Filmtipp: Good Food - Bad Food

Der Dokumentarfilm "Good Food - Bad Food" der französischen Regisseurin Coline Serreau handelt von der industrialisierten und globalisierten Landwirtschaft. Und über Alternativen. Wir sprachen darüber mit der Greenpeace-Agrarexpertin Stephanie Töwe-Rimkeit

Was hat Sie am Film "Good Food - Bad Food" am meisten beeindruckt?

Der Film zeigt, was industrialisierte Landwirtschaft heute anrichtet. Ihre Rolle beim Klimawandel, bei der Zerstörung der Böden oder der Verschmutzung der Gewässer. Beeindruckt hat mich, dass die Regisseurin sich die Mühe gemacht hat, Leute aufzusuchen, die auf ihre ganz eigene Art und Weise in ihren Regionen nach Lösungen suchen. Denn oft werden bei diesem Thema nur die Missstände dargestellt, aber nicht die Lösungen.

Haben Sie etwas dazugelernt?

Auf jeden Fall. Besonders spannend fand ich die Sicht des Mikrobiologen, der deutlich gemacht hat, wie wichtig eine intakte Bodenkultur und die Mikroorganismen für unsere Landwirtschaft sind. Wie schädlich etwa das zu tiefe Pflügen ist, das in der konventionellen Landwirtschaft die Regel ist. Der Boden ist, wie das Erdöl, eine Ressource, die irgendwann zur Neige geht, wenn wir nicht sorgfältig mit ihr umgehen. Sonst bleibt uns nur, den Regenwald weiter abzuholzen, um noch mehr Fläche für Monokulturen zu schaffen.

Warum handeln unsere Landwirte nicht danach?

Offenbar wird dieses Wissen an den Hochschulen nicht umfassend vermittelt. Und es gibt natürlich vorherrschende Lehrmeinungen, die ihr Augenmerk nur auf Ertragssteigerung richten ...

... Mit dem entsprechenden Einsatz von Dünger und Pestiziden ...

Klar. In der konventionellen Landwirtschaft geht es darum, in kurzer Zeit möglichst viel hervorzubringen. Maximale Produktion. Das funktioniert zwei, drei, vier Jahre lang. Dann ist der Boden ausgelaugt, tot. Das ist nicht nachhaltig gedacht.

Filmtipp: Good Food - Bad Food

Greenpeace-Expertin Stephanie Töwe-Rimkeit

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Wie prägen die multinationalen Konzerne die Landwirtschaft?

Monsanto, BASF, Bayer und Co. haben weltweit einen relativ großen Einfluss auf die Landwirtschaft. Monsanto etwa kauft rund um die Welt kleine Saatgutfirmen auf und verkauft fast nur noch Hybridsaatgut, das nur ein Jahr lang gute Erträge bringt. Und sie lassen sich Patente auf Gen-Saaten erteilen, für die der Bauer jedes Jahr neue Lizenzgebühren zahlen muss. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren hat die Vielfalt unseres Saatguts dramatisch abgenommen. Und die Konzerne betreiben weltweit eine exzellente Lobbyarbeit. Das sieht man auch an gerade veröffentlichten Wikileaks-Dokumenten. Danach hat ein spanischer Agrar-Staatssekretär die USA darum gebeten, in Brüssel Druck zugunsten von Monsantos Genmais MON810 auszuüben.

In Deutschland stehen die Verbraucher gentechnisch veränderten Lebensmitteln kritisch gegenüber ...

Nicht nur in Deutschland. In weiten Teilen Europas ist der Widerstand gegen gentechnisch veränderte Pflanzen seit über zehn Jahren ungebrochen. Und in vielen Ländern der EU ist der Anbau von Genmais verboten, weil man die ökologischen Risiken erkannt hat. Da hat auch eine Firma wie Monsanto wenig Chancen.

Zurzeit erhält die hiesige Bio-Landwirtschaft Auftrieb durch den Dioxin-Skandal. Wird der Trend anhalten?

Ich würde es mir wünschen. Es wäre Zeit für einen Systemwechsel. In der konventionellen Landwirtschaft setzen wir sehr einseitig auf einen Fortschritt, der aus meiner Sicht schon lange keiner mehr ist - sondern eine Sackgasse. Der Dioxinskandal ist ja kein Einzelfall: BSE, Dioxin, Nitrophen, Nitrosamine, Nikotin in Lebensmitteln - für mich sind das deutliche Signale, dass das System der industrialisierte Landwirtschaft nicht funktioniert, wenn wir gesunde und umweltfreundliche Nahrungsmittel wollen. Ich hoffe, dass solche Skandale die Öffentlichkeit und den Verbraucher sensibilisieren.

Meist legt sich die Aufregung nach Lebensmittelskandalen schnell wieder. Wird in puncto nachhaltiger Aufklärung genug getan?

Natürlich sorgen dafür die Umweltverbände, -Initiativen, -Organisationen, gerade auch beim Thema Landwirtschaft. Oder eben Dokumentarfilme wie "Good Food - Bad Food". Aber wir haben alle bei weitem nicht die finanziellen Mittel zur Verfügung wie Monsanto oder BASF. Die statten zum Thema Gentechnik Info-Busse aus und schicken ganze Labors an die Schulen. Also müsste mehr staatliche Aufklärung her. Gerade zu Fragen wie "Wo kommt unser Essen her? Wie wird es produziert?" Aber was erwarten Sie von einem Landwirtschaftsministerium, das mit seinen Subventionen fast ausschließlich die industrielle Landwirtschaft fördert?

In weiten Teilen der Welt sind nicht Grenzwerte das drängendste Problem, sondern Hunger. Ist ökologische Landwirtschaft die Lösung?

Im Weltagrarbericht von 2008, an dem auch die Welternährungsorganisation FAO beteiligt war, haben 400 Wissenschaftler mitgearbeitet, auch von den großen Konzernen. Die sind allerdings vor der Fertigstellung ausgestiegen - weil dieser Bericht sehr differenziert feststellte: Wir können den Hunger nicht besiegen, wenn wir nur auf Produktionssteigerung setzten. Und auch einzelne Technologien wie die Gentechnik werden nicht die Lösung sein. Stattdessen müssen wir uns die Situation vor Ort in den verschiedenen Regionen ansehen, müssen herausfinden, welche Anbaumethoden dort auf lange Sicht die Bevölkerung ernähren können, müssen traditionelles Wissen nutzen und das Wissen aus dem ökologischen Landbau, müssen Saatgutvielfalt erhalten. Die Bekämpfung des Hungers ist ein sehr komplexes Thema.

Interview: Peter Carstens

Filmtipp: Good Food - Bad Food

Am 20. Januar kommt der Film "Good Food - Bad Food" von Coline Serreau in die deutschen Kinos. Die französische Regisseurin lässt Globalisierungskritiker, Forscher und Bauern aus Brasilien, Indien und Frankreich zu Wort kommen, die die von multinationalen Konzernen dominierte industrialisierte Landwirtschaft anprangern - und mit eigenen Projekten Lösungsvorschläge machen.

www.goodfood-badfood.de