Gartenkunst 2.0 Die wandernden Gärten von Berlin-Kreuzberg

Grünanlage der anderen Art: Auf einer Brachfläche haben zwei junge Leute zusammen mit ihrer multinationalen Nachbarschaft den "Prinzessinnengarten" aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar
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Kisten und Kästen mit viel Natur: der Prinzessinnengarten in Berlin

Von den Straßen weht Autolärm herüber, und Berlin-Kreuzberg hat hier wahrlich nicht seine schönsten Seiten. Doch die ehemalige Brachfläche am Moritzplatz, die Jahrzehnte im Schatten der Mauer vor sich hindämmerte, hat sich in eine grüne Insel verwandelt: den Prinzessinnengarten. Die Initiatoren Robert Shaw, 33 Jahre alt, und Marco Clausen, 36, haben den Schutt vom Gelände geräumt und zusammen mit Freunden und Nachbarn einen 6000 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten aufgebaut. Von Amarant bis Zuckerschoten - in Hunderten von "mobilen Beeten" gedeihen seither Gemüse, seltene Kulturpflanzen und Kräuter. Salbei, Guter Heinrich und Gelbe Melde wiegen sich in Kübeln, Kürbisse ranken aus Bäckerkisten, mit Karton abgedichtet und mit Komposterde gefüllt. Kartoffeln und Tomaten wachsen in Säcken.

Das Konzept eines mobilen Gartens ist die kluge Antwort auf eine besondere Situation: Weil das gepachtete Gelände Stadteigentum ist und jederzeit verkauft werden könnte, sind die Beete transportabel. Und haben den weiteren Vorteil, dass Pflanzen hier nicht in womöglich kontaminiertem Stadtboden wachsen, sondern in Bio-Erde.

Unter Robinien stehen lange Tische und Bänke für Besucher. In einem umgebauten Schiffscontainer können sie Kaffee, Saft oder Cuba Libre bestellen. Hier trifft man auch Robert Shaw, der mit seiner Revoluzzermütze an den jungen Che Guevara erinnert. Inspiriert hat ihn die "agricultura urbana" auf Kuba, die er 1999 als Filmstudent in Santa Clara kennenlernte. Der dortige Gemeinschaftsgarten, in dem Bananenpflanzen und Yucaknollen wuchsen, war für ihn Treffpunkt, Nachrichtenbörse und Entspannungsort.

Ende 2008 sprach Shaw, halb Brite, halb Deutscher, den Historiker Marco Clausen an, der in Kreuzberg eine Bar betrieb. Ob er sich vorstellen könne, in einem Nachbarschaftsgarten die Gastronomie aufzubauen? Im Juli 2009 unterschrieben die beiden den Pachtvertrag.

"Nomadisch Grün" heißt die gemeinnützige GmbH, die dem Ganzen einen Rahmen bietet, mit Jugendlichen arbeitet, Workshops, Konzerte und Veranstaltungen organisiert und Ein-Euro-Jobbern zu neuen Perspektiven verhelfen soll. Privatleute oder Betriebe, etwa der Aufbau-Verlag, haben "Beetpatenschaften" übernommen. Ein Quadratmeter Biogarten kostet die Paten einmalig 55 Euro, geerntet wird gemeinsam. Denn die Produkte gehören allen, sie werden im Gartencafé verarbeitet oder verkauft. Kräuter, in aufgeschnittenen alten Milchverpackungen gezüchtet, sind für 3,50 Euro pro Tetrapak zu haben.

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Die Ernte wird in Tetra Paks angeboten

Dass sie selbst keine gelernten Gärtner sind, halten die beiden Grün-Nomaden-Gründer eher für einen Vorteil: "Wir müssen offen sein und Ratschläge von allen Seiten einholen." Der Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, Schichten und Generationen laufe von ganz allein, sagt Marco Clausen. So hätten etwa zwei Frauen aus Frankreich und Sibirien zusammen Tomaten gepflanzt, und ein älterer Mann aus der Türkei habe geraten, sie tiefer zu setzen. "Es stellte sich heraus: Er war Professor für Gartenbau. Wir haben von ihm Tomatenzucht gelernt und er von uns Kartoffelzucht in Säcken."

Sommerszenen: Junge und Alte, Türken, Russinnen und Deutsche, Professoren und Erwerbslose spazieren durchs Gelände, schnuppern an Kräutern, ernten Gemüse. Eine ältere Türkin, freundlich lächelnd unterm Kopftuch, möchte Paprika gegen "Miss" tauschen. "Minze?", rätselt Shaw. Nein, Mist! Die Frau möchte Kamelmist haben, den ein kleiner Zirkus als Bezahlung für sein Winterquartier auf dem Terrain hinterließ.

Die neue Gartenbewegung jenseits des Schreber-Idylls wächst weltweit. In New York wurden "Community Gardens" bereits in den 1970er Jahren gegründet. In Buenos Aires versorgen urbane Gärten Erwerbslose und Volksküchen, in Kuba gärtnert man gegen die Mangelwirtschaft an. In London wurde die Bewegung des "Guerilla Gardening" geboren, deren Mitglieder Brachflächen mit "Samenbomben" begrünen. Und spätestens seit Michelle Obama einen Biogarten vor dem Weißen Haus anlegte, ist Selbstversorgung wieder modern. In Dessau unterstützt die Stadtverwaltung einen Gemeinschaftsgarten, in Göttingen oder Berlin gewinnen traumatisierte Kriegsflüchtlinge neuen Frieden durch das Aufziehen von Setzlingen, in Oberhausen wollen Sozialhilfeempfängerinnen zeigen, dass Gärtnern würdevoller ist als die Abspeisung an Armentafeln. Im Berliner Prinzessinnengarten lautete die Bilanz des Jahres 1 nach der Gründung in der Selbstdarstellung: "Es gab schwärmende Bienen, singende Köche, Fruchtendfäule, Kartoffelkäfer, Fernsehen in den Scheinakazien ..." Alte Kartoffelsorten gelangten zur Reife - Adretta, Congo, Vitelotte, King Edward, Rote Emma, Rosa Tannenzapfen, Mehlige Mühlviertler, Bamberger Hörnchen, Linda, Arran Victory, Shetland Black, Asparges, Lapin Puikula und Valfi.

Im EU-Sortenkatalog finden sich die meisten dieser Gewächse nicht. Standardtaugliche Einheitlichkeit und Stabilität fehlen den Knollen, dafür trumpfen sie mit eigenwilligen Farben bis hin zu dunklem Violett auf. Köche verarbeiteten sie vorOrt zu Gerichten wie Pommes Pont-Neuf und rosa Zwetschgenknödeln. Mit solchen Aktionen erlangten die Kreuzberger Kleinstgärtner Bekanntheit, lokal und weltweit. "Klein-Eden am Kreisverkehr", "Gurken, Gärten und Guerilla" oder "Sinnsuche im Gehölz" titelten die Reporter. CNN berichtete über das "zweite Leben eines Berliner Industriegebiets".

Mit ihrem mobilen Konzept sind die Initiatoren des Prinzessinnengartens "Avantgarde und Trendsetter", sagt Christa Müller von der "Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis", die ein Netz von 109 interkulturellen Gemeinschaftsgärten fördert und berät - vom niedersächsischen Aurich bis zum bayerischen Rosenheim. Auch Nomadisch Grün wird von ihr finanziell unterstützt. Die junge Generation wolle sich "auf unideologische Weise urbane Räume aneignen, ökologisch und fair produzieren und sich selbst als produktiv wahrnehmen. Und schöne Orte schaffen, in denen man grenzüberschreitend denken und fühlen kann", kommentiert Soziologin Müller das Phänomen. Marco Clausen drückt es einfacher aus. "Die Leute merken: Es ist genussvoll, sich Eigenbau-Gemüse auf die Pizza zu legen."

Nützliche Adressen: www.prinzessinnengarten.net, www.anstiftung-ertomis.de, www.stiftung-interkultur.de

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