmakonzern Eli Lilly auf die Heilpflanze aus der Urwaldapotheke und isolierte den Wirkstoff für das Anti-Krebs-Präparat Vincristin. Das Land, aus dessen genetischen Ressourcen die Ingredienzen stammten, ging leer aus. Um solche "Biopiraterie"

zu verhindern und den Ursprungsländern einen fairen Anteil zu sichern, wurde 1992 die Biodiversitäts-Konvention ins Leben gerufen, deren Details bis 2010 endgültig feststehen sollen. Zehn der weltweit

erfolgreichsten Medikamente stammen aus natürlichen Quellen. Die Vereinten Nationen bezifferten allein Eli Lillys Jahresumsatz mit den Medikamenten aus Madagaskar-Immergrün auf 100 Millionen Euro

Landschaftsarchitekt: Der Biber war in großen Teilen Europas ausgerottet. Doch Schutzbemühungen halfen - in Rückzugsgebieten zum Beispiel an der Mittleren Elbe haben sich die Tiere gut vermehrt. Durch Auswilderung und Zuwanderung sind sie inzwischen vielerorts in Deutschland wieder heimisch. Das hat positive Folgen: Als Baumeister fällen Biber Sträucher und Bäume am Ufersaum, um Gewässer für ihre Burgen aufzustauen und umzugestalten. Wo vorher Wasser durch begradigte, verbaute Bäche floss, entstehen nun von Neuem Auenlandschaften mit Tümpeln und verzweigten Rinnsalen - gut für Biodiversität und Wassergüte. In einer Studie im Spessart wurde untersucht, wie viel die Biberbautätigkeit dort, gemessen an einer Renaturierung von Menschenhand, pro Jahr wert ist: 10.500 Euro

Biodiversität: Die Natur als Wirtschaftsfaktor
Biodiversität: Die Natur als Wirtschaftsfaktor
Wer versucht, Dienstleistungen der Natur in Euro und Dollar zu beziffern, jongliert mit hohen Summen. Und begreift, welche Schätze der Mensch bisher unbesonnen verschleudert
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