Legoland - 22. Oktober

Lars Abromeit ist in der Antarktis angekommen. In der Südpol-Station McMurdo, die die Amerikaner "Legoland" nennen, leben im antarktischen Sommer fast 1200 Menschen. Ein Stück Amerika mitten im weißen Vakuum

Der Flug von Neuseeland ins Eis beginnt ungefähr so, wie ich mir immer eine Reise ins Weltall ausgemalt habe: Man streift sich fünf Lagen Spezialkleidung über und steigt in ein Raumschiff. Unseres nennt sich C-17 und ist eigentlich ein Militärflugzeug. Von innen aber sieht die Maschine, die das Gewicht von 20 LKWs tragen könnte, eher wie ein Space-Shuttle aus. Es gibt nur zwei winzige Fenster auf jeder Seite, dafür schmückt ein umso größeres Gewirr aus Kabeln und Schläuchen die Wände.

Zwischen Bananenkisten

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GEO-Redakteur Lars Abromeit (r.) und Fotograf George Steinmetz sind sicher in der Antarktis gelandet

Dazwischen blinken zahllose Schalter, deren geheimnisvolle Aufschriften wie "Cryogenic Vent" oder "Avionic Fan Check" mich einen Moment lang befürchten lassen, dass man sie nur zu scharf anblicken muss, um plötzlich aus einer Fallschirmluke herauskatapultiert zu werden oder die turmhohen Paletten mit Baumaterial, Chemikalien und Bananen aus ihrer Verankerung zu lösen, an deren Rand die Klappsitze für die Passagiere angebracht sind. Immerhin frieren wir nicht. Denn wir haben uns von Kopf bis Fuß in die mehrschalige Polarkleidung einpacken müssen, die uns Mr. McRoy, unser Ansprechpartner im Hauptquartier des US-Antarktis-Programms in Christchurch, am Vortag mit den mahnenden Worten verteilt hat: "Es könnte ja sein, das wir im Eis notlanden müssen und tagelang auf uns allein angewiesen sind." Da ist es dann natürlich beruhigend, zehn verschiedene Paar Handschuhe in petto zu haben. Man will schließlich auch mal die Garnitur wechseln können.

Neben mir bereitet sich Robert, ein Tischler aus Wyoming, der die nächsten vier Monate in der Südpol-Station Holzvertäfelungen zimmern soll, während des Fluges bereits gewissenhaft auf eine Notlandung vor - und stopft ein Sandwich nach dem anderen in sich hinein. Zugegeben: Unterhalten kann man sich ohnehin nicht. Der Lärm des Flugzeugmotors erstickt jedes Gespräch.

Um 14.43 Uhr erreicht unser Raumschiff schließlich sein Ziel: eine Eisscholle im McMurdo Sound, nahe des 78. Breitengrad. Wie Astronauten verpackt treten wir hinaus in die Kälte. Hinter uns, gen Norden, liegt endloses, von Sturmböen verwehtes Weiß. Links und rechts die transantarktische Bergkette. Und vor uns: "Legoland". So nennen die Amerikaner ihre McMurdo-Station, in der jetzt, im antarktischen Sommer von November bis Februar, fast 1200 Menschen leben. Es ist eine aus Containern erbaute, unwirkliche Stadt. Ein Stück Amerika mitten im weißen Vakuum. Eine Raumstation.

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Nicht etwa eine Cessna, sondern ein Militärflugzeug, das das Gewicht von 20 LKWs tragen könnte, fliegt die Expeditionsteilnehmer in die Antarktis

Es gibt zwei Bibliotheken und einen Bibelkreis in McMurdo, eine Turnhalle, eine Sauna und eine Bowlingbahn. Im Hauptgebäude, der "Galley", werden an einem Notizbrett Spanisch- und Strickkurse angeboten. Und an einem Bankautomaten kann man jederzeit genügend US-Dollar bekommen, um im angrenzenden Souvenier-Geschäft reichlich Peanutbutter-Cups oder mit "McMurdo" bedruckte T-Shirts, Bleistifte und andere Antarktis-Devotionalien zu erwerben.

Luxuriös und widersprüchlich

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Eingepackt in mehrere Schichten Polarkleidung sitzen die Passagiere zwischen turmhohen Paletten mit Baumaterial, Chemikalien und Bananen

Das Leben in McMurdo ist streng reglementiert, und dabei ebenso luxuriös wie widersprüchlich: Einerseits werden in der Kantine jeden Morgen kostenlos frische Pancakes, Donuts und Omelettes verteilt. Es ist kein Problem, die neuesten Hollywood-Filme auf Video auszuleihen und über eine Internet-Standleitung stets mit Hamburg oder New York verbunden zu bleiben. Andererseits darf man sich keine zwei Kilometer von der Station entfernen, ohne ein mehrtägiges Überlebenstraining absolviert, drei förmliche Anträge gestellt, zwei Begleiter organisiert und dies alles weit im voraus vorbereitet zu haben. Außerhalb der festgesetzten Essenszeiten ist nirgends ein einfacher Sandwich zu bekommen. Und der Allzweck-Laden im Hauptgebäude hat nur wenige Stunden pro Tag geöffnet.

Einige Bewohner von McMurdo, Tellerwäscher und Maschinenschlosser, Tischler und Putzhilfen, bekommen die Weite der Antarktis, die Einzigartigkeit dieser Welt, während ihrer Zeit auf der Station niemals zu spüren. Sie sind vor allem hier, weil die Arbeit so gut bezahlt wird, dass man fünf Monate aushalten muss, um sieben Monate im Jahr durch die Welt reisen zu können. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es einige merkwürdige Menschen nach McMurdo verschlagen hat. Menschen wie Pater Ziggler, der Pfarrer der stationseigenen Kirche. Als George ihm vor einigen Tagen ein paar Aufnahmen aus der Wüste von Saudi-Arabien zeigte, folgerte Pater Ziggler daraus, dass wir nach McMurdo gekommen seien, um den "Gral des Terrors" zu suchen. Dieser nämlich stehe in der Kapelle der Station - getarnt als "der Kelch von Erebus". Und Erebus sei bekanntlich nicht nur der Name des nahegelegenen, eisbedeckten Vulkans, sondern in der griechischen Mythologie auch als Synonym für das Böse bekannt.

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GEO-Reporter Lars Abromeit erlebt seinen ersten Gottesdienst im Eis

Am Mittwoch sollen hier in McMurdo die ersten Forscher aus dem Team eintreffen, das wir in die Trockentäler begleiten wollen. Hoffentlich sind sie nicht genauso der Welt entrückt.

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