Filmtipp: Unser täglich Brot

"Einmal kurz die Augen öffnen" ist ein Dokumentarfilm über den ganz normalen Wahnsinn der europäischen Lebensmittelproduktion. GEO.de sprach mit dem Regisseur, Nikolaus Geyrhalter

Herr Geyrhalter, was gab's bei Ihnen zu Mittag?

Einen Döner.

Sie scherzen.

Nein, im Ernst! Und ich hab's auch noch genossen. Ich bin doch kein Apostel!

Kein schlechtes Gewissen?

Nein, das ist sinnlos. In Wien weiß ich, wo ich gutes Essen bekomme, meine Frau achtet auch darauf, dass es, wo immer es geht, biologisch ist. Aber man kann das nicht dogmatisch betreiben. Meine Liebe zu gutem Essen geht sehr tief, aber sie geht nicht so weit, dass ich mir ein Bio-Sandwich nach Hamburg mitnehme. Man muss einfach akzeptieren, dass das schnelle und billige Essen eine Grundlage des Wohlstands unserer Gesellschaft ist. Und wenn man Fleisch isst, dann muss man wissen, dass das Tier nun mal vorher geschlachtet wird. Da darf man sich nichts vormachen.

Und wie es auf dem Schlachthof zugeht, kann man sich ja ungefähr denken ...

Eben. Solche Reaktionen ärgern mich fast schon. Wenn Leute sagen "Wahnsinn, das hätten wir nie gedacht".

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Nikolaus Geyrhalter (geb. 1972 in Wien) ist Regisseur, Produzent und Kameramann. Seine Filme erhielten mehrfach internationale Auszeichnungen: "Angeschwemmt" (1994), "Das Jahr nach Dayton" (1997), "Pripyat" (1999), "Elsewhere" (2001)

Hinter den Kulissen der Nahrungsmittelindustrie
Hinter den Kulissen der Nahrungsmittelindustrie
Wo kommt eigentlich das Steak her? Wie werden Tomaten gezogen? Der neue Dokumentarfilm "Unser täglich Brot" von Nikolaus Geyrhalter nimmt die Massenproduktion von Lebensmitteln unter die Lupe: langsam, ohne Worte, bedrückend

Ihr Film hat bei aller Ruhe eine aufwühlende Wirkung. Was wollen Sie damit erreichen?

Ich will einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen, eine Diskussion anregen. Wo diese Diskussion hinführt, das kann ich nicht entscheiden. Ich wollte einfach, dass man einmal kurz die Augen öffnet. Und dann für sich entscheidet, wie man damit umgeht.

Sie verzichten im Film auf Kommentare und Erläuterungen. Wollen Sie Stimmung machen oder informieren?

Ich wollte einen stimmungsvollen Film machen, in dem das Publikum die Eindrücke, die ich beim Drehen gehabt habe, möglichst eins zu eins nachvollziehen kann. Ich wollte wiedergeben, was ich erlebt habe, aber ich wollte nicht mit Kommentaren Stimmung machen oder über die Bilder irgendeine Propaganda legen. Das finde ich unlauter und unseriös. Aber natürlich möchte ich, dass der Film unter die Haut geht, um zu wirken, um einen Prozess in Gang zu setzen.

Zu der Wirkung der Bilder gehört auch, dass man teilweise nicht versteht, was gerade zu sehen ist. Zum Beispiel gleich das erste Bild. Was ist das eigentlich? Ist das in einem Treibhaus aufgenommen?

Endlich! Sie sind überhaupt erst der zweite Mensch, der sich nachher an das Eingangsbild erinnert ...

... das grüne ...

Ja, das ist eine Sojabohnen-Kultur ... Klar, es bleiben Rätsel übrig. Es bleiben viele Fragen unbeantwortet. Ich sehe es aber nicht als primäre Aufgabe eines Dokumentarfilms, zu erklären oder Antworten zu geben wie ein Schulfilm. Das funktioniert in den Zeiten des Internets nicht mehr. Mir geht es eher darum, Interesse zu wecken. Wer nachher eine Frage hat, der sucht bei Google und erfährt dann sowieso viel genauer, was er wissen will. Was immer an Fragen auftaucht, könnte ich in 90 Minuten nur unbefriedigend beantworten.

Haben Sie sich bei den Dreharbeiten mal gefragt, wie das Gesehene mit geltendem Recht vereinbar ist?

Ja. Aber offensichtlich ist Moral kein Kriterium mehr. In der Wirtschaft schon gar nicht. Und die Lebensmittelproduktion ist nun mal ein Wirtschaftszweig. Und wenn das nicht gesetzlichen Bestimmungen entspräche, hätten die uns nicht drehen lassen. Alles andere ist eine Frage der Politik und des Wollens.

Sie haben viele Stunden in Schlachthöfen verbracht. Wie haben Sie das ausgehalten?

Wenn man auf Schlachthöfen drehen will, dann muss man das aushalten können. Sonst braucht man nicht hinzugehen. Das Schockierende ist auch nicht, zu sehen, wie eine Kuh stirbt. Oder wie Hühner aufgehängt werden. Was mich nachdenklich macht, ist das perfide funktionierende System, mit dem so was in der großen Masse möglich wird. Es ist nicht der Blutstropfen, sondern die Maschinerie.

Welche Rolle spielt in dieser Maschinerie der Mensch?

Genau. Welcher Mensch eigentlich? Wer entscheidet was? Der Direktor des Schlachthofs? Die Aktionäre? Der Mutterkonzern? ... Was immer erfunden werden wird, um die Maschinerie noch effizienter zu machen, wird eingesetzt werden. Weltweit. Das ist einfach so. So funktioniert der Kapitalismus. Darüber kann man nachdenken. Und Schuld sind sowieso immer die anderen: der Konzern, die Marktsituation, die Nachfrage oder das Bedürfnis nach billigem Essen. Man wird nie jemanden treffen, der sagt: So wie es ist, dafür bin ich verantwortlich.

Wie sind Sie an die Drehgenehmigungen gekommen?

Das war sehr komplex. Aber wenn man drei Jahre Zeit hat, dann geht das irgendwie. Vieles ist auch über Hersteller gelaufen. Ich war zu Recherchezwecken auf der "EuroTier" in Hannover, wo alle zwei Jahre die neuesten Maschinen aus der Tierhaltung vorgestellt werden. Dort habe ich die Hersteller angesprochen und gesagt, das interessiert mich. Die haben viel ermöglicht. Dabei waren wir immer ehrlich, haben gesagt: "Das wird unschön, das wird keine Werbung. Aber es gibt auch keinen Kommentar. Der Film soll nur die Wirklichkeit zeigen." Von den meisten haben wir kein Feedback bekommen, aber die wenigen, die wir bekommen haben, waren erstaunlich positiv.

Haben Sie nach der Arbeit an dem Film persönliche Konsequenzen gezogen?

Ich habe vorher auch schon darauf geschaut, was ich esse. Aber ich versuche jetzt, noch weniger Fleisch zu essen. Weil ich glaube, dass man es einfach nicht braucht. Das Kebap, das reicht jetzt wieder für ein paar Tage.

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