Elektromobilität Diese Elektro-Knutschkugel möchte die Stadt erobern

Schicke Rundungen, moderne Farben, imposante Scheinwerfer, ein Schiebedach, eine große Fronttür und ein Elektro-Motor: Der Microlino erinnert optisch stark an seine historische Inspiration und lockt als umweltfreundlicher City-Cruiser. Doch wie sinnvoll ist der Elektro-Flitzer wirklich?
Microlino

Der Microlino erinnert optisch stark an seine historische Inspiration: die BMW Isetta. Doch wie sinnvoll ist der Elektro-Flitzer wirklich?

Die Ähnlichkeit lässt sich wohl kaum verkennen: Eine blau-weiße BMW Isetta ist auch heute noch ein echter Hingucker. Der Kabinenroller im Design von Iso Rivolta aus dem italienischen Bresso lief bis 1962 über die Laufbänder des großen Automobilherstellers. 2017, knapp 55 Jahre später, startet die Produktion des elektronisch-betriebenen Nachfolgers: der Microlino. „Neues Design, heutige Technologie und bahnbrechende Innovation“, so wirbt der Hersteller Micro Mobility Systems auf seiner Webseite. Das Auto solle „eine Erinnerung an die Vergangenheit kreieren, nicht bloß eine Widerholung“.

Die Optik, inklusive der auffallenden Scheinwerfer, erinnert tatsächlich stark an das bezinbetriebene Rollermobil aus früheren Tagen. Immer noch scheinen sich die Insassen nah aneinander kuscheln zu müssen. Immer noch lockt die Fronttür interessierte Blicke auf sich. Und immer noch passt die Knutschkugel in fast jede Parklücke – und das quer. Denn das Gefährt ist nur 2,40 Meter kurz. Und während ein altes Werbeplakat eine Spitzengeschwindigkeit von 85 km/h verspricht, schafft es die moderne Ausgabe angeblich auf 90 km/h.

Und dann wäre da natürlich noch der Elektro-Motor: Der schweizer Hersteller – bekannt für das Kickboard – verspricht eine maximale Leistung von 15 kW und eine Reichweite von rund 120 km. In nur 4 Stunden soll sich der Microlino an einer Haushaltssteckdose laden lassen. 

Ein echter City-Cruiser also. Oder etwa doch nicht?

Im Imagefilm hält der Miniflitzer direkt vor einem Café, fährt über einen Markt und sammelt Obst und Gemüse durch das praktisch-schicke Schiebedach ein. Die Fahrten durch einen Park und ein Stopp vor einem Greenpeace-Schild deuten ein umweltfreundliches Fahrzeug an. 

Eine Untersuchung im Auftrag des schwedischen Environmental Research Institutes (IVL) ergab dabei jüngst, dass für die Herstellung der Lithium-Ionen-Akkus pro Kilowattstunde (kWh) Kapazität rund 150 bis 200 kg Kohlendioxid (-Äquivalente) anfallen. Ein benzinbetriebener Kleinwagen mit einem Verbrauch von 6 Litern auf 100 Kilometern verursacht im Vergleich rund 140 Gramm CO2 pro Kilometer. Somit rentieren sich die 8 kWh Kapazität des Microlino bestenfalls nach rund 8.570 gefahrenen Kilometern.

Hinzukommt: Elektroautos sind nur so klimafreundlich wie der Strom, der sie antreibt. Denn den größten Einfluss auf die Ökobilanz hat das regelmäßige Laden, so das Ergebnis einer Schweizer Studie. Wird ein in Europa üblicher Strommix getankt, belaste das die Umwelt noch mehr als der Akku.

Auch wenn am Fahrzeug selbst also keine CO2-Emissionen entstehen, verursachen sie indirekt über den Verbrauch von Strom Emissionen. So haben Elektroautos schlussendlich eine ähnlich hohe CO2-Emissionen wie Benzin- und Diesel-PKWs. Das hat ein Forschungsprojekt des Umwelt- und Prognose-Instituts (UPI) gezeigt. 

Mit einem vergleichsweise geringen Verbrauch, der nicht zuletzt auf die Größe zurückzuführen ist, mag das Leichtelektromobil (Fahrzeugklasse L7e) dennoch eine (theoretisch) zukunftsweisende Alternative darstellen – zumindest für alle Pendler, die weniger als 50 Kilometer zur Arbeit zurücklegen. Ist der Microlino aber nur für die Fahrt zum Freibad, Wochenmarkt oder Sportverein gedacht, stellt sich die Frage, ob ein Fahrrad (gegebenenfalls mit Gepäckträger oder Lastenanhänger) nicht denselben Zweck erfüllen kann. Vielleicht drehen sich dann weniger Köpfe nach einem um, umweltfreundlicher wäre es aber allemal.