Liebevoll gepflegt: ein Garten voller Unkraut

Der Invasionsbiologe Gregor Schmitz leitet die Unkraut-Sammlung des Botanischen Gartens der Universität Konstanz. Hier gedeiht auf 1,5 Hektar, was wild in Gärten und auf Feldern Mitteleuropas sprießt

Unkraut wird von Gärtnern gehasst und bekämpft, ausgerupft oder weggespritzt. Sie bauen es gezielt an. Warum?

Zunächst einmal muss ich die Unkräuter in Schutz nehmen: Nur 50 bis 60 Arten wuchern so stark, dass sie überhaupt zum Problem werden. Wir wollen mit unserer Sammlung zeigen, wie vielfältig diese Pflanzen sind, und daran erinnern, was vor 100 Jahren noch alltäglich war: zum Beispiel blühende Feldränder.

Was ist überhaupt "Unkraut"?Das ist einfach ein Name für eine Pflanze, die an einer Stelle wächst, wo sie uns Menschen nicht passt. Im biologischen Sinn gibt es Unkraut gar nicht.

Trotzdem verwenden Sie den Begriff.Weil das einfach kürzer ist, als von "Ackerwildkräutern" oder "Kulturpflanzenbegleitkräutern" zu sprechen. Viele ehemalige Unkräuter sind übrigens als Nutzpflanzen gerne gesehen. Wussten Sie, dass Roggen im Mittelalter als Unkraut galt? Genauso Feldsalat und Rauke. Heute erkennt man zusehends, dass die "wilden Verwandten" für die Pflanzenzüchtung wichtige Eigenschaften liefern. Auch deswegen sollten wir achtsam mit ihnen umgehen.

Aber Unkraut wächst doch überall. Wozu muss man es schützen?

Ganz so von selbst wachsen viele Arten leider gar nicht mehr. Weil Saatgut heute fast vollständig von Unkrautsamen gereinigt wird, weil Herbizide versprüht und Nutzpflanzen durch Züchtungen immer wuchsfreudiger werden. Heute steht ein Drittel der 350 einheimischen Unkrautarten auf der Roten Liste - und mit jedem Unkraut, das ausstirbt, verlieren durchschnittlich 13 Insektenarten ihren Lebensraum.

Müssen wir also Brennnessel und Ackerkratzdistel demnächst unter Naturschutz stellen?Nein, diese sicher nicht. Es gibt Allerweltsunkräuter, die praktisch unverwüstlich sind. Andere jedoch, die früher an jedem Feldrand wuchsen, sind heute Raritäten, zum Beispiel Kornblume, Frauenspiegel und Ackerrittersporn.

Empfehlen Sie Ihren Besuchern, statt Blumen besser Unkraut anzupflanzen?

Es würde schon helfen, wenn jeder Gartenbesitzer einen einzigen Quadratmeter verunkrauten ließe. Immerhin machen alle Gärten in Deutschland zusammengenommen fast die Hälfte der Fläche von Sachsen aus. Und die Wildpflanzen stellen sich ganz von allein ein. Denn in jedem Kubikmeter Erde schlummern zahlreiche Samen, viele andere werden von außen durch Wind oder Vögel eingetragen.

1e2e7ed01f29da49669b9e8138ed3f32

Gregor Schmitz mit der Kanadischen Goldrute, die sich bei uns immer mehr ausbreitet

Dann haben Sie als Betreuer einer Unkrautsammlung ja einen bequemen Job.

Überhaupt nicht! Wenn man einzelne Unkrautarten gezielt anpflanzen will, kostet das viel mehr Arbeit als die Pflege eines Zierstaudenbeets. Bei uns ist ein Gärtner nur damit beschäftigt, die Pflanzen einzeln auszusäen, anzuziehen, auszupflanzen und die Beete sauber zu halten. Am Ende der Saison kommt natürlich noch die Samenernte dazu.

Ist Ihnen denn schon mal ein Unkraut ausgebüxt?

Da wir von Wald umgeben sind, kommen die meisten nicht weit. Die schlimmsten Wucherer halten wir aber in Töpfen oder sammeln Früchte rechtzeitig ein. Am gefährlichsten ist bei uns sicherlich die Herkulesstaude. Aus ein paar verwehten Samen können sich unter Umständen bald mächtige Bestände entwickeln.

Haben Sie ein Lieblings-Unkraut?

Ja, vielleicht die Leinrade, ein einjähriges, purpur blühendes Nelkengewächs, das selten geworden ist, seit kein Lein mehr angebaut wird. Es war schwer, überhaupt noch ihren Samen zu bekommen.

Und in Ihrem eigenen Garten? Da sprießt das Unkraut?

Ich habe leider nur einen Balkon. Da habe ich ein paar Küchenkräuter mit Kompost eingepflanzt und schaue jetzt, was sonst noch alles keimt. 20 bis 30 Arten sind es bisher. Zugegeben: Die Mischung sieht etwas verrückt aus. Aber die Vögel besuchen uns gern.

Die Fragen stellte Juliane von Mittelstaedt

e2efd8dfa4107c0953c150691d408426
GEO Nr. 05/97
GEO.de Newsletter