Dienstag, 6. Juni 2006

Nach dem verheerenden Erdbeben auf der indonesischen Insel Java steht nun auch noch der aktive Vulkan Merapi unmittelbar vor einem gewaltigen Ausbruch
In diesem Artikel
Lavadom um 112 Meter gewachsen
Drei Minuten hat man Zeit, um sich zu retten

Ich bin seit drei Tagen in Yogyakarta in Indonesien, um einige dringend notwendige Reparaturen an unseren Geräten durchzuführen, die hier am Vulkan Merapi stehen. Der Vulkan steht wahrscheinlich kurz vor einem größeren Ausbruch, der unter Umständen sehr vielen Menschen hier das Leben kosten könnte. Unsere Arbeitsgruppe, und vor allem mein Kollege Malte Vöge hat deshalb seit ein paar Jahren auf der Vulkanflanke zwei Radar-Geräte installiert, die den oberen, instabilen Bereich des Vulkans (genannt "Lavadom") permanent überwachen. Der Vulkanobservator kann deshalb zu jeder Zeit und auch bei Nebel sehen, ob die Aktivität am Dom zunimmt. Leider hat vor ein paar Monaten der Blitz eingeschlagen, so dass die Geräte nicht mehr funktionieren. Und da sich die Lage hier ziemlich zuspitzt, ist es wichtig, dass die Radar-Geräte wieder funktionieren.

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Nach dem verheerenden Erdbeben in Indonesien scheint nun auch der Vulkan Merapi kurz vor einem gewaltigen Ausbruch zu stehen

Yogyakarta in Schutt und Asche

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Angeschlagenes Haus neben dem Vulkanobservatorium in Yogyakarta

Zu allem Übel hat dann letzte Woche - einen Tag nachdem wir die Flüge gebucht hatten, das Erdbeben in Yogyakarta gewütet und große Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt. Die letzte Woche in Hamburg war für uns (d.h. meinen Kollegen Matthias Hort und mich) deshalb etwas stressig, da zuerst noch nicht einmal klar war, ob unser Hotel und das Vulkanobservatorium überlebt haben. Der Flughafenterminal ist komplett zusammengebrochen, und auf dem Weg in die Innenstadt liegen links und rechts vom Weg zerstörte Häuser. Unser Hotel ist noch recht heil geblieben, nur ein paar Risse hier und da, und umgefallene Mauern. Zum Glück besteht es aus einzelnen kleinen Hütten, so dass keine große Einsturzgefahr besteht.

Das Vulkanobservatorium ist auch etwas angeschlagen, aber zum großen Teil noch heil. Leider ist eine Person vom Observatorium bei dem Beben umgekommen. Manche Stadtteile sind zu 95 Prozent zerstört, was bedeutet, dass fast kein einziges Haus mehr steht!! Die Leute scheinen die Sache äußerlich mit Fassung zu tragen, denn ihre Kultur sagt, dass man mit einem Lächeln ertragen soll, was das Leben einem aufträgt. Ist trotzdem sehr schwer, das mit anzusehen. Unser Hotel ist voll von Hilfsorganisationen und von Leuten, die sich nicht mehr trauen, in ihren angeschlagenen Häusern zu wohnen. Unter anderem ist hier auch die deutsche Taskforce "Erdbeben" des GFZ Potsdam stationiert, von denen ich ein paar Leute ganz gut kenne. Gestern Nachmittag war ein ziemlich starkes Nachbeben, was die Leute daran erinnert, dass ihr Haus auch jetzt noch kollabieren kann.

Die Asche gefährdet die Ernte

Wegen des Erdbebens ist der drohende Ausbruch des Merapi, der nur 24 Kilometer von Yogyakarta entfernt liegt, etwas in den Nachrichtenhintergrund getreten. Im Moment wäre es für die mehreren hunderttausend Obdachlosen hier verheerend, wenn auch nur ein paar Zentimeter Asche auf die Stadt niedergehen würden. Und natürlich gefährdet die Asche auch die Ernte. Der lokale Katastrophenschutz ist durch das Erdbeben leider völlig überlastet und obwohl offiziell eine Zehn-Kilometer-Zone um den Vulkan komplett evakuiert wurde, leben nach inoffiziellen Angaben noch immer zwei Drittel der ursprünglich 80.000 Bewohner in der höchst gefährdeten Sperrzone, als sei der Vulkan gar nicht da. Gerade wegen der hohen Bevölkerungsdichte gilt der Merapi als einer der gefährlichsten Vulkane der Welt.

Lavadom um 112 Meter gewachsen

Im letzten Monat ist der Lavadom auf dem Merapi um 112 Meter gewachsen. An manchen Tagen ist der Berg mehr als sieben Meter höher geworden. Durch diesen Pfropfen aus vier Millionen Kubikmetern glühend heißer, zähflüssiger Lava ist der Vulkan inzwischen so hoch, wie es nie zuvor beobachtet wurde. Leider ist der Lavadom extrem instabil und wird in naher Zukunft auseinanderbrechen. Dabei explodieren die mit Gasen gefüllten Lavabrocken und formen riesige, mehrere hundert Grad heiße Feuerwolken, die wiederum mit mehreren hundert Stundenkilometern den Berg herunterrasen werden. Lastwagengroße Gesteinsbrocken in diesen Wolken walzen alles nieder, was im Weg steht. Die offene Frage ist nur, ob das alles auf einmal passiert oder Schritt für Schritt. Im Moment allerdings sieht es so aus, als könnte es sehr bald und auf einen Schlag passieren. Seit dem Erdbeben hat sich das Wachstum des Doms verdreifacht, und es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Wachstum von dem Erdbeben ausgelöst wurde.

Im Observatorium in Yogyakarta, wo die wissenschaftliche Zentrale ist, laufen die Daten von den Seismometer-Stationen, die auf dem Berg installiert sind, zusammen. Täglich entstehen im Moment zirka 300 bis 400 kleinere Feuerwolken, die nur wenige Kilometer weit kommen,

aber fast immer in Richtung Süden abgehen - in die Richtung von Yogyakarta. Jede Feuerwolke erzeugt einen charakteristischen Ausschlag der Seismometer, was durch einen akustischen Warnton im Observatorium angezeigt wird. Gestern Nachmittag gab es plötzlich einen Alarm, und man konnte auf dem Seismometer einen gigantischen Ausschlag sehen. Dies führte dazu, dass natürlich fast alle Wissenschaftler vor Ort sofort aufgeregt in die Datenzentrale gerannt sind. Man kann sich vorstellen, was das für ein Gefühl ist, zu wissen, dass dies möglicherweise der große Ausbruch sein könnte.

Ein gewaltiges Donnern ist zu hören

Die Seismometeranzeige spielte für zehn Minuten verrückt und schlug bis zum Anschlag aus. Es war totenstill im Raum, abgesehen vom Warnton. Dann hat der Observator vom Vulkanbeobachtungsposten Babadan (direkt auf der Vulkanflanke, wo unser Radar steht) über Funk gebrüllt, dass er wegen der Wolken nichts sehen könne, dafür aber ein gewaltiges Donnern zu hören sei - und auf einmal haben drei Handys im Raum gleichzeitig angefangen zu klingeln. Spätestens da hatte ich eine Gänsehaut. Hinterher kam zum Glück heraus, dass es nicht der große Ausbruch war, aber immerhin eine ziemlich große Feuerwolke.

Mein Kollege Matthias Hort und ich waren die letzten Tage dabei, die defekte Radarstation zu checken und zu überlegen, wie wir sie reparieren können. Leider hat der Blitz die meisten Teile zerstört, zum Glück jedoch nicht das Radar selbst. Wir bauen nun aus Ersatzteilen einen neuen Anzeigerechner, damit der Observator in Babadan gewarnt ist, wenn eine Wolke auf ihn zukommt.

Drei Minuten hat man Zeit, um sich zu retten

Die Arbeit kann man sich so vorstellen, dass man die meiste Zeit des Tages im Beobachtungshaus in Babadan verbringt, am Radar herumschraubt und ständig durch eine dünne Lage Vulkanasche schlurft, die da oben alles bedeckt. Babadan liegt ungefähr auf halber Höhe an einer Flanke des 3000 Meter hohen Vulkans und etwa drei Kilometer vom Dom entfernt. Das mag sich bedrohlich anhören, ist aber nicht so schlimm, denn Babadan liegt im Nordwesten des Vulkans und der Dom wächst derzeit nach Süden raus - wo ja auch die Feuerwolken abgehen. Wir sind jederzeit über Funk in Kontakt mit dem Vulkanobservatorium in Yogyakarta, so dass wir gewarnt werden können, falls sich an der Aktivität etwas ändert. Außerdem hat das Beobachtungshaus einen unterirdischen Betonbunker, in den man sich retten kann, wenn es losgeht. Mindestens drei Minuten Zeit hätte der Beobachter, um sich zu retten. Der Bunker ist schon seit zwei Wochen mit Wasser, Sauerstoffflaschen und indonesischen Brettspielen ausgestattet. Allerdings musste ich gestern erst mal ein paar verrostete Bolzen entfernen, damit die Tür überhaupt von innen zugeht. Andererseits steht der Bunker schon seit 1931 und musste noch nie benutzt werden.

Leider schafft es auch die indonesische Regierung nicht, den verbotenen Bereich wirklich wirksam abzusperren, so dass ständig irgendwelche Touristen, Fernsehteams oder Einheimische am Beobachtungsposten auftauchen und herumstehen ("Oh, do you mean it is

really dangerous here?"). Das Unheimliche an Babadan ist, dass man den Dom aufgrund der Wolken nur alle paar Stunden mal kurz sieht, und dann jedes Mal aufs neue erstaunt ist, wie nah und wie hoch er eigentlich ist. Und dieses entfernte Grollen und Donnern, das alle zehn Minuten aus dem Nebel dröhnt, wenn wieder eine Feuerwolke nach Süden abgeht. Ich hab jedenfalls meinen Rucksack mit der Wasserflasche, Taschenlampe und Gasmaske jederzeit griffbereit.

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