Lebensstil Ein Hoch auf das Stadtleben

Warum das Leben in der Stadt viel mehr als das Leben auf dem Land für Lebensqualität und Naturschutz steht

Die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land, umgeben von Wald und Hühnergegacker - sie boomt wie nie. Autoren, die vom Rückzug aus der City in die Pampa schwärmen, landen Bestseller. TV- und Printmagazine feiern Quoten- und Auflagenrekorde mit Geschichten vom Idyll im Grünen, vom Leben im Einklang mit der Natur.

Was für eine Märchenwelt! In Wahrheit ziehen viel mehr Menschen vom Land in die Stadt - überall. Und das ist gut so! "Städte machen uns reicher, klüger, grüner, gesünder und glücklicher" - so bilanziert der Harvard-Professor Edward Glaeser sein Buch "Triumph of the City". Ich füge hinzu: Vor allem die Umwelt profitiert von der Stadtlust. Denn das Haus im Grünen vernichtet genau das: das Grüne. Je urbaner dagegen der Lebensstil, umso besser - für die Natur, das Klima und die Zukunft der Menschheit.

New York - ein Modell in Sachen Nachhaltigkeit

Reisen wir zur Anschauung kurz an den "ökologischsten Ort der USA": New York City! David Owen, preisgekrönter Autor des Buches "Green Metropolis", nennt die Metropole gar "ein Modell für Nachhaltigkeit". Über 80 Prozent der Einwohner fahren mit der Subway oder per Bus zur Arbeit, steigen aufs Fahrrad oder gehen zu Fuß. So liegt der Benzinverbrauch eines New Yorkers auf dem Niveau eines Durchschnittsamerikaners von anno 1920 - und ist acht Mal geringer als etwa der im breit gewucherten Los Angeles. Auch die Energiebilanz der kompakt gebauten Hochhäuser aus braunem Ziegel oder Glas und Stahl schneidet im Vergleich zu Suburbia besser ab, allen undichten Fenstern, Boller-Heizungen und Klimaanlagen zum Trotz.

Würden die 1,6 Millionen Einwohner Manhattans statt eines Apartments ein Haus mit Rasen, Basketballkorb und Carport beziehen - es wäre eine gigantische Verschwendung von Landschaft, Energie, Benzin und anderen Ressourcen. So aber beträgt der CO2-Fußabdruck eines New Yorkers mit 7,1 Tonnen pro Jahr weniger als ein Drittel desjenigen eines Durchschnittsamerikaners (24,5 Tonnen). Und ist auch niedriger als der eines Deutschen!

Günstige Klimabilanz der Hochhauscity

Berliner, Kölner, Leipziger und andere deutsche Großstädter emittieren ebenfalls weniger CO2 als der Bundesbürger-Durchschnitt. Und das, obwohl in den urbanen Zentren - mit Ausnahme der Grundnahrungsmittel - fast alles produziert wird, was unser Land am Laufen hält. Frankfurt am Main fällt aus der Reihe, schuld sind der Flughafen und energieintensive Rechenzentren, von denen gleichwohl die halbe Republik profitiert. Andererseits ragen in Frankfurt einige der energieeffizientesten Bürohäuser der Welt gen Himmel. Man kann "Mainhattan" schön finden oder nicht - die Klimabilanz der Hochhauscity ist besser als die jedes ländlichen Fachwerkdorfes.

Damit kommen wir zu zwei Wahrheiten:

1. Es ist ein Irrtum anzunehmen, wer aufs Land zieht, tue der Natur etwas Gutes, und sei die Lebensweise noch so ökologisch. Das Verhältnis Mensch-Natur ist keine gegenseitige Liebesbeziehung. Die Natur braucht den Menschen nicht. Edward Glaeser: "Der Natur wäre es am liebsten, alle Menschen würden in der Stadt leben und sie in Ruhe lassen."

2. Nicht die kompakt gebauten Großstädte mit ihren Straßenschluchten, Kanal- und U-Bahn-Tunneln, Müllhalden und Fabriken sind ein ökologisches Desaster, sondern: die Neubauviertel außerhalb, wo Pendler mit Doppelgaragen leben, in Paradiesen der Landlustigen.

Ein Hoch auf das Stadtleben

Hotspot der Artenvielfalt: In Berlin leben 20.000 Tier- und Pflanzenarten, darunter auch seltene

Etwa 80.000 Eigenheime entstehen jedes Jahr in Deutschland, ein Großteil zwischen Speckgürtel und Land, ohne ÖPNV-Anschluss. Für sie gräbt eine Armada aus Baggern die Erde auf und wieder zu, damit Straßen und Leitungen, Grillterrassen und Zen-Gärtchen entstehen. Vorher war da Feld oder Wald, vielleicht nur eine Brennnesselbrache - aber kein Beton. Seit 2011 wurden pro Sekunde 8,52 Quadratmeter Landschaft in Siedlungs- und Verkehrsflächen verwandelt, wie ein Experte des Braunschweiger Instituts für Verkehr und Stadtbauwesen berechnet hat. Wer über Naturzerstörung im Regenwald klagt, sollte sich den Landfraß bei uns bewusst machen.

Nicht einmal finanziell rentiert sich die Stadtflucht automatisch. Experten kamen zu dem Schluss, dass Rauszieher zwar Miete sparen, die Zusatzkosten aber unterschätzen. In der Stadt leben Familien auf kleinerem Raum dichter beisammen, konsumieren daher selbst in normal isolierten Mehrfamilienhäusern weniger Energie als andere im allein stehenden Öko-Haus. Dort zahlt man auch teuer für seine Mobilität. Ob zum Job, zum Einkaufen, zur Ballettstunde oder ins Kino: Land-Haushalte sind abhängig vom Auto - oder vielmehr von ihren Autos: Die meisten besitzen zwei oder gar mehr. Viele Städter hingegen kommen auch ohne Auto gut von A nach B. Das pendelfreie Leben spart neben Geld auch noch Zeit und Nerven - und verhindert sogar Scheidungen! (Wie schwedische Forscher bewiesen haben wollen.)

Wildnis in der City

Und noch ein Argument der Landromantiker spricht in Wahrheit gegen sie. Wer für sich und seine Kinder echte Wildnis sucht, die Vielfalt heimischer Tiere und Pflanzen schätzt, der findet diese: in der Stadt. "Die Vorstellung, dass mit zunehmender Stadtgröße die 'Natur' rausgedrängt wird, ist völlig falsch", betont der Ökologe Josef H. Reichholf. "Der Beginn der Stadt ist längst nicht mehr das Ende von Natur, im Gegenteil: Hier bekommt man mehr von ihr zu sehen."

Wer etwa in Nürnberg am Pegnitzufer wandert oder das Ritzengrün zwischen den Pflastersteinen inspiziert, könnte 1100 wild wachsende Pflanzenarten entdecken. Mehr als doppelt so viele wie im Umland - die Exoten in Gärten und Parks noch nicht mitgezählt. In München haben Biber an der Isar, direkt am Deutschen Museum, eine Burg errichtet, während sie im ländlichen Teil des Freistaats von "Biberberatern" vor Zweibeinern geschützt werden müssen. Selbst Igel tippeln in München zehnmal häufiger durch die Gegend als außerhalb.

Und der deutsche Hotspot der Artenvielfalt ist: Berlin. Hier haben sich zwischen Wann- und Müggelsee, Parks, Wäldern, Brachen, Gärten und Verkehrsinseln 20.000 Tier- und Pflanzenarten angesiedelt, vom Großsäuger bis zur Alge. 1300 Füchse, fast 4000 Wildschweine, 3000 Steinmarder, 250 Waschbär-Familien, dazu Rehe, Feldhasen, Bienen, Gottesanbeterinnen und zwei Drittel aller Brutvogelarten, die zwischen Alpen und Nordsee die Lüfte bevölkern, darunter sogar seltene Silbermöwen und Seeadler.

Intensive Landwirtschaft schafft Bio-Wüsten

Der ländliche Raum kann dagegen wenig bieten - erst recht, seit Mais- und Rapsmonokulturen die Landschaft dominieren, hochgezüchtet mit Pestiziden. Sie drängen unsere Wildkräuter vom Ackerrand auf die Rote Liste - genau wie viele Insekten, die sich einst von deren Pollen ernährten. In den Dörfern finden bedrohte Arten kaum Rückzugsraum. Denn die haben sich seit dem Krieg viel grundlegender gewandelt als die Städte. Schweine wurden in Ställe gepfercht, statt Misthaufen mit Hahn zieren nun Güllesilos die Höfe. Offene Gräben wurden zugeschüttet, Plätze versiegelt, alte Mauern verfugt. Für viele Tiere und Pflanzen verschwand so ihre ökologische Nische. Wenn sie konnten, sind sie geflüchtet: in die Stadt.

Natürlich sind unsere Städte nicht perfekt. Doch statt vom Landidyll zu träumen, sollten wir sie lieber so entwickeln, dass sie uns zur guten Heimat werden. Und eher in die Höhe gehen als in die Breite, eher im Innern dichter werden, als am Rand auszuufern. Der Stadtplaner Tom Sieverts ist überzeugt: Allein die freie Fläche von Hafen-, Industrie- und Bahnanlagen sei um ein Vielfaches größer als der Gesamtbedarf an Baugrund für die nächsten 50 Jahre. Der Wunsch nach günstigem Wohnraum, mehr Platz, mehr Grün, mehr Ruhe und Radwegen sollte auf diesen Flächen erhört werden - nicht zwischen Feld und Heide.

Ein Hoch auf das Stadtleben

Im Juni 2013 ist von der Autorin Katja Trippel das Buch "Stadtlust - vom Glück, in der Großstadt zu leben" erschienen (Blanvalet Verlag)

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