Hurrikan "Katrina": Der große Unbekannte

In New Orleans erwartet man die Ankunft eines verheerenden Wirbelsturms. Und fragt sich bange, ob "Katrina" ähnlich wüten wird wie verschiedene Vorgänger

Am Abend des 28.8.2005 haben die Behörden die Zwangsevakuierung von New Orleans im US-Bundesstaat Louisiana angeordnet. Betroffen sind 485 000 Bewohner. Doch schätzungsweise eine Million Menschen sind in der Region vor dem Wirbelsturm "Katrina" geflohen, der am 29.8.2005 gegen 15 Uhr (MEZ) auf die Küstenstadt treffen soll.

Anhand der "Safir-Simpson-Hurrikan-Skala" stufen Meteorologen den Wirbelsturm zwischen den beiden höchsten Kategorien 4 und 5 ein. Im schlimmsten Fall könnte "Katrina"also mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 250 Stundenkilometern über das Festland brausen und eine meterhohe Flutwelle vor sich hertreiben. Da weite Stadtteile von New Orleans tiefer gelegen sind als der Meeresspiegel, rechnet man mit fünf Meter hohen Pegelständen. Wahrscheinlich wird die Sturmflut kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Hurrikan Katrina: Der Tag danach
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Kurz vor New Orleans änderte "Katrina" seine Bahn. Die Menschen blieben vom Schlimmsten verschont. Trotzdem sind die Schäden immens
Fotoshow: Hurrican "Katrina"
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Satellitenbilder offenbaren das wahre Ausmaß der Naturkatastrophe 2005
Hurrikane: Wirbelnde Monster
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Immer wieder müssen die Bewohner Mittel- und Nordamerikas mit Zerstörungen durch tropische Wirbelstürme rechnen. Viele von ihnen entstehen in den warmen Gewässern vor der Küste Afrikas
In Zukunft noch mehr Hurrikane?
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Kaum hatten die Experten ihre Vorhersagen für Tropenstürme an den US-Küsten erhöht, rollte "Katrina" heran - als Vorbote weit größeren Unheils?

Als verheerend gilt denn auch weniger die Zerstörungskraft des Windes, der Häuser abdeckt, leichte Holzbauten im Nu umweht, Autos von den Straßen bläst, Bäume ausreißt und Strommasten knickt - todbringend sind die sintflutartigen Regenfälle und die Sturmflut. Bei "Katrina" rechnet man mit einer vom Meer kommenden Wasserkuppel, die auf einer Breite von bis zu 160 Kilometern und mit 18 Meter hohen Brechern festgemachte Schiffe zermalmen, Strände und Deiche wegreißen wird. Schon fünf Stunden vor der Ankunft des Sturms dürften die Straßen in Küstennähe unpassierbar geworden sein.

Unterspülte Verkehrswege, zerstörte Brücken, Schutt und Treibgut dürften auch die spätere Versorgung von New Orleans erschweren. Im Football-Stadion "Superdome" haben 10 000 Bewohner Zuflucht gesucht. Die meisten besitzen kein Auto, um zu entkommen oder sind behindert oder zu alt, um die Strapazen der Flucht auf sich zu nehmen. Sie sind schon jetzt mit Versorgungsproblemen konfrontiert. Später wird die Überschwemmung vermutlich zu Ausfällen in der Trinkwasserversorgung führen.

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Heute Morgen, 29. August, gegen 7 Uhr Ortszeit, befand sich der Wirbelsturm noch etwas mehr als 200 Kilometer südlich der Mississippi-Mündung

Vor einer vergleichbaren Krise standen die US-Bürger zuletzt 1999. Damals traf "Floyd" am 16. September um 6.30 Uhr in North Carolina auf das Festland. Windgeschwindigkeiten von 180 Stundenkilometern, Windhosen und sintflutartige Regenfälle sorgten für gewaltige Überschwemmungen. Damals versuchten sogar zwei Millionen Bürger, der Naturgewalt zu entkommen. Dächer wurden fortgerissen, Strommasten geknickt, so dass eine Million Menschen zeitweise ohne Strom waren. Im benachbarten Florida evakuierte die Nasa vorsorglich 12 500 Mitarbeiter. Es gab 57 Tote.

Was die Todesrate anlangt, hält Hurrikan "Mitch" einen traurigen Rekord. Er bildete sich am 22. Oktober 1998 vor Panama, baute rasante Windkraft auf und raste am 24. Oktober 1998 über Honduras, Guatemala, Nicaragua und Mexico hinweg. 9086 Tote wurden gezählt, 9191 Menschen galten als vermisst. Allein in Honduras war die Hälfte der Ernte vernichtet, 70 000 Häuser waren zerstört. Die ganze Region, so schätzten damals UN-Experten, war in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung um 20 Jahre zurückgeworfen.

Den bis heute größten bezifferbaren Schaden richtete "Andrew" im August 1992 an. Völlig unauffällig bildet er sich zunächst als Tiefdruck-Sturm in der Nähe von Kap Verde vor der Küste Westafrikas, zog dann in westliche Richtung über den Atlantik - und verwandelte sich plötzlich in einen Sturm der Kategorien 4 und 5 und ändert seinen Kurs! Ins Visier gerietenvöllig überraschend die Bahamas und Florida. Dort vernichtete der Hurrikan 63 000 Wohnungen, eine Viertelmillion Menschen hatten plötzlich kein Zuhause mehr. "Andrew" forderte 26 Tote - und verursachte Sachschäden in Höhe von 30 Milliarden Euro!

Noch immer herrscht in den Krisengebieten im Süden der USA blankes Chaos. Ist die Regierung Bush überfordert? Darf Umweltminister Trittin daran erinnern, dass die USA den Treibhauseffekt miterzeugen und deshalb selbst schuld sind an der Katastrophe?
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