Lake Bonney Camp - 18. November

Lars Abromeit begleitet ein Forscherteam zum Taylor-Gletscher. Unter seinem Eispanzer vermuten die Wissenschaftler ein Reservoir aus eisen- und schwefelhaltigem Wasser, das seit fünf Millionen Jahren vom Licht abgeschottet ist und dennoch Mikroorganismen beherbergt

Seit Tagen schon jagen wir ein Phantom: einen Pinguin. Vorgestern haben ein paar Forscher ihn am Westufer des Lake Bonney, 10 Kilometer von unserem Camp entfernt, über das Eis watscheln sehen. Er ging in östliche Richtung, müsste also eigentlich bei uns vorbeikommen. Seitdem aber ist er nicht wieder aufgetaucht.

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GEO-Reporter Lars Abromeit trotzt der Kälte: Zwölf Stunden dauert der kräftezehrende Weg zum Lake Hoare

Eigentlich sind Pinguine ja nichts Ungewöhnliches in der Antarktis, im Gegenteil. Aber in den Dry Valleys, zwischen endlosem Staub und Geröll, Dutzende Kilometer vom Meer entfernt, gilt alles, was größer ist als ein Einzeller und trotzdem lebt, als biologische Sensation. Selbst in den drei eisbedeckten Seen des Taylor Valleys, den Oasen in dieser brau-graunen Staubwüste, harren fast ausschließlich Viren, Bakterien und ein paar Algen aus. Das größte Lebewesen dieser Welt ist ein Wurm, der etwa 0,1 Millimeter groß wird. "Trotzdem ist das Ökosystem der Dry Valleys unglaublich komplex. Man muss sich nur auf eine andere Größenordnung einstellen", erzählt uns John Priscu, der seit 21 Jahren die Mikroben des Lake Bonneys erforscht. Wir treffen ihn und den Bergführer Brian Johnson im Camp am südlichen Ufer des Sees. Hier haben die Wissenschaftler ein zehn Meter langes, tunnelförmigen Zelt aufgebaut, das Priscu als sein "zweites Zuhause" bezeichnet.

Wir bleiben einige Tage lang, begleiten den Ökologen bei dem Versuch, die Tricks und Strategien zu verstehen, mit denen Mikroben in dieser unwirtlichen Welt ausharren können, und ziehen dann mit Brian zusammen weiter.

Brian stammt aus Alaska; er hat 15 Jahre lang Bergsteiger auf den rund 6200 Meter hohen Denali (Mt. McKinley) geführt, bis die meisten seiner Freunde und Kollegen bei Unfällen im Gebirge ums Leben gekommen waren. Jetzt hilft er in der Antarktis beim Einrichten von Forschercamps aus und hat sich ein paar Tage frei gekommen, um uns zu einem Glaziologenteam am Taylor Glacier zu bringen.

Der Taylor Glacier, ein weißer Koloss am Ende des Tals, gehört zu jenen wenigen Gletschern, die es über die Transantarktische Bergkette bis zum Boden der Dry Valleys schaffen. Unter seinem Eispanzer vermuten die Forscher ein Reservoir aus eisen- und schwefelhaltigem Wasser, das seit fünf Millionen Jahren vom Licht abgeschottet ist und dennoch Mikroorganismen beherbergt. Priscu glaubt, dass sich "unter ganz ähnlichen Umständen das erste Leben auf der Erde entwickelt haben könnte". Wo genau das Reservoir unter dem Gletscher verborgen liegt und wie es mit dem See verbunden ist, dies erforscht eine Gruppe von Wissenschaftlern um die amerikanische Glaziologin Erin Pettit. Es ist eine junge Truppe von Kletterern, die das Verhalten des Gletschers unter anderem mit Instrumenten zu messen versucht, die sie, in luftiger Höhe an Fixseilen baumelnd, direkt in die 30 Meter hohe, fragile Gletscherfront bohren.

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Der Taylor Glacier gehört zu jenen wenigen Gletschern, die es über die Transantarktische Bergkette bis zum Boden der Dry Valleys schaffen

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Die Forscher versuchen das Verhalten des Gletschers mit Instrumenten zu messen, die sie, in luftiger Höhe an Fixseilen baumelnd, direkt in die 30 Meter hohe Gletscherfront bohren

Eigentlich würden wir gern ein wenig länger bei ihnen bleiben, doch weil nur Wissenschaftler am Rande des Taylor Glaciers übernachten dürfen, machen wir uns noch am Abend auf den Weg zurück zum Lake Bonney - und marschieren von dort aus am nächsten Tag weiter bis nach Lake Hoare. Am Ende des Sees stoßen wir auf sonderbare, schlangenähnliche Spuren im Sand, im Ein-Meter-Rhythmus gesäumt von flügelartigen Abdrücken. Der Pinguin war hier. Er lebt. Wie kann dieser Vogel, der doch für das Leben im Meer geboren wurde, nur so lange marschieren? In der Hoffnung, dass es ihm nicht genauso ergeht wie den Robben, deren mumifizierte Skelette wir immer wieder im Wüstensand finden, laufen wir weiter und erreichen nach einer fast 12-stündigen, kräftezehrenden Tour um halb vier Uhr morgens Lake Hoare. Wir sind überwältigt von der grandiosen Landschaft - und ziemlich fertig. George leidet unter ersten Anzeichen von Schneeblindheit, weil er andauernd seine Sonnenbrille absetzt, um das Licht besser einschätzen zu können. Und ich hinke, weil sich meine linke Achillessehne vom Klettern auf dem Gletscher entzündet hat.

Beim Frühstück, nach ein paar Stunden Schlaf, empfangen uns die Forscher von Lake Hoare aufgeregt: "Habt Ihr den Pinguin gesehen? Er ist gestern hier vorbeigekommen." Offenbar hat er den Weg von Lake Bonney besser überstanden als wir: Er war auf dem Weg Richtung Meer.

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