Vergesst Trump! Darum versagt Deutschland beim Klimaschutz

Trump ist der böse Bube der internationalen Klimapolitik. Dabei kommen selbst Musterknaben ihren Verpflichtungen nicht nach. Deutschland zum Beispiel. Ein Kommentar von GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Kraftwerk Neurath

Das Braunkohlekraftwerk Neurath ist die zweitgrößte Dreckschleuder Europas. Allein im Jahr 2015 bliesen seine Schlote mehr als 32 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre

Donald Trump, daran hat der laute Mann im Weißen Haus schon vor seiner Wahl keinen Zweifel gelassen, wird den Klimaschutz nicht voranbringen. Im Gegenteil. Er hat den früheren ExxonMobil-Chef Rex Tillerson zum Außenminister ernannt, einen weiteren Lobbyisten der fossilen Industrien und Klimawandelleugner zum obersten Umweltschützer gemacht, kündigte massive Streichungen bei der Umweltbehörde EPA an, versucht mit allen Mitteln, Obamas Clean Power Plan rückgängig zu machen.

Das ist schrecklich. Doch seien wir ehrlich: Es nützt uns auch. Haben wir doch endlich jemanden, auf den wir mit dem Finger zeigen können. Seht nur, er tritt den Klimaschutz mit Füßen! Dass das ein Problem von ungeheurer Tragweite ist, wird niemand bezweifeln. Der Fingerzeig ist berechtigt. Aber er weist auf uns zurück.

Das Klimaabkommen von Paris wurde allenthalben bejubelt als epochaler Durchbruch in der internationalen Klimapolitik. Sicher, zum ersten Mal haben sich hier 196 Staaten der Erde zu einer ambitionierten, gemeinsamen Klimapolitik bekannt. Wer mochte da schon mäkeln? Dass das Abkommen zahnlos ist, weil niemand Sanktionen befürchten muss, wenn er seine Einsparungsziele nicht erreicht, las man hinterher im Kleingedruckten. Kaum ein Staatschef hätte das Vertragswerk unterzeichnet, hätte er nachher empfindliche Strafzahlungen zu befürchten. So lebt es sich ganz ungeniert zwischen Klimaschutzrhetorik und einem hemmungslosen Weiter so.

Der Energiewende-Musterknabe patzt beim Klimaschutz

Dass Deutschland in puncto Klimaschutz in einer Linke-Tasche-rechte-Tasche-Falle steckt, zeigt das Beispiel Auto: Die Bundeskanzlerin will die Elektromobilität voranbringen. Das Umweltbundesamt rät, öfter mal aufs Rad umzusteigen. Und immer mehr junge Menschen verzichteten auf ein eigenes Auto. Das Besitzen verliert offenbar seinen Glanz als Status-Booster.

All das lässt hoffen. Doch die Elektrifizierung der privaten Mobilität stockt. Verkehrsminister Dobrindt schickt Gigaliner, über 25 Meter lange Trucks nach amerikanischem Vorbild, auf die Autobahnen. Und fördert damit klimaschädlichen Güterverkehr. Gleichzeitig finden immer mehr Menschen Gefallen am Besitzen – von immer größeren, tonnenschweren, für den täglichen Straßenkampf aufgerüsteten Boliden. Inzwischen ist schon mehr als jede fünfte Neuanmeldung in Deutschland ein SUV. Unter dem Strich macht das: 5,4 Millionen mehr Verkehrs-Emissionen 2016 gegenüber dem Vorjahr. Ein Plus von 3,4 Prozent. Erinnert sich noch jemand daran, dass es einmal „autofreie“ Sonntage gab?

Selbst die Energiewende, die Deutschland zum weltweiten Leuchtturm in Sachen erneuerbare Energiegewinnung machte, verliert ihren Glanz. Zwar ist sie immer noch der Beweis, dass ein Umstieg auf eine zukunftsfähige Energiegewinnung möglich ist. Fast ein Drittel unseres Stroms produzieren wir schon mit Wind, Wasser und Sonne. Aber das Vorzeigeprojekt reicht allein nicht aus, um Deutschland wirklich sauberer zu machen. Zum Beispiel, weil gleichzeitig immer noch vier der fünf dreckigsten Kohlekraftwerke Europas in Deutschland rauchen.

Und auch die Pro-Kopf-Emissionen galoppieren davon: Jeder Deutsche stößt heute gut zwölf Tonnen CO2 aus. Mit zunehmender Tendenz. Klimaverträglich wäre ein Zwölftel davon. Eine kürzlich veröffentlichte Studie rechnet vor, dass Deutschland schon Anfang April so viele Klimagase in die Luft geblasen hat, wie ihm nach dem  Pariser Klimaabkommen für das ganze Jahr zustehen.

Es zeigt sich immer deutlicher: Ohne beherzte Maßnahmen zur Reduktion des Verbrauchs fossiler Energieträger, im Industrie, Verkehrs- und im Gebäudesektor, ohne eine großflächige Einführung der biologischen Landwirtschaft werden wir die Kehrtwende nicht schaffen. Zwischen unserem klimafreundlichen Selbstbild und der Wirklichkeit, das zeigt sich immer deutlicher, klafft eine gewaltige Lücke. Und sie wird jeden Tag größer.

Wirtschaft anders denken

Wie groß sie wirklich ist, zeigt der Ökonom Nico Paech. Der Wachstumskritiker, nicht umsonst erst kürzlich aus der Oldenburger Uni gedrängt, gehört zu denen, die Tacheles reden. Er fordert nichts Geringeres als eine entschiedene Abkehr von der Turbo-Verbrauchsgesellschaft und vom Wachstumsdogma. Es gibt kein Wirtschaftswachstum ohne Umweltschäden, so sein Credo. Wer echte Nachhaltigkeit will, so Paech, muss sich vom Wachstumsdogma der Wirtschaft abwenden - ohne zivilisatorische Errungenschaften wie hohe medizinische oder Bildungsstandards aufzugeben.

Das ist zweifellos eine gewaltige, gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Change by design nennt er das. Die Alternative wäre laut Paech Change by catastrophy: ein erzwungener Wandel durch immer weiter sich zuspitzende Konflikte zwischen denen, die sich um die knapper werdenden Ressourcen reißen. Zwischen den Abgehängten und den Reichen, die sich vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels sich in Sicherheit bringen können. Durch politische Konflikte, angeheizt durch Menschenmassen, die vor den Folgen des Klimawandels fliehen. In den Norden, der ihn verursacht hat.

Die klimaneutrale Gesellschaft ist eine epochale Herausforderung

Paechs Thesen klingen heute, im Getöse der selbst ernannten Vaterlandsbeschützer und Wohlstandsbewahrer, seltsam weltfremd. Doch die Botschaft bleibt richtig: Wir können so nicht weitermachen.

An der Notwendigkeit zu handeln wird auch Donald Trump, jener Elefant im Klima-Laden, nichts ändern. Er wird mit seiner rückwärtsgewandten Strategie nur ein Strohfeuer entfachen, das die zukunftsfähige Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft um Jahrzehnte zurückwerfen könnte. Kein Grund für uns, die Hände in den Schoß zu legen.

Sicher: Am deutschen Wesen werden weder Welt noch Klima genesen. Wir allein können die Welt nicht retten. Dafür ist unser möglicher Beitrag zu klein. Aber wenn Deutschland es schafft, der Welt zu zeigen, dass und wie wirksamer Klimaschutz geht, und dass er sich sozial gerecht gestalten lässt, nutzt es eine historisch einzigartige Chance. Und zwar im eigenen Interesse. Denn kein Land der Welt kommt über kurz oder lang um den Umbau zur postfossilen Gesellschaft herum. Warum sollten wir nicht vorangehen?

Mojib Latif
Klimaforscher Mojib Latif
"Ich bin nicht bereit zu sagen, wir seien auf einem guten Weg"
Im Interview mit GEO.de verrät der Klimaforscher Mojib Latif, warum nicht nur Donald Trump Anlass zur Sorge gibt. Und was ihm Mut macht