Neue Musik: So klingt Gemüse

Mit Instrumenten wie Kürbisposaune und Gurkophon ist das Wiener Gemüseorchester ein Exot in der Orchesterszene. GEO.de sprach mit dem Karottenflötisten Nikolaus Gansterer

GEO.de: Normalerweise kauft man Gemüse, um es zu essen. Wie sind Sie darauf gekommen, Musik damit zu machen?

Nikolaus Gansterer: Es gibt jedes Jahr in Wien ein großes Festival für zeitgenössische Musik, "Wien Modern". Wir saßen im Publikum und dachten uns, was wäre, wenn dieses große Orchester auf die Bühne käme und die Musiker hätten statt ihrer Geigen Körbe voller Gemüse dabei? Nachdem wir das erste Mal gemeinsam aufgetreten waren - bei einem Wiener Performance-Festival vor zehn Jahren - haben wir diese Idee weiterverfolgt. Anfangs wusste aber keiner von uns, wie das eigentlich gehen sollte.

Inzwischen spielt das 15-köpfige Orchester vor ausverkauften Häusern ... Sind Sie eigentlich Profis?

Ich selbst bin Bildhauer, und unter den 15 Mitgliedern des Orchesters gibt es neben einigen ausgebildeten Musikern auch noch Programmierer, Maler und Architekten - ein Kollektiv von Künstlern, die in diesem Projekt zusammenarbeiten. Jeder bringt seine eigenen Erfahrungen mit, von jedem fließt etwas ein.

Und welches Instrument spielen Sie?

Niemand spielt nur ein Instrument. Am Anfang hat sogar jeder alles gespielt - bis wir gemerkt haben: es gibt natürliche Begabungen. Ich spiele viel Karottenflöte und Kürbisposaune. Andere sind eher auf perkussive Instrumente spezialisiert.

In einem "normalen" Orchester bringt jeder sein Jahrzehnte oder Jahrhunderte altes Instrument mit …

Bei uns sind die meisten Instrumente frisch. Es gibt nur ein paar getrocknete, etwa Flaschenkürbisse, aus denen wir Blasinstrumente gemacht haben. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren viel experimentiert und Erfahrungen gesammelt, wie man einen solchen Klangkörper zu einem Musikinstrument macht. Darüber gibt es ja keine Bücher. Außerdem spielen wir immer auch gegen die Zeit, denn viele Gemüsesorten sind fragil und verderben schnell: Lauchhäute reißen leicht ein, Karotten und Kürbisse können brechen. Darum bauen wir für Konzerte oft Reserve-Instrumente.

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An der Karottenflöte: Nikolaus Gansterer

Wie suchen Sie das Rohmaterial aus?

Vor jedem Konzert gehen wir auf den Markt. Es gibt zum Beispiel ein unwahrscheinliches Angebot an verschieden geformten Bierrettichen. Aber es ist ganz klar, welchen man nehmen muss, wenn man ein Instrument daraus bauen will. Wenn wir auf Tournee sind, bitten wir meistens den Veranstalter, für uns einzukaufen. Aber oft müssen wir dann noch mal los, weil die extrem große Möhren besorgt haben. Die klingen nicht gut, weil sie zu viel Wasser enthalten.

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Hochsensible Mikrofone machen im Studio und auf der Bühne die Gemüsemusik hörbar

Haben Sie Unterschiede zwischen Bio- und konventionell angebautem Gemüse festgestellt?

Wir denken immer wieder darüber nach. Fest steht aber bisher nur: Das Gemüse darf nicht zu klein und nicht zu groß sein. Wir haben mehrmals in Holland gespielt - was schrecklich war, denn das Gemüse dort war ganz dem Klischee entsprechend: schnell gezogen, groß, wässrig. Für den musikalischen Gebrauch nicht optimal.

Wie entstehen Ihre Stücke?

Es gibt zu jedem Stück eine Partitur. Die Ideen zu den Stücken stammen zwar von einzelnen Mitgliedern, werden dann aber in der Gruppe weiterentwickelt. Auch das Arrangement erarbeiten wir zusammen. Die erste CD, die wir aufgenommen haben, war musikalisch noch "Kraut und Rüben", auch der Radetzkymarsch ist dabei. Die Stücke auf der zweiten CD sind dagegen stark von der elektronischen Musik inspiriert. Und von der Gruppe "Kraftwerk" haben wir den Titel "Radioaktiviät" gecovert - natürlich mit einem Augenzwinkern, denn die machen Musik mit riesigen Synthesizern. Wir mit Karottenflöten und Kürbissen. Zurzeit arbeiten wir intensiv an einem neuen Stückzyklus, der sich radikal mit dem ganz spezifischen Sound unserer vegetabilen Klangkörper auseinander setzt. Es geht uns um diese fast unhörbaren Mikrosounds. Man könnte sagen: Musik auf Zell-Ebene.

Wie reagiert das Publikum?

Am Anfang, während der ersten zwei, drei Stücke, lachen die Leute. Da ist - noch - eine gewisse Spannung, und es sieht ja auch seltsam aus. Aber wenn dann der Lachmuskel zur Ruhe kommt, machen viele die Augen zu und hören, und das ist ein wunderbarer Moment, weil man merkt: Es ist angekommen. Dabei ist die Musik ja sehr abstrakt, keine leichte Kost, sozusagen. Auch nach den Konzerten bekommen wir noch viel positives Feedback, bei der Suppe ...

... Suppe?

Nach jedem Konzert gibt es als Zugabe eine Suppe. Dazu bitten wir das Publikum auf die Bühne. Der Austausch über die Musik ist uns wichtig. Die Suppe wird schon zubereitet, während wir die Instrumente bauen - unter anderem mit den Abfällen. Während des Konzerts wird sie dann noch verfeinert.

Interview: Peter Carstens

Links

Die Homepage des Orchesters

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