Olympus Range - 6. November

Lars Abromeit ist in den "Dry Valleys" angekommen. Auf 1600 Metern Höhe, im "Olympus Range", wollen die Forscher der Frage nachgehen, wann genau der antarktische Kontinent in Kälte erstarrte

Wir hatten es gut gemeint: Vier Flaschen Wein, abgefüllt in dicht schließende, dickwandige Plastikbehälter, könnten die kalten Abende im Zelt ein wenig gemütlicher machen - dachten wir jedenfalls. Es sollte anders kommen. Drei Mal wird unser Helikopter-Flug von MacMurdo in die Dry Valleys wegen schlechten Wetters verschoben, drei Nächte lang bleibt unser Gepäck irgendwo im Schnee liegen. Dann, gestern um 11.20 Uhr, stehen die Zeichen endlich auf Start. Zusammen mit den Geologen Adam Lewis, Douglas Kowalewski und Allan Ashworth sowie 1600 Kilogramm Ausrüstung fliegen wir los.

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GEO-Reporter Lars Abromeit im Helikopter auf dem Weg in die Dry Valleys

Camp im Nirgendwo

Unser Ziel: Ein Bergkamm im Zentrum der Trockentäler, gelegen auf 1600 Metern Höhe. Hier, im "Olympus Range", wollen die Forscher der Frage nachgehen, wann genau der antarktische Kontinent in Kälte erstarrte. An den Steintürmen, die wie die Zinnen einer Burg aus dem Boden herausragen, haben sie im verganenen Sommer Vulkanasche gefunden, deren Alter sie auf 13 Millionen Jahre datieren. In dieser Zeit, so glauben sie, muss sich die Region rund um dem McMurdo-Sound von einem Tundra-Gebiet mit Seen und Moosfeldern in eine Permafrost-Wüste verwandelt haben, die seitdem nie wieder aufgetaut ist. In den Dry Valleys hoffen sie nun, Fossilien als Beleg für diese These zu finden. Und wir hoffen, dass es derweil nicht noch kälter wird.

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In den Dry Valleys am "Olympus Range" wollen die Forscher der Frage nachgehen, wann genau der antarktische Kontinent in Kälte erstarrte

Der Helikopter setzt uns im Nirgendwo aus. Überall: Stein. Keine einzige Pflanze, kein Tier, kein Wasser, keine Wolke. Noch bevor wir alle Zelte aufgebaut haben, fängt Lewis schon an, das Gelände nach Gletscherablagerungen abzusuchen. Ich hingegen suche zunächst einmal nach einem trockenen T-Shirt. Denn leider hat keine unserer Weinflaschen die Wartezeit in McMurdo und den Helikopterflug heil überstanden. Drei sind gefroren, eine geplatzt. Nun stinkt mein ganzes Zelt nach „Chateau Trincaud“, Bordeaux 2002, was unserer Abgeschiedenheit eine pikante Würze verleiht. Richtig durchtränkt allerdings ist zum Glück nur mein im Rucksack verstautes Handtuch, das wir in unserem Camp ohnehin nicht gebrauchen können. Wir werden uns hier nicht waschen, schon allein deshalb nicht, weil der Antarktis-Vertrag vorschreibt, dass kein Tropfen Schmutzwasser den ökologisch empfindlichen Boden der Dry Valleys berühren darf. Jeglicher Abfall muss zurück nach McMurdo gebracht werden. Und so wischen wir unsere Teller mit Papierhandtüchern aus, pinkeln in Flaschen und kochen niemals mehr, als wir essen können.

Glühwein statt Rotwein

Weil es im Zelt nicht warm genug wird, dass der gefrorene Rotwein auftauen könnten, verwandeln wir ihn auf dem Kocher in Glühwein. Das zumindest kommt gut bei den Forscher an, denn ihre Essensreserven sind genau abgezählt. Sechs Wochen lang werden sie im Camp leben wie Astronauten auf einer Raumstation, umgeben von 20 Grad unter Null und Winden, an die man sich anlehnen kann. Trotzdem: "Die Wochen im Zelt gehören zu den schönsten des Jahres", sagt Adam Lewis. "Endlich kann man mal in Ruhe arbeiten." Letzteres jedenfalls lässt sich nicht leugnen. Und am ersten Tag, an dem sie wieder zurück nach McMurdo kommen werden, müssen sich die Forscher in der Kantine noch nicht einmal in die Schlange stellen. "Die Leute weichen zurück", so Lewis, "man stinkt einfach zu sehr."

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Weil keinerlei Müll in dem geschützen Gebiet zurück bleiben darf, wird nie mehr gekocht, als das Team verzehren kann

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