Elektrosmog Vernetzt und verstrahlt

Weil Schüler digital besser lernen sollen, werden Schulen mit Drahtlostechnik aufgerüstet. Mediziner, Umwelt- und Verbraucherschutzverbände warnen vor den Risiken der Strahlenbelastung

Hamburg, Ende vergangenen Jahres: Im Rudolf-Steiner-Haus am Mittelweg haben sich auf Einladung des BUND rund 70 Menschen versammelt, um sich über eine unsichtbare Gefahr zu informieren. Referent ist der Diplom-Wirtschaftsingenieur und Baubiologe Michael Mumm. Sein Spezialgebiet: Elektrosmog. Heute soll es vor allem um hochfrequente elektromagnetische Felder gehen, wie sie etwa von WLAN und Bluetooth ausgehen. Das Thema ist brisant. Denn soeben hat die Hamburger Schulbehörde ein Pilotprojekt gestartet, das junge Menschen in der Hansestadt zukunftsfähig machen soll - mittels WLAN.

"Start in die nächste Generation" heißt das mit 800.000 Euro ausgestattete Unternehmen. Sechs ausgewählte Schulen sollen auf dem Weg zum digitalen Lernen mit Drahtlostechnik aufgerüstet werden. Damit Schülerinnen und Schüler sich nicht nur im Schulgebäude, sondern, so Projektleiter Michael Vallendor "auch an der Bushaltestelle" mit Lerninhalten beschäftigen können.

Michael Mumm, der sich selbst als "elektrosensibel" bezeichnet, berichtet: "Gäbe es für WLAN einen Beipackzettel, würden unter Nebenwirkungen bei dauerhafter Anwendung von mindestens fünf Jahren folgende Punkte unter 'sehr häufig' aufgeführt: Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen, Herzrasen, Konzentrationsstörungen. Bei dauerhafter Anwendung von mindestens zehn Jahren: Erschöpfung, Immunschwäche, Blutdruckstörungen." Selbst von Krebs ist die Rede. Ist der Mann ein Spinner?

Zumindest entspricht er nicht dem Klischee des Hypochonders oder Verschwörungstheoretikers, der sich durch außerirdische Strahlung manipuliert glaubt. Der redegewandte Vierzigjährige, der ein eigenes Ingenieurbüro betreibt und Strahlenmessungen anbietet, berichtet von Erfolgen aus seiner Beratungspraxis, von Dutzenden internationalen Studien, die ihm Recht geben. Er weist darauf hin, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO die von Handys und anderen Funkgeräten ausgehende Strahlung seit 2011 als "möglicherweise krebserregend" einstuft.

Genüsslich zitiert Mumm auch die Einschätzung eines großen Rückversicherers. Die Swiss Re stufte 2013 das Risiko durch bisher unbekannte Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlung als "hoch" ein. An dieser Stelle, so Mumm, könne er seinen Vortrag eigentlich beenden. Denn Versicherungen kalkulieren Risiken ohne Rücksicht auf Lobbyinteressen, Hysteriker und Hypochonder.

Tatsächlich ist die Liste der Institutionen und Verbände lang, die mittlerweile vor den Folgen elektromagnetischer Strahlung warnen. Darunter Ärzte, Umwelt- und Verbraucherschutzverbände.

"Kurz- und langfristige Schädigungen"

Die Europäische Umweltagentur (EEA) nahm 2013 die Mobiltelefonie aufgrund des Forschungsstandes in ihren Risikokatalog auf. Und der BUND warnt in einem Grundsatzpapier zum Thema: "Die Gesundheit der Menschen nimmt Schaden durch flächendeckende, unnatürliche Strahlung mit einer bisher nicht aufgetretenen Leistungsdichte. Kurz- und langfristige Schädigungen sind absehbar und werden sich vor allem in den nächsten Generationen richtig manifestieren." Als Konsequenz fordert der Umweltverband in Innenräumen einen Vorsorgewert von einem Mikrowatt pro Quadratmeter für hochfrequente Strahlung. Zum Vergleich: Die Belastung durch WLAN an einem Arbeitsplatz neben einem Accesspoint kann um das 2500-Fache höher sein.

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Teuer erkaufter Lernerfolg? Mediziner und Umweltverbände warnen vor den Langzeitschäden hochfrequenter elektromagnetischer Felder, wie sie bei WLAN auftreten

In der Hamburger Schulbehörde verlässt man sich unterdessen auf Informationen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Dort heißt es: "Bei Einhaltung der empfohlenen Höchstwerte sind nach derzeitiger Kenntnis keine gesundheitlich nachteiligen Wirkungen auf Körpergewebe nachgewiesen." Der entscheidende Punkt: "nach derzeitiger Kenntnis". Die EEA weist darauf hin, dass manche Krebsarten 20 Jahre oder länger zur Entstehung brauchen. Langzeitstudien zum Thema gibt es bislang keine. Und Ellen Kruse von der Arbeitsgemeinschaft Elektrosmog beim BUND weist auf einen blinden Fleck in der Grenz- oder Höchstwertdebatte hin: "Dieser Wert berücksichtigt nur thermische Effekte, also die Erwärmung. Die biologischen Wirkungen, die schon bei geringer Strahlung auftreten, werden in der Grenzwert-Diskussion außer Acht gelassen."

Unterdessen hat das oberste italienische Verwaltungsgericht schon einmal juristische Fakten geschaffen. Im Jahr 2012 entschied es zu Gunsten eines Geschäftsmannes, der an einem gutartigen Tumor am Kopf erkrankt war, einem sogenannten Akustikneurinom. Der Mann hatte zwölf Jahre lang dienstlich mit dem Handy telefoniert und sah darin die Ursache für den Tumor. Das Gericht gab ihm Recht. Die gesetzliche Unfallversicherung musste zahlen.

Beim Thema "Risiken durch Elektrosmog" verweist der Hamburger Projektleiter und Pädagoge Michael Vallendor dagegen auf Angaben und Empfehlungen der Hersteller: "Bei uns kommt die beste Technik zum Einsatz. Als Pädagoge verlasse ich mich auf die Leute, die die entsprechenden Datenblätter wälzen."

"Vorsorge muss im Vordergrund stehen"

Ellen Kruse vom BUND reicht das nicht. Sie weist darauf hin, dass Studien schädliche Auswirkungen besonders auf den Fötus, auf Säuglinge und Heranwachsende nahelegen. Und sieht das Vorsorgeprinzip verletzt: "So lange nicht zweifelsfrei geklärt ist, ob hochfrequente elektromagnetische Felder für Menschen schädlich sind, muss die Vermeidung und Reduktion von Strahlung im Vordergrund stehen."

In einer Resolution des Umweltausschusses des Europarats aus dem Jahr 2011 heißt es sogar: "Sämtliche Handys, DECT-Telefone oder W-LAN-Systeme sind in Klassenzimmern und Schulen zu verbieten, wie dies auch von einigen regionalen Behörden, medizinischen Berufsverbänden und Bürgerinitiativen gefordert wird." Selbst das Bundesamt für Strahlenschutz hält sich ein Türchen in Richtung Vorsorge offen. Und empfiehlt generell, "die persönliche Strahlenbelastung zu minimieren, um mögliche, aber bisher nicht erkannte gesundheitliche Risiken gering zu halten."

Seinen Vortrag im Hamburger Rudolf-Steiner-Haus schließt der Baubiologe Michael Mumm mit Praxistipps. Denn die persönliche Strahlendosis zu reduzieren, sei ganz einfach: "Kabel statt WLAN, Router ausschalten, wenn er nicht gebraucht wird, Schnurtelefone nutzen." Für Projektleiter Michael Vallendor ist das allerdings keine Lösung. Denn Teil des pädagogischen Konzepts sei ja gerade das ortsungebundene Lernen via Internet. "Versuchen Sie mal, ein Smartphone mit einem Kabel mit dem Internet zu verbinden."

Mehr zum Thema

Mehr über das Hamburger Schulprojekt "Start in die nächste Generation"

Informationen vom Bundesamt für Strahlenschutz (PDF)

Eine Zusammenfassung des wissenschaftlichen Standes von der Europäischen Umweltagentur EEA (PDF)

Weitere Informationen und Einschätzungen zum Thema auf den Seiten des BUND

Die Verbraucherschutzorganisation "Diagnose Funk" warnt vor den gesundheitlichen Risiken hochfrequenter elektromagnetischer Felder
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