Greenwashing Grüner Etikettenschwindel

Immer mehr Produkte werden als "nachhaltig", "ökologisch" oder einfach "natürlich" beworben. Auch solche, die es gar nicht sind. Verbraucher- und Umweltschutzverbände gehen gegen das Greenwashing gerichtlich vor

Engagement für hohe soziale Standards, für Umwelt- und Klimaschutz - so etwas kommt bei modernen Konsumenten gut an. Eine Verbraucherbefragung der PR-Firma Edelman aus dem vergangenen Jahr ergab, dass der Umweltschutz für 74 Prozent der deutschen Konsumenten das wichtigste Thema ist - und damit auch ihre Kaufentscheidungen beeinflusst. Das wissen auch die Hersteller von Konsumartikeln. Folgerichtig bewerben sie immer mehr ihrer Produkte als "umweltfreundlich", "fair", "nachhaltig", "ökologisch" oder einfach "natürlich".

Zum Beispiel Autohersteller. Sie haben schon vor Jahren verstanden, dass sie mit dem Thema Nachhaltigkeit beim Käufer punkten können. Opel warb für seinen "Insignia ecoFlex" mit einem "umweltfreundlichen CO2-Ausstoß". VW dagegen versprach dem potenziellen Käufer eines "Phaeton" "Fahrspaß mit reinem Gewissen" und "höchste Umweltverträglichkeit". 2009 mahnte der Bundesverband der Verbraucherzentralen beide Autobauer erfolgreich ab. Die Werbung unterblieb.

Auch in den Supermarktregalen grünt es: Bis vor kurzem bewarb der Discounter Lidl Textilien aus Lyocell-Faser als "Naturprodukt". Doch mit der Natur war es nicht weit her: "Die Faser wird zwar aus Zellulose hergestellt, aber die ist chemisch so stark aufbereitet, dass man nicht von einer Natur- sondern von einer Chemiefaser sprechen muss", sagt Dirk Petersen, Umweltexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Verbraucherschützer mahnten Lidl ab. Der Discounter versprach, die irreführende Werbung zu unterlassen.

Im vergangenen Jahr hatte die Verbraucherzentrale Hamburg Lidl schon einmal ins Visier genommen. Damals warb die Ladenkette in ihren Prospekten: "Wir lehnen grundsätzlich jegliche Form von Kinderarbeit oder Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Produktionsstätten unserer Waren ab. Wir sichern diese Standards nachhaltig." - Ein Lippenbekenntnis, wie die Verbraucherschützer zeigen konnten: Sie deckten, unterstützt von der Clean Clothes Campaign, Missstände bei Zulieferern in Bangladesch auf. Arbeiterinnen in verschiedenen Nähereien hatten von schlechter und undurchsichtiger Vergütung berichtet, von Verhinderung von Gewerkschaftsarbeit und Diskriminierung von Frauen. Lidl ruderte zurück und unterließ die imagefördernde Behauptung.

Expertise ist gefragt

Ob "grüne" Produkte halten, was sie versprechen, das kann der Verbraucher am Supermarktregal oft kaum beurteilen. Umso wichtiger, dass Umwelt- und Verbraucherverbände Werbekampagnen und Verpackungen mit kritischem Sachverstand unter die Lupe nehmen. Sie sehen sich Label, Umweltbilanzen und Zertifikate an und können Anbietern auf die Finger klopfen, wenn ein Produkt aus ihrer Sicht tatsächlich einmal falsch oder irreführend beworben wird. Grundlage dafür ist das "Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb". Das Gesetz regelt, was "Verbrauchertäuschung" und "irreführende Werbung" ist. Danach darf der Hersteller nichts Unwahres von seinem Produkt behaupten, nur um dessen Absatz zu fördern.

Das gilt etwa auch für Selbstverständlichkeiten. Ein Beispiel: der Aufdruck "Frei von FCKW" auf einer Spraydose. Das ozonschädigende Treibmittel ist schon seit Jahren in Spraydosen verboten. Wer also ein FCKW-freie Spraydose kauft, tut der Umwelt - anders als der Aufdruck suggeriert - keinen besonderen Gefallen, erläutert Dirk Petersen. Ebenso unzulässig ist es, einen Kühlschrank mit der Effizienzklasse A+ als "besonders energieeffizient" zu bezeichnen. "Es gibt nämlich noch zwei bessere Klassen, A++ und A+++", sagt Petersen.

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Alles Natur? Hersteller werben immer öfter mit "grünen" Argumenten - nicht immer zu Recht

Wie die Verbraucherschützer konkret vorgehen, erläutert Petersens Kollegin Edda Castelló: "Wenn wir auf zweifelhafte Werbeboteschaften aufmerksam werden, bekommt der Hersteller einen 'Blauen Brief'". So eine Unterlassungserklärung ist natürlich nicht blau, aber für die Hersteller definitiv unangenehm. "Wir fordern darin das Unternehmen auf, die irreführende Behauptung zu unterlassen und im Wiederholungsfall Strafe zu zahlen", sagt die Rechtsexpertin. Wenn das Unternehmen die Erklärung nicht unterschreibt, können die Verbraucherschützer mit einer Klage vor Gericht ziehen. Doch so weit lassen es die meisten nicht kommen. "Die Einsichtsrate ist sehr hoch - zwischen 80 und 90 Prozent", schätzt Edda Castelló. "Sind Unternehmen uneinsichtig, geht es meist um viel Geld", sagt sie. Die Hamburger Verbraucherschützer kennen ihre Pappenheimer. "Karstadt gehört zu den kooperativeren Unternehmen. Mediamarkt macht dagegen oft Probleme - und geht auch in höhere Instanzen", sagt Dirk Petersen.

Was es bedeutet, sich mit Unternehmen anzulegen, wenn es um viel Geld geht - das erfährt gerade die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Die Umwelt- und Verbraucherschützer aus Radolfzell und Berlin haben Danone aufs Korn genommen, den deutschen Marktführer von Milchprodukten wie Actimel oder Activia. Stein des Anstoßes ist ein Joghurtbecher. Der Becher umhüllt den beliebten Activia-Joghurt und wird seit Anfang des Jahres aus einem neuartigen Biokunststoff auf Maisstärkebasis (PLA) hergestellt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger aus dem Erdölprodukt Polystyrol soll er "umweltfreundlicher" sein. 900 Millionen solcher Becher will Danone jährlich auf den deutschen Markt bringen. Auf einer eigenen Website informiert Danone über die Umweltvorteile des PLA-Bechers, die sich das Unternehmen sogar von einem unabhängigen Institut bescheinigen ließ.

Entscheidend ist die ökologische Gesamtbilanz

Doch auch in diesem Fall ist es mit der Nachhaltigkeit nicht weit her, meint Maria Elander von der DUH. Belege dafür fand sie ausgerechnet in der Studie des ifeu-Instituts, die Danone selbst in Auftrag gab. "In der Studie steht, dass der PLA-Becher aus gesamtökologischer Sicht nicht besser abschneidet als der alte Becher", sagt die Leiterin des Fachbereichs Kreislaufwirtschaft bei der DUH. Danone habe lediglich zwei von zehn in der Studie untersuchten Kategorien herausgegriffen, in denen der PLA-Becher besser abschneidet als sein Vorgänger. Und das, obwohl das ifeu-Institut vor genau diesem Vorgehen ausdrücklich gewarnt habe, sagt Maria Elander.

Problematisch am PLA-Becher sind etwa der Flächenverbrauch durch den Maisanbau, Beiträge zur Überdüngung und Versauerung von Böden und gesundheitsschädigende Feinstäube. Zudem stammen die Maispflanzen, aus denen der Becher hergestellt wird, nur zu einem sehr geringen Anteil aus "nachhaltigem" Anbau - anders als der Aufdruck auf dem Becher suggeriert. In der Fabrik, die den Biokunststoff herstellt, wird Mais aus nachhaltigem und aus konventionellem Anbau nicht getrennt verarbeitet. Im fertigen Becher ist also nur ein verschwindend geringer PLA-Anteil aus zertifiziertem Mais enthalten.

Doch damit nicht genug: Die DUH verglich den Verpackungsaufwand für einen Kilogramm Joghurt - und stellte fest, dass die neuartige Verpackung insgesamt fast doppelt so schwer ist wie die alte. Verantwortlich dafür ist die aufwändige Sechser-Verpackung aus Karton. Auch in puncto Recycling lässt das neue Konzept zu wünschen übrig: Der "umweltfreundlichere" Becher ist mit einer Papierbanderole umklebt - und zwar so fest, dass sich Kunststoff und Papier nicht voneinander trennen lassen. "Man kann also weder das PLA noch das Papier gut recyceln, da es sich de facto um einen Verbundstoff handelt", sagt Maria Elander. Zudem fehlt es bislang an einem Recyclingkonzept für den neuen Biokunststoff. Die Becher wandern also in die Müllverbrennungsanlage.

Eine Unterlassungserklärung der DUH wollte Danone nicht unterschreiben. Folgerichtig reichte die DUH Klage ein wegen Verbrauchertäuschung. Die mündliche Verhandlung findet im Dezember statt.

Parallel läuft bereits eine Klage gegen Tetrapak. Der Spezialist für Getränkekartons behauptet in einer Werbekampagne, seine Verpackungen gehörten zu den umweltfreundlichsten - unter anderem, weil sie vollständig recycelbar seien. Klingt gut. Tatsächlich jedoch wird nur rund ein Drittel aller Materialien aus in Deutschland verkauften Getränkekartons recycelt, sagt Maria Elander. Die Aussichten, den Prozess zu gewinnen, schätzen sie und ihre Kollegen als gut ein.

Doch nicht immer bekommen die Verbraucherschützer vor Gericht Recht. Dann drohen zusätzlich zu den Kosten für die Recherche und das Abmahnverfahren hohe Prozesskosten. "Von manchen Sachen lassen wir lieber gleich die Finger, weil wir kein Geld in der Kriegskasse haben", sagt Dirk Petersen. Noch heute tut es ihm um die Sache mit Penny Leid. Der Discounter wirbt mit einem Label "Sustainable Cleanig" für Spül- und Reinigungsmittel. Zu Unrecht, wie Petersen glaubt. Das Label nennt er "nichtssagend". Die Unterlassungserklärung der Verbraucherschützer wollte Penny aber nicht unterzeichnen. Schließlich habe man den Verbraucher darauf hingewiesen, dass es sich um ein nichtssagendes Label handle. Die Verbraucherzentrale Hamburg entschied sich gegen den Gang zum Gericht. "Das Risiko, den Prozess zu verlieren, war einfach zu groß", sagt Petersen. "Das war schon bitter."

Die Homepage der Verbraucherzentrale Hamburg

Die Homepage der Deutschen Umwelthilfe (DUH)
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