Tierrechte "Wir dürfen Tiere nicht töten, nur weil sie uns schmecken"

Was wir mit Tieren tun, ist moralisch nicht zu rechtfertigen, sagt die Journalistin und Tierrechtlerin Hilal Sezgin. Und plädiert mit ihrem Buch "Artgerecht ist nur die Freiheit" für eine neue Tierethik

GEO.de: Frau Sezgin, Sie waren nicht schon immer Veganerin und Tierrechtlerin. Wie sind Sie zu dieser Haltung gekommen?

Hilal Sezgin: Ich behandle in meinem Buch Fragen, die mich seit meiner Kindheit beschäftigen. Als ich zwölf war, habe ich einmal Kühe gezeichnet, einen ganzen Nachmittag lang. Nachdem ich sie stundenlang beobachtet hatte, war mir klar: Die kannst du nicht essen. Im Studium habe ich mich mit philosophischer Tierethik beschäftigt. Zur Veganerin wurde ich, als ich in die Lüneburger Heide zog und anfing, mit Schafen zu leben und sie zu beobachten. Dabei habe ich sehr viel gelernt. Hier sah ich auch zum ersten Mal Milchbetriebe und verstand, dass das Kalb für die Milchproduktion systematisch von der Mutter getrennt wird. Die Mutter schrie, und das Kalb stand weit weg allein in einer Plastikbox. Das fand ich barbarisch.

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Hilal Sezgin betreibt in der Lüneburger Heide einen kleinen Gnadenhof mit Schafen, Ziegen, Gänsen und Hühnern

Ihre These ist, kurz gesagt, dass wir Tiere nicht nutzen und schon gar nicht töten dürfen, um sie zu essen. Das mag manchen Lesern radikal erscheinen ...

Zugegeben, was ich fordere, weicht stark ab vom gesellschaftlichen Konsens. In dem Sinne ist es radikal. Aber es ist nicht verrückt. Wenn man einen Schritt zurücktritt und Tiere genauer beobachtet, ist es plausibel. Niemand würde zum Beispiel leugnen, dass Kühe Mutterliebe empfinden. Oder dass ein Kalb seine Mutter braucht. Zu fordern, dass man die beiden nicht trennt, ist doch eigentlich nichts Radikales.

Worauf verzichten Sie als Veganerin schweren Herzens?

Ich habe mich stufenweise an die vegane Lebensweise herangetastet. Begonnen habe ich nicht mit dem Weglassen von Dingen, sondern mit dem Dazulernen von veganen Kochrezepten. Dadurch hatte ich einen sanften Übergang. Heikel waren Joghurt und Schokolade. Ich liebe beides, und davon gute vegane Varianten zu finden, war nicht leicht.

Waren Sie mal überrascht über unverdächtige Produkte, in denen tierische Bestandteile enthalten waren?

Mehrere. Zum Beispiel Chips mit Aromen von Wild oder Fisch, die auf der Packung aber nicht ausgewiesen sind. Weil ich zu faul bin, mir zu merken, was wo drin ist, esse ich überhaupt keine Chips mehr. Oder Champignons. Die Pilze werden meist auf Hühnermist angebaut. Und weil der Mist ein Abfallprodukt der Fleischproduktion ist, sind die Pilze für mich nicht mehr wirklich vegan. Ich kaufe nur noch Champignons von einer Firma, die auf Buchenholzspänen anbaut.

Klingt ganz schön kompliziert ...

Ich glaube, man kann nur graduell vegan leben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der für alles Mögliche Tiere verwendet werden, und sei es, um Medikamente zu testen oder zu produzieren. Ich kann auch nicht ausschließen, dass ich mit meinem Auto Tiere überfahre. Jeder muss für sich entscheiden, wie weit er oder sie sich auf diese Lebensweise einlässt. Es sollte nicht zu einer Obsession werden.

Sie meinen, wir sollten keine tierischen Produkte mehr nutzen. Kann das funktionieren?

Ich bin für eine Landwirtschaft, die rein pflanzlich arbeitet. Der Agrar- und Ernährungswissenschaftler Toni Meier rechnet in seinem Buch "Umweltschutz mit Messer und Gabel" vor, dass wir in Deutschland mit unseren vorhandenen Ackerflächen die doppelte Einwohnerzahl ernähren könnten - rein pflanzlich und ohne Pestizide. Dazu müssten wir nicht einmal jeden ungenutzten Fleck in Nutzland verwandeln. Je nach Tierart werden sieben bis 15 pflanzliche Kalorien benötigt – auch von Gen-Soja aus Brasilien -, um eine tierische Kalorie zu erzeugen. Dass eine vegane Landwirtschaft funktioniert, kann man sich leicht ausrechnen.

Viele Menschen sehnen sich heute nach einer tierfreundlicheren Landwirtschaft. Und protestieren auch dafür. Greift dieser Protest aus Ihrer Sicht zu kurz?

Ich denke pragmatisch. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Reformen sind auf jeden Fall wichtig - um den Tieren schon heute etwas Leid zu ersparen. Wenn einem Tier nicht betäubungslos der Schwanz abgeschnitten wird, wenn es nicht betäubungslos kastriert wird, dann ist das ein kleiner Fortschritt. Von einer tierfreundlichen Tierhaltung würde ich darum noch nicht sprechen. Ich sage ungern, bio sei "besser", ich sage lieber "ein bisschen weniger schlimm". Denn die Unterschiede zwischen konventioneller und Bio-Haltung sind sehr gering. Da bekommt das Tier ein paar Quadratzentimeter mehr Platz und ab und zu eine Handvoll Stroh. Das ist immer noch ein furchtbares Leben.

Sie wollen also einen größeren Wurf ...

Es muss Menschen geben, die an den kleinen Reformen arbeiten. Aber man muss sich ab und zu auch fragen: Was ist die größere Vision? Erstens: Wir dürfen Tiere nicht einfach töten, nur weil sie uns schmecken. Für uns Bewohner der Industrieländer sind die Zeiten vorbei, in denen wir auf Fleisch angewiesen waren. Zweitens: Wir dürfen ihnen nicht die Kinder wegnehmen. Das gehört zum Grausamsten, was wir ihnen antun können. Drittens: Wir dürfen Tiere nicht einsperren, es ihnen unmöglich machen, ihr Leben voll zu leben. Ein Schwein, das sein Futter in den Trog bekommt, hat längst nicht alles, was es braucht. Das Schwein will selber Futter suchen, es will herumlaufen, es will erforschen, es will die Erde umpflügen. Ich sehe nicht, dass es eine wesentlich bessere Tierhaltung geben könnte, die technisch und ökonomisch realisierbar wäre und diese drei Forderungen berücksichtigt. Wer will denn hinter der Kuh herlaufen, um ihr pro Tag zehn Milliliter Milch abzunehmen? Denn den Rest würde das Kalb trinken. Das ist vollkommen unrealistisch.

Wird Ihnen manchmal vorgeworfen, Sie hätten als Journalistin von der Nutztierhaltung keine Ahnung, eine solche Moral könne man sich nur am Schreibtisch leisten?

Das ist mir zum Glück noch nie passiert. Bei allem Respekt, ich bin zwar weder Landwirtin noch Wissenschaftlerin, aber ich kenne mich ganz gut aus. Ich lasse alle Texte von veterinärmedizinischen Professoren gegenlesen, oder auch von promovierten Biologen, von Agrarwissenschaftlern, je nachdem, um was es geht. Es ist ja auch eine schöne journalistische Herausforderung, sich in solche Themen einzuarbeiten. Schweine zum Beispiel haben mich schon immer fasziniert. Aber erst vor anderthalb Jahren habe ich mich in das Thema reingefuchst. Ich wollte wissen, wie dieses ekelhafte System funktioniert.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz beschreibt in einer Erzählung den Umgang mit Hühnern in einem Kibbuz. Er lässt den Erzähler kommentieren: "Eines Tages wird es auf der Welt eine Generation von Menschen geben, die uns zu Mördern erklären werden." ...

Wir schauen auf frühere Generationen, die sich auch schon für gute Menschen hielten, und fragen uns, wie sie tun konnten, was sie getan haben. Wenn es mit der Menschheit und dem moralischen Fortschritt weitergeht, wird uns dasselbe passieren. Davor sind übrigens auch wir Veganer nicht sicher. Wir alle sind ja nicht an irgendeinem Endpunkt der moralischen Entwicklung angekommen.

Die Debatte über Tierethik findet vor allem in den westlichen Industrienationen statt. Ist moralisches Verhalten gegenüber Tieren etwas für Wohlhabende?

Auf jeden Fall ist Tierethik ein Thema in Gesellschaften, die in ihrer industriellen Entwicklung so weit fortgeschritten sind, dass die Menschen das Leid, das diese Industrialisierung hervorruft, absehen können. Dort, wo die jetzige Subsistenzwirtschaft gerade erst durch westliche multinationale Konzerne zerstört wird, sieht das anders aus. Aber die Idee, dass Tiere moralisch berücksichtigt werden müssen, ist sehr alt. Und die westlichen Industrienationen haben darauf kein Monopol. In Brasilien haben Tierbefreier neulich ein Labor gestürmt und 300 Hunde rausgeholt. In China wurden vor kurzem 3000 Katzen befreit, die geschlachtet werden sollten. Wir in Europa haben es dagegen noch nie geschafft, auch nur einen einzigen Schlachttransport zu stoppen, die Tiere aufzukaufen und unterzubringen.

Was Sie fordern, klingt angesichts des rasant wachsenden Fleischkonsums in den Schwellenländern atemberaubend unrealistisch. Was macht Ihnen eigentlich Mut?

Ich schreibe immer wieder über das Thema Islamfeindlichkeit. Einmal saß ich mit dem Rassismusforscher Wilhelm Heitmeyer in einer Diskussionsrunde. Er sagte, er habe Sorge, dass sich die islamfeindlichen Vorurteile in unserer Gesellschaft verstärken, dass sie irgendwann zur Normalität werden. Denn was normal ist, bekommt man nicht mehr in den Fokus der politischen Debatte. Da wurde mir klar, was wir Tierrechtler und Veganer in den vergangenen Jahren geschafft haben: Es ist nicht mehr "normal", wie wir mit Tieren in der Landwirtschaft umgehen. Die Frage, ob wir Tiere nutzen und essen dürfen, steht jetzt im Raum. Das macht mir Mut.

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Hilal Sezgin

Artgerecht ist nur die Freiheit

Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen

C.H. Beck Verlag,

2014

301 Seiten, 16,95 Euro

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