Der alte Mann und der Canyon

Er ist einer der berühmtesten Umweltschützer der USA und mit allen Wassern gewaschen. Seit vielen Jahren engagiert sich Martin Litton für den Fluss Colorado und die Natur des Grand Canyon. Als Gegner einer zu großen Nutzung und Eindämmung des Flusses sind Littons Energie und seine Streitlust gegen den Glen-Canyon-Damm auch im hohen Alter ungebrochen
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Martin Litton

Es gibt wohl kaum einen Großkonzern in Kalifornien, mit dem er sich nicht angelegt hat. Im Übrigen ist Martin Litton die Sorte Mensch, die einen Blinddarmdurchbruch vier Tage lang für Magenschmerzen hält und trotzdem überlebt - nach Ansicht von Ärzten eigentlich unmöglich. Und er ist sicher der älteste Mensch, der sich mit einem Boot die Stromschnellen des Colorado hinunterstürzt.

Martin Litton wurde am 13. Februar 1917 in Los Angeles geboren. Mit 16 Jahren gründete er die "California Trails Association", eine Umweltorganisation, die gegen den fortschreitenden Straßenbau in der Sierra Nevada und in den San Gabriel Mountains kämpfte. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Litton bei der "Los Angeles Times", von 1954 bis 1969 war er Redakteur beim

ökologisch orientierten "Sunset Magazine". Dann gründete er zwei Firmen, die zwanzig Jahre lang unter anderem Bootstouren durch den Grand Canyon organisierten. Sein Engagement für die Umwelt reicht jetzt über mehr als sechs Jahrzehnte. Sein Hauptaugenmerk galt dabei den Wäldern Kaliforniens mit den riesigen Sequoia-Bäumen, dem Grand Canyon und dem Colorado sowie der Einrichtung von Nationalparks im Nordwesten der USA.

GEO SAISON: Mr. Litton, Sie sind einer der berühmtesten und unnachgiebigsten Umweltschützer der USA. Sind Sie ein Öko-Fundi, also ein Radikaler?Martin Litton: Ach was. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Dabei sehe ich, dass wir vieles verlieren, ohne es uns bewusst zu machen. Ich bin ein Konservativer, der Dinge bewahren und erhalten möchte. Mein Wertesystem ist, wenn Sie so wollen, altmodisch. Für mich heißt konservativ sein: radikal sein.

Was bedeutet das? Keine Kompromisse eingehen. Ich weiß, das klingt hart, aber wer Kompromisse eingeht, wird auf die Dauer verlieren, wovon er hundertprozentig überzeugt ist. Nur kompromisslos gelingt es uns, überhaupt etwas zu erhalten. Das politische System, das uns die Gründerväter hinterlassen haben, ist so perfekt, wie es ein politisches System eben sein kann. Nur haben wir heute kaum noch Zeit, es im ursprünglichen Sinne arbeiten zu lassen. Bevor der Kongress mit seinen vielen Ausschüssen etwas unternimmt, können schon alle möglichen Schäden passiert sein.

Eines Ihrer großen Lebensziele ist es, den Glen-Canyon-Damm zu beseitigen, der seit 35 Jahren den Colorado unmittelbar vor seinem Einfluss im Norden in den Grand Canyon zum Lake Powell aufstaut. Warum? Um den Glen Canyon wieder ans Tageslicht zu befördern. Für die Energiegewinnung ist der Damm nicht besonders wichtig. Der Colorado ist zwar einer der bekanntesten Flüsse in Amerika, aber er taucht nicht einmal unter den ersten 30 auf, wenn wir von der Wassermasse sprechen, die er transportiert. Der Sacramento transportiert dreimal so viel Wasser wie der Colorado, der Mississippi fast sechzigmal soviel.

Glauben Sie wirklich, dass in zehn Jahren Touristen aus aller Welt statt des Powell-Stausees den 180 Meilen langen Glen Canyon besuchen können, der sich heute unter den Wassermassen verbirgt und dessen indianische Höhlenwohnungen nur noch die älteren Amerikaner kennen? Warum nicht? Der Glen-Canyon-Damm ist praktisch überflüssig und funktioniert auch technisch nicht. Er ist seit einem Hochwasser 1983 stark beschädigt. Damals brachen Steinblöcke aus dem Stauwerk, die größer als Autos waren. Heute ist der Damm leck. Alle zwei Minuten müssen Tausende Kubikmeter Wasser aus dem Inneren abgepumpt werden.

Wie lange würde es dauern, bis sich der Glen Canyon wieder einigermaßen erholt hätte? Das weiß kein Mensch. Die Wiesen wären wahrscheinlich schnell wieder da. Wälder würden natürlich ein paar hundert Jahre brauchen, um wieder nachzuwachsen. Eines weiß ich aber, und die Regierung weiß es auch: Der Glen-Canyon-Damm wird wie alle Dämme nicht ewig stehen. Warum machen wir ihn also nicht jetzt gleich auf?

Sie machen auch immer wieder Front gegen die Touristenfluten im Yosemite Park, einer der größten Naturschönheiten, die Kalifornien zu bieten hat. Warum? Wir müssen dringend einen Weg finden, die Unzahl von Autos von dort fernzuhalten. Das große Problem ist, dass Yosemite nur ein paar Stunden von Los Angeles, San Francisco, Fresno, Sacramento und Las Vegas entfernt ist. Als ich jung war, gab es eine einzige schmale Straße ins Yosemite-Tal. Heute führen vier Schnellstraßen dorthin.

Sie saßen damals zusammen mit dem berühmten Landschaftsfotografen Ansel Adams im Verwaltungsrat der einflussreichen Naturschutzorganisation "Sierra Club"... Wir konnten den Bau der Straßen trotzdem nicht verhindern. Die Nationale Parkverwaltung (National Park Service) hat das zu verantworten. Das ist dieselbe Behörde, die heute über zu viele Autos im Yosemite Park klagt.

Seit drei Jahrzehnten kämpfen Sie für den Erhalt der riesigen Sequoia-Bäume. Mit Erfolg? Wir versuchen, die Schäden in Grenzen zu halten. Manchmal ist es wirklich mühsam. Nach den Vorschriften der Forstverwaltung zählen nur solche Bäume als Sequoias, die mindestens drei

Fuß (91,44 Zentimeter) Durchmesser haben. Das ist lächerlich. Auch "General Sherman", der größte Baum der Welt, war mal kleiner als ein Bleistift.

Sie sind registriertes Mitglied der Republikanischen Partei. Glauben Sie, dass es für die Umweltbewegung hier einen großen Unterschied macht, ob die Vereinigten Staaten von Demokraten oder von Republikanern regiert werden? Kaum. Sie wollen sich ja gar nicht unterscheiden. Präsident Clinton könnte ebenso gut Mitglied der Republikanischen

Partei sein. Im Übrigen werde ich da austreten und zu den

Grünen wechseln. Das ist eine Partei, in die man noch eintreten kann.

Was läuft schief in der amerikanischen Umweltpolitik? Hier regieren in Wahrheit die großen Konzerne. Das wichtigste Schlagwort unserer Regierung heißt "Wachstum". Diese Gier nach immer mehr Wachstum ist wie ein Krebsgeschwür. Menschen wollen materielle Dinge besitzen. Aber sie brauchen nicht soviel, wie sie jetzt schon haben.

Einen großen Teil des Wirtschaftswachstums der USA bringen sogenannte "saubere" Industrien wie die Computerindustrie hervor. Wären Sie damit einverstanden, das Fortschritt zu

nennen? Es ist zumindest eine Art von technischer Weiterentwicklung, die weniger schädlich ist als die Schwerindustrien.

Welche Richtung muss die Umweltbewegung im kommenden Jahrhundert einschlagen? Die Richtung stimmt schon, aber sie muss noch härter kämpfen.

Sind die Green Party und die Umweltbewegung in den USA politische Kräfte, mit denen in Zukunft zu rechnen sein wird? Mit Sicherheit. Den stärksten Zuwachs haben wir derzeit in den großen Städten wie Los Angeles, New York oder Chicago. Dort lebt zwar auch die arbeitende Bevölkerung, der "kleine Mann", aber dort finden Sie auch die so genannte "conservation elite". Das sind Leute, die das Land erhalten möchten und die bereit sind, dafür richtig viel Geld auszugeben.

Wenn Sie auf Ihr Leben als Umweltschützer zurückblicken, was würden Sie heute anders machen? Ich würde vielleicht einen Beruf daraus machen. Aber ich bin während der großen Wirtschaftskrise aufgewachsen. Damals musste jeder zusehen, wie er an irgendeinen Job kommt. Trotzdem habe ich mit 16 mit dem Umweltschutz angefangen. Nein, ich weiß wirklich nicht, was ich hätte anders machen sollen.

Mr. Litton, Sie haben Dammbauten verhindert, die Einrichtung von Nationalparks durchgesetzt, immer wieder mit Artikeln und Büchern die Öffentlichkeit mobilisiert und Prozesse

gegen große Unternehmen gewonnen. Sie saßen im Vorstand von zehn Umweltorganisationen und haben mehr als ein Dutzend Umweltpreise erhalten. Was aber war die schlimmste Niederlage Ihres Lebens? Die Errichtung eines Atomkraftwerkes, welches "Pacific Gas

& Electric" in den sechziger Jahren im Diablo Canyon

gebaut hat. Der Energiekonzern hat den letzten wirklich unberührten Küstenstreifen in Kalifornien südwestlich von San Luis Obispo zerstört.

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