Green Gym Das Fitness-Studio im Grünen

In Großbritannien halten sich Tausende Menschen mit gemeinsamer Gartenarbeit in Form - und verschönern ganz nebenbei Parkanlagen. Erste Fitness-Gärtner jäten nun auch in Deutschland

Die Gaffer sind ausnahmsweise entschuldigt. Denn, zugegeben, etwas albern sieht es ja wirklich aus: Erwachsene Frauen und Männer stehen erst auf dem rechten, dann auf dem linken Bein, sie lassen Hände und Füße kreisen, beugen sich kopfüber gen Rasen. Mitten im Öjendorfer Park in Hamburg-Billstedt ist die Gymnastikrunde in Jeans und festem Schuhwerk so unauffällig wie ein Smoking-Träger im Freibad. Doch das Aufwärmen ist obligatorisch vor dem eigentlichen, dem wirklich anstrengenden Training: drei Stunden lang harken, jäten, graben, pflanzen.

"Green Gym" heißt das Fitness-Programm für Menschen, die lieber in der Natur als auf Crosstrainer und Hantelbank schwitzen wollen. Seit Juni 2013 trifft sich in Billstedt eine noch kleine Gruppe zum gemeinsamen Garten-Workout. Völlig verrückt? Überhaupt nicht - wie ein Blick nach Großbritannien zeigt.

Das Fitness-Studio im Grünen

Fitness im Garten: Beim Greengym kommen Pflanzen und Muskeln auf ihre Kosten

Macht Gartenarbeit wirklich fit?

Schon seit den späten 1990er Jahren verbinden dort "grüne" Fitness-Studios Sinnvolles mit Nützlichem: Bewegung an der frischen Luft und gemeinschaftliche Parkpflege. Mehr als hundert solcher Projekte bietet der Wohlfahrtsverband "The Conservation Volunteers" (TCV) inzwischen in England, Schottland, Wales und Nordirland an - gratis und angeleitet von geschulten Trainern. Die Kosten tragen Städte, Stiftungen, Spender. 13 600 Freiwillige haben im vergangenen Jahr mit Schubkarre, Spaten und Gießkanne trainiert; sie haben Beete und Teiche angelegt, Blumenwiesen gepflanzt, Komposter gebaut.

Ein sonniger Donnerstag im Londoner Stadtteil Camden. Im kleinen Naturschutzgebiet Westbere Copse stehen allgemeine Pflegearbeiten auf dem Trainingsplan: Brombeersträucher stutzen, Müll sammeln und den lästig wuchernden Efeu entfernen, der immer mehr Pflanzen verdrängt. Aufgaben, so beliebt wie das Zirkeltraining im Sportunterricht. Pflanzen macht eben mehr Spaß als pflegen. Elf Freiwillige sind trotzdem da. Die meisten von ihnen kommen jede Woche, selbst im Winter. Einige bleiben nur kurz dabei, manche Jahre. Gill Cornish, die älteste Teilnehmerin, geht schon seit 2009 zum Green Gym. "Die Natur und die regelmäßige Bewegung halten mich gesund", sagt die 67-Jährige, während sie im Beet kniet und Unkraut zupft.

Aber macht Gartenarbeit wirklich fit? Eine wissenschaftliche Untersuchung von 52 Projekten lässt darauf schließen - und zwar physisch wie psychisch. Auch Großbritanniens staatlicher Gesundheitsdienst NHS empfiehlt seinen Patienten die Projekte. Green Gym trainiert Muskeln und Kondition, ohne dass die Leibesübungen als Sport daherkommen. Wirkungsvoll vor allem bei denen, die sich sonst kaum bewegen. Das gemeinschaftliche Gärtnern ist aber auch Fitness für die Seele.

"Viele Menschen, die zu uns kommen, stecken in schweren Lebenskrisen", sagt Jacquie Cox. Gemeinsam mit zwei anderen Trainern leitet sie an diesem Tag das Green Gym in Camden. "Manche sprechen am Anfang kein Wort, tauen aber von Session zu Session auf." Cox spricht aus eigener Erfahrung. Eine Vorgesetzte hatte sie vor Jahren derart schikaniert, dass sie krank und arbeitsunfähig wurde. Cox brach alle Kontakte ab, verschloss sich zu Hause, bis sie im Green Gym eine neue Aufgabe fand. Erst als Teilnehmerin, später als ehrenamtliche Trainerin. Die Fortbildungen dafür übernahm der TCV. "Mir hat diese Arbeit geholfen, zurück ins Leben zu finden", sagt Cox.

Bei manchen Teilnehmern zeigen sich schnell Erfolge. Clive Twyman besucht seit drei Monaten das Green Gym in Camden. Bevor er damit begann, erzählt Twyman, sei er völlig isoliert gewesen. Heute spricht er mit der Gruppe - und sogar mit dem fremden Journalisten aus Deutschland. "Ich merke, wie ich immer selbstsicherer werde", sagt Twyman.

Inklusion im Garten

Auch in anderen Green Gyms treffen Menschen mit psychischen Problemen auf kerngesunde. "Inklusion" würden es Soziologen nennen. Doch der TCV verzichtet in seiner Selbstdarstellung lieber auf solche Begriffe, die Gesunde wie Kranke abschrecken könnten. Die Projekte sind "offen für jeden". Nicht mehr und nicht weniger.

Im Nordosten Londons, im Außenbezirk Walthamstow, kommen jeden Freitag bis zu 22 Freiwillige zusammen. Damit zählt das Waltham Forest Green Gym im Lloyd Park zu den größten der Stadt. Einsame, Depressive, auch Lernbehinderte gärtnern hier gemeinsam mit denen, die einfach etwas für ihren Körper tun möchten. Zu Letzteren gehört Fitzroy Johnson. "Ich muss dringend abnehmen", sagt er. Diabetes und Bluthochdruck plagen den Rentner. Seit sechs Wochen kommt er deshalb in den Lloyd Park. Fünf Kilogramm habe er schon verloren, aber noch wichtiger: Sein Blutdruck hat sich gesenkt. Für Johnson ist das Green Gym zugleich mehr als ein Abspeckprogramm.

"Es ist eine Win-win-Situation. Mir geht es besser, und ich tue etwas Sinnvolles." Etwas Sinnvolles tun. Für einige in Walthamstow ist das nicht nur ein schöner Nebeneffekt, sondern der Hauptgrund für den Besuch im Green Gym. Viele der Freiwilligen sind arbeitslos, manche seit Jahren. Sie gärtnern, weil sie sonst nichts vorhaben. Sie alle sagen: Das Gefühl, etwas Gutes zu tun, stärke ihr Selbstwertgefühl.

Aber was bringt ihre Arbeit? Würden städtische Gärtner die Aufgaben nicht ohnehin erledigen, gäbe es keine Freiwilligen? "Die Berufsgärtner gibt es ja weiterhin. Wir sind eine Ergänzung. Und ohne uns würde der Park anders aussehen, ungepflegter", sagt Gareth Chalmers, der das Green Gym in Walthamstow leitet. "Zudem schaffen wir neue Dinge, für die Profis keine Zeit hätten. Bald legen wir ein Feuchtbiotop an."

Kein Jahr ist es her, da hatten Chalmers und seine Gruppe schon einmal Besuch aus Deutschland. Norbert Nähr und Henning Sanftleben, die Gründer des Hamburger Green Gym, waren gekommen, um das Konzept zu studieren. Inzwischen gedeihen im Öjendorfer Park die ersten Ergebnisse ihrer Reise. Ein Brennnesselfeld haben Fitness-Gärtner dort jüngst in ein Blumenbeet verwandelt. Die Gruppe wächst, und die Stadt unterstützt das Projekt mit Fördergeldern.

"Ich bin optimistisch, dass wir im nächsten Jahr drei weitere Green Gyms eröffnen können", sagt Sanftleben. Bis dahin haben sich die Hamburger dann vielleicht auch an die Gymnastik der Gärtner gewöhnt.

Die Hamburger informieren unter greengymbillstedt.wordpress.com über ihre Treffen. Wer in Großbritannien dabei sein will: www.tcv.org.uk/greengym

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