"So sollt ihr leben"

Der Pfarrer Sebastian Kneipp heilte seine Tuberkulose durch ein Bad in der eiskalten Donau. Fortan predigte er Wassertreten und Wickelkuren. Die machten viele Menschen gesund - und die Kirchenoberen misstrauisch
In diesem Artikel
"So sollt ihr leben"
Lehre vom richtigen Leben

"So sollt ihr leben"

Er war ein Star in Sandalen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er der bekannteste Deutsche nach Bismarck. Und heute ist er wieder en vogue: Als die Fernsehzuschauer 2003 die "Besten Deutschen" kürten, landete er auf Platz 63 - weit vor den Gebrüdern Grimm oder Claudia Schiffer. Bevor die Werbung die "Wellness" erfand, trugen Kuren und Anwendungen seinen Namen: Sebastian Kneipp.

1821 wird Kneipp als Sohn eines armen Webers im bayerischen Stephansried geboren. Schon früh will er Pfarrer werden, aber seine Eltern können ihm die Schulbildung nicht bezahlen. Erst mit 23 Jahren erreicht er die Aufnahme in das Gymnasium und kann endlich sein Theologie-Studium beginnen.

Eisbäder gegen Tuberkulose

Eine Tuberkulose-Erkrankung wird für Kneipp zum Schlüsselerlebnis: Die Ärzte haben den Gymnasiasten schon aufgegeben, da fällt ihm ein Büchlein über Wasserheilkunde in die Hände. Kneipp nimmt kurze Tauchbäder in der winterkalten Donau, und die Tuberkulose kommt zum Stillstand.

Begeistert von der heilenden Kraft des Wassers entwickelt Kneipp immer neue Methoden, den Körper abzuhärten und seine Lebenskräfte zu stärken. Zwar ist er heute als Bade-Papst bekannt, doch seine Lehre geht über Wassertreten, Blitzgüsse und Wickel hinaus. Kneipp betreibt Heilkräuter-Kunde und gibt Ratschläge zur richtigen Ernährung. Wer gesund sein will, soll sein Leben ordnen und sich viel bewegen.

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Pater Sebastian Kneipp, Erfinder der heilbringenden Wasserkuren

Lehre vom richtigen Leben

Kneipps Ratschläge sind Antworten auf seine Zeit: Im 19. Jahrhundert hat die Industrialisierung Arbeits- und Lebensformen der Menschen revolutioniert. Längst leben die Städter im Rhythmus der Maschinen. Kneipp mahnt: Wichtig sind frische Luft, Tageslicht und ein gleichmäßiger Rhythmus von Arbeit und Ruhe.

Er gibt sogar Empfehlungen, wie die Menschen ihre Wohnungen gestalten sollen und wie sie sich richtig kleiden: "Trage auf der Haut ein Hemd von ziemlich grober Leinwand! Diese hält die vom Körper strömende Wärme zurück, erhält die Haut in Tätigkeit und ist leicht zu reinigen." Seine Abhandlungen widmen sich der Zimmertemperatur ebenso wie der Erziehung der Kinder. Nicht zufällig trägt eines seiner Werke den Titel: "So sollt ihr leben".

Die Kirche wird misstrauisch

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Blitzguss und Badespaß: Meister Kneipp schaut dem Treiben vom Wandgemälde aus zu

Als in dem bayerischen Dörfchen Boos die Cholera ausbricht, bringt der Kaplan Kneipp sie mit seinen Heilanwendungen fast zum Stillstand. Doch die Kirche betrachtet Kneipps zunehmende Berühmtheit mit Argwohn und kritisiert seine Praktiken als ungeistlich. Zu sehr widmet er sich in seiner Arbeit dem Körper. Um ihn ruhig zu stellen, wird Kneipp in das Dominikanerinnen-Kloster nach Wörishofen versetzt.

Der Papst urteilt über Kneipp

Doch der Plan der Kirchenoberen misslingt: In Wörishofen kann er in aller Ruhe seine Naturheilkunde ausbauen. Bald wird der bayerische Ort zur Pilgerstädte für Kranke aus ganz Europa.

Kneipps Bischof in München gefällt der Rummel nicht, er bringt den Fall nach Rom. Papst Leo VIII. selbst soll entscheiden, ob Kneipp weiter praktizieren darf. Doch Kneipp hat Glück: Erzherzog Joseph von Österreich setzt sich beim Papst für ihn ein. Kneipp hatte den Herzog von einem schlimmen Ischias-Leiden geheilt. Schließlich lässt der Papst Kneipp nicht nur weiter praktizieren, er verleiht ihm 1893 sogar das Komturkreuz vom Orden des Heiligen Grabes.

Aus Abhärtung wird Wellness

Einen Monat nach seinem 76. Geburtstag erleidet Kneipp einen Erschöpfungsanfall. Wasserbäder und Kräuter helfen nicht mehr. Er stirbt am 17. Juni 1897 um 4:30 Uhr morgens. Heute hat die Wellness-Bewegung Kneipps Lehren neu entdeckt. Sie legt den Schwerpunkt aber nicht mehr auf die Lebensordnung, sondern auf den Ausgleich: Kneipp predigte das richtige Leben. Wellness will verwöhnen.

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