Soziales Engagement Athen: Sisyphos trifft Herkules

Weil die Verwaltung im Koma liegt, greifen die Athener zur Selbsthilfe. In Putz- und Pinselbrigaden reanimieren sie ihre Stadt - und sich selbst.

Es ist Sonntag, und Stelios Voulgaris, Jurist, wird wieder mal im Müll wühlen. Zwei Blocks entfernt vom Omónia-Platz im Zentrum Athens bereitet er sich vor: zwängt seine Hände in Plastikhandschuhe, setzt den Mundschutz auf. Dann entriegelt er eine Gittertür - und zieht Athen aus dem Dreck. Mit ihm tun das an diesem heißen Herbstmittag 15 gummibestiefelte junge Männer und Frauen. Mit Rechen, Schaufeln und Farbeimern betreten sie eine tennisplatzgroße Brachfläche, eingepfercht zwischen zwei fensterlosen Hauswänden. Der Besitzer kümmert sich seit Jahren nicht darum.

Spritzen, ein BH, Plastikflaschen, Holzlatten - Voulgaris schaufelt Abfall in eine Tonne. Eine Gruppe Mitstreiterinnen streicht die kahle Hausfassade grün, die Handgriffe sitzen, kaum einer verliert ein Wort. Von der Eckkneipe schwappen Musikfetzen herüber. Von einem Balkon gegenüber betrachtet ein graubärtiger Alter mit Häkelmütze das Treiben und winkt dem Fotografen zu, der den Großputz dokumentiert.

Ein heruntergekommenes Viertel

In der Menandrou-Straße zeigen sich drastisch die Folgen der griechischen Krise. Plateia Vathis, so der Name des Viertels um den gleichnamigen Platz, war früher Geschäftszentrum, viele Athener pendelten dorthin zur Arbeit, nach Feierabend saßen sie in den unzähligen Tavernen. Heute stehen Dutzende Ladenlokale zwischen pakistanischen Telefon-Shops leer. Obdachlose hausen in Seitengassen. Drogenabhängige setzen sich auf offener Straße Spritzen. Nachts würde Stelios Voulgaris nicht herkommen - "zu gefährlich".

Mit der "Broken-Windows-Theorie" haben die US-amerikanischen Sozialwissenschaftler George Kelling und James Wilson schon in den 1980er Jahren Kettenreaktionen erklärt, wie sie jetzt in Athen zu beobachten sind. Der Verfall beginnt mit Vandalismus, zum Beispiel eingeworfenen Scheiben. Es folgen Vermüllung und Kriminalität. Die Anwohner haben das Gefühl, niemand werde zur Rechenschaft gezogen. Am Ende verwahrlost das ganze Viertel.

Stelios Voulgaris, 33 Jahre, in gelbem T-Shirt und Marken- Käppi, ist unter der Woche Anwalt - und an den Wochenenden ein "Atenista". Die >Atenistas wollen die Entwicklung umkehren, die Verwahrlosung übermalen, ausbessern, kitten. Und das Leben in der Stadt dadurch aufwerten. Sie sind eine Guerilla- Bürgerbewegung, die einspringt, wo der Staat nicht mehr funktioniert. Projekte kann jeder auf ihrer Website vorschlagen.

Athen: Sisyphos trifft Herkules

Mobilmachen für eine schönere Stadt: die Atenistas bei einer Kundgebung

Über der Internet koordinierte Aufräumaktionen

Auf einer interaktiven Athen-Karte vermerken die Aktivisten dann die Einsatzorte. Freiwillige rücken zur verabredeten Zeit wie Kommando-Einheiten an. Mal sanieren sie eine Schule, mal kratzen sie Kaugummis von Bürgersteigen, mal gestalten sie Brachflächen zu Parks oder Spielplätzen um. Bekannt wurde die Bürgerinitiative mit einer Aktion an einem Herbstmorgen 2010 an der Strandpromenade von Athen: 300 mit Tüten und Handschuhen ausgerüstete Frauen und Männer befreiten den kilometerlangen Stadtstrand vom Müll. Eigentlich die Aufgabe der Stadtverwaltung, aber auf den Staat warten die Atenistas nicht mehr. Sie stemmen ihre Projekte mit Sach- oder kleinen Geldspenden ihrer Helfer und Anhänger.

Die Hälfte derer, die an diesem Sonntag zusammengekommen sind, ist derzeit arbeitslos. Viel reden wollen sie nicht über die Krise. Ja, das Anpacken gibt ihnen das Gefühl, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun. Eine neue Erfahrung, sagt Voulgaris. „Freiwilliges Engagement hat in Griechenland bisher nie eine Rolle gespielt.“ Das verändert sich rasant. Über 50 000 Anhänger folgen den Atenistas auf Facebook. 11 000 Helfer sind inzwischen allein in Athen in Dutzenden von Kleingruppen organisiert. Anderswo haben sich ähnliche Initiativen gebildet: Die Tesalonikistas in Thessaloniki, die Patristas in Patras, die Pirgistas in Pyrgos. Der Initiator der Athener Initiative kniet an diesem Sonntag auf dem Bürgersteig in der Menandrou-Straße und schraubt Infotafeln an den Zaun vor der Brachfläche: Tasos Chalkiopoulos, graue Stoppelhaare, schwarzes Polo-Shirt, 35 Jahre alt. Vor drei Jahren hat der Grafiker die Atenistas gemeinsam mit einem Freund gegründet. Gleich um die Ecke am Omónia-Platz hat er früher gearbeitet - und konnte zusehen, wie das Athener Zentrum verfiel. In seinem Blog „Athensville“ rief er dazu auf, etwas zu unternehmen.

Die Ortsansässigen mobilisieren

„Die eigene Umgebung“, sagt Chalkiopoulos, „wirkt auf die Psyche der Menschen.“ Inzwischen wohnen in Plateia Vathis hauptsächlich Zugezogene, meist Migranten aus Zentralasien oder Osteuropa. Mit den Tafeln will er ihnen näherbringen, welche Schriftsteller oder Musiker in „ihrem“ Viertel einst zu Hause waren. Immer wieder sprechen Passanten ihn an diesem Nachmittag an. Einem älteren Mann notiert Chalkiopoulos die Website der Atenistas. Ein anderer Nachbar packt gleich selbst mit an: Der zahnlose Besitzer des russischen Reisebüros kommt mit einem Wasserschlauch und einer Flasche Chlor und spritzt Unrat vom Bürgersteig. „Die Leute wollen Teil von etwas sein, das der Gesellschaft zugutekommt. Deswegen gehen wir vorwiegend dorthin, wo es bisher keine Gemeinschaft gibt“, sagt Chalkiopoulos.

Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, sich nicht der Krise zu ergeben, ist die Botschaft der Bewegung. Und sie zieht Kreise. Die Atenistas schreiben Architekturwettbewerbe aus, sammeln Decken und Wintermäntel für Obdachlose, organisieren WG-Zimmerbörsen. Und weil viele Athener kein Geld mehr für Konzerte oder Museen übrig haben, bieten sie auch Kulturveranstaltungen: Tangoabende im stillgelegten Peloponnes-Bahnhof oder ein klassisches Konzert in der Varvakios-Markthalle mit Solisten der Athener Oper. Über 3000 Zuschauer strömten in die engen, überdachten Marktgassen. Es sei wie ein Neustart, sagt Voulgaris. Die Aktionen würden helfen, die Probleme, in denen sie alle steckten, zu überwinden. „Die Krise verschiebt die Prioritäten. Wenn sie vorüber ist, hoffe ich, dass ich nicht wieder loskonsumiere, sondern mich weiter auf das Wesentliche konzentriere, mich engagiere.“

Nach drei Stunden schiebt Voulgaris die sechste und letzte Mülltonne des Tages davon. Es riecht nach frischer Farbe auf dem vom Unrat befreiten Kiesplatz. Den Schlüssel für die Gittertür zum Hof überlässt Chalkiopoulos dem Besitzer des russischen Reisebüros. Der schrubbt den Bürgersteig weiter - auch nachdem alle Atenistas längst verschwunden sind.

Nützliche Adressen:

Einen englischen Bericht gibt es auf www.athensliving.net/atenistas. Auch bei uns vernetzen sich Nachbarn kreativ: www.netzwerk-nachbarschaft.net