Putzmittel: Der reinste Irrsinn

Nach Jahren des Rückgangs nehmen Phosphate und andere schädliche Substanzen aus Reinigungsmitteln wieder bedenklich zu

Immer neue Putzmittel mit desinfizierenden Zusätzen füllen die Regale in Drogerie- und Supermärkten. Spülmittel, Allzweckreiniger oder sogar Toilettenpapier sollen Infektionsherde im Haushalt unschädlich machen, angeblich bis zu 99 Prozent aller krank machenden Bakterien, Schimmelpilze und Viren.

"Seit Putzmittel mit antibakteriellen Zusätzen etwa im Jahr 2000 auf dem Markt auftauchten, hat sich das Produktsegment ständig erweitert", sagt Marcus Gast, Sachverständiger für Wasch- und Reinigungsmittel am Umweltbundesamt in Dessau. "Wir beobachten, dass die Industrie vor allem Ereignisse wie Vogel- oder Schweinegrippe benutzt, um sogenannte Antibac- Produkte verstärkt zu vermarkten."

In den Antibac-Kampagnen sieht Gast einen glatten Widerspruch zur europäischen Charter "Nachhaltiges Waschen und Reinigen", der sich die Hersteller selbst verpflichtet haben. Und zusammen mit dem Umweltbundesamt warnen mittlerweile bereits drei deutsche Bundesinstitute eindringlich vor dem Einsatz der antibakteriellen Reiniger im Haushalt.

Denn einige der Zusatzstoffe stehen im Verdacht, Allergien auszulösen, und führen zu Resistenzen ganzer Bakterienstämme, was die Wirkung wichtiger Antibiotika vermindern kann. Darüber hinaus belasten sie Gewässer: wie beispielsweise Phenole und Halogene, die in hohen Konzentrationen biologische Kläranlagen beeinträchtigen oder ganz außer Gefecht setzen könnten. Ungehindert würden dann Schadstoffe in Flüsse und Seen geschwemmt.

Nicht alle Bakterien machen krank

Außerdem: Mikroorganismen, die im Haushalt siedeln, machen Menschen unter normalen Umständen nicht krank. Entgegen allen Behauptungen der Werbung sind auch weder Toilettensitz noch Schmutzwäsche die wahren Bakterienschleudern. Vielmehr verstecken sich gefährliche Keime vor allem in verdorbenen oder nicht durchgegarten Nahrungsmitteln. Neben Antibacs gewinnt eine längst gebannt geglaubte Umweltbelastung wieder an Bedeutung.

Laut Nachhaltigkeitsbericht der Wasch- und Reinigungsmittelbranche hat sich zwischen 1994 und 2007 die Phosphatmenge im deutschen Abwasser versechsfacht. Zwar sind die hierzulande angebotenen Waschmittel für private Haushalte seit vielen Jahren phosphatfrei - nicht aber "Tabs" für Geschirrspüler, deren Zahl inzwischen erheblich zugenommen hat. Vorreiter Frankreich strebt bis 2012 ein Verbot phosphathaltiger Maschinengeschirrspülmittel an.

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GEO