Psychologie Warum wir intuitiv gegen Gentechnik sind

Die Abneigung gegen genetisch manipulierte Organismen ist vehement. Hat das allein sachliche Gründe? Oder lassen wir uns, unbewusst, auch durch tief sitzende Gefühle leiten? Ein Gastbeitrag von Philosoph Stefaan Blancke

Die Biotechnologen waren in den 1990er Jahren noch voller Zuversicht: Genetisch veränderte Nutzpflanzen, so glaubten sie, seien die Zukunft der Landwirtschaft. Doch es kam anders. In Europa ist die Vermarktung von GMO (genetically modified organisms) strikt reglementiert. Auf den Philippinen und in Brasilien wurden Versuchsfelder zerstört, mehrere Länder Afrikas und Asiens erließen Verbote oder Einschränkungen, in den USA tobt eine hitzige Debatte über Kennzeichnungspflicht.

Nun gibt es sicher gute Gründe, gentechnische Anwendungen kritisch zu hinterfragen; die undurchsichtige Rolle der Großkonzerne bei deren Vermarktung etwa. Doch die Skepsis der GMO-Gegner geht ja erheblich weiter: Viele Menschen vermuten, gentechnisch veränderte Organismen seien gesundheitsschädlich, ja giftig, verursachten Krebs, machten unfruchtbar, schädigten die Umwelt.

Dem gegenüber stehen zahlreiche wissenschaftliche Studien, die zu gegenteiligen Resultaten gelangen. Es soll hier nicht um das Für und Wider von Gentechnik gehen. Sondern um die Frage: Woher rührt diese verblüffende Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und öffentlicher Meinung? In einer Gruppe von Philosophen und Biotechnologen der belgischen Universität Gent habe ich nach Antworten gesucht. Das Ergebnis unserer Studie: Die Abneigung gegen Gentechnik ist offenbar auch intuitiv gesteuert.

Denn wir sind keineswegs in dem Ausmaß souveräner Herr unserer Gedanken, wie wir gern glauben. Unser Denken basiert zu einem großen Teil auf Eingebung, findet gewissermaßen unter dem Radar bewusster Wahrnehmung statt. Ideen und Glaubenssätze, die unsere Intuition ansprechen, sich in bereits bestehende Denkschemata einpassen, lassen sich schnell verarbeiten und leicht abrufen, sind eingängig. Aber welche intuitiven Abläufe sind es, die das negative Bild von GMO in unseren Köpfen festigen?

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Woher stammt die intuitive Abneidung gegen Gentechnik? Stefaan Blancke, Philosoph und Koautor des Buches „Creationism in Europe“, forscht an der belgischen Universität Gent über Pseudowissenschaften und intuitives Denken.

Pflanzen mit Flossen

Da ist zum einen ein tief in uns wurzelnder „Essenzialismus“, der uns annehmen lässt, Organismen besäßen einen wie auch immer gearteten Kern des Seins. Eine Essenz, welche die Identität eines Individuums definiere – etwa das Erbgut. Viele Menschen beschleicht daher das Gefühl, mit dem Transfer eines Gens von einer Art auf die andere würde auch das Wesen der beiden Organismen vermischt. So waren mehr als die Hälfte der Befragten in einer US-Studie davon überzeugt: Wenn man Fisch- DNS in eine Tomate überträgt, wird diese Tomate nach Fisch schmecken. Es gab tatsächlich Versuche, die Kälteresistenz der Winterflunder von der US-Ostküste durch Gentransfer auf empfindliche Nutzpflanzen wie Tomaten zu übertragen. Was aber keine Auswirkungen auf den Geschmack haben würde.

Ein Erbguttransfer über Artengrenzen hinweg, gar vom Fisch zur Pflanze, bereitet besonderes Unbehagen. Anti-Gentechnik-Aktivisten setzen auf diesen Vorbehalte, wenn sie Bilder von Tomaten mit Flossen in Umlauf bringen.

Du sollst nicht Frankenstein spielen

Auch die intuitive Annahme von Absicht und Zweckgebundenheit allen menschlichen Handelns beeinflusst unsere Haltung zur Gentechnik. Eigentlich befähigt uns diese Denkweise dazu, das Verhalten unserer Mitmenschen einzuschätzen, ihre Wünsche, ihre Absichten. Doch wir übertragen diesen Glauben an das Sinnhafte und Zielgerichtete auch auf andere Bereiche: Wir fluchen auf das Auto, wenn es uns im Stich lässt, ermahnen den Computer, wenn er langsam arbeitet. Angewandt auf die Sphäre der Biologie lässt diese Intuition uns annehmen, auch die Natur sei ein bewusst handelnder Akteur.

Diese Intuition ist Basis aller religiösen Glaubenssysteme. In säkularer Weltsicht scheint sie die Idee einer „Mutter Natur“ zu beflügeln, die dem Menschen als kraftvoller, gütiger Akteur begegnet, und die automatisch zum Besten strebt. Und in deren Walten wir uns nicht einmischen sollten. Gentechnik erscheint vor diesem Hintergrund als Angriff auf den großen Masterplan der Natur. GMO wirken „widernatürlich“, Gentechniker spielten Gott. Der Begriff „Frankenfood“ trägt die Botschaft in sich: Wenn wir gegen den Willen der Natur agieren, werden wir Schreckliches hervorrufen – wie jener literarische Dr. Frankenstein, der in seiner Selbstanmaßung ein Menschen-Monster schuf.

Ekel ist ein weiteres Gefühl, das unsere Haltung zur Gentechnik beeinflusst. Lange, bevor wir Menschen den Zusammenhang von Hygiene, Mikroben und Infektionen begreifen konnten, hat die Evolution uns mit einem Mechanismus ausgestattet, der uns intuitiv fernhält von potenziell krank machenden Substanzen – weil er, etwa angesichts von Fäkalien oder verdorbenem Fleisch, Ekelgefühle weckt.

Wir haben gelernt, lieber übervorsichtig zu sein als leichtsinnig. Vor allem auf Dinge, die wir in den Mund stecken, reagiert unser Ekelsensor sensibel: Im Zweifelsfall lieber etwas liegen lassen, das vielleicht gar nicht schädlich ist, als das hohe Risiko in Kauf zu nehmen, das der Verzehr von Verdorbenem oder Giftigem mit sich bringt.

Auch GMO lösen auf diese Weise den Ekelreflex aus: Die genetische Modifikation erscheint als Verschmutzung der organischen Essenz. Dieses tief in uns wurzelnde Gefühl nährt die Idee, GMO könnten krank machen oder unfruchtbar. Sie könnten die Umwelt verschmutzen, „natürliche“ Pflanzen infizieren oder ganze Schiffsladungen voller Futterpflanzen kontaminieren.

Ekel beeinflusst auf subtile Weise unser moralisches Urteil, lässt uns vorschnell und pauschal urteilen. Nicht nur „Frankenfood“ erscheint suspekt, abstoßend wirken auch all jene, die damit hantieren. Individuen, Unternehmen, Institute etwa, die sich mit der Entwicklung oder Vermarktung von GMO befassen. Analysen der Kognitionsforschung wie die unsere sollen und können keinesfalls dazu dienen, Argumente gegen die Gentechnik zu widerlegen. Selbstverständlich kann sie unerwünschte Folgen haben (wie die konventionelle und die biologische Landwirtschaft auch). Und selbstverständlich kann es auch gentechnisch hergestellte Produkte geben, bei denen sich herausstellt: Diese sind nicht für die Vermarktung oder den Verzehr geeignet.

Die Rolle der multinationalen Konzerne, die wachsende Herbizid-Resistenz von „Unkräutern“ – all das sind real existierende Probleme, die nach Lösungen verlangen. Doch, und darum geht es hier: Im Zusammenhang mit dem Reizwort „Gentechnik“ erhalten diese Probleme offenbar eine ganz eigene drastische Qualität.

Intuitive Ablehnung aber kann kein Argument gegen die Gentechnik per se sein. Wir sollten Risiken und Nutzen nüchtern abwägen, von Fall zu Fall. Damit wäre viel gewonnen.

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