Mittwoch, 7. Juni 2006

Die Beobachtungen am Vulkan gehen weiter. Immer wieder werden Gesteinslawinen ausgelöst, die mit einem gewaltigen Donnern die Flanken der Hänge herunterkommen
In diesem Artikel
Das Donnern kommt immer näher

Heute war es soweit, zumindest für unseren Teil der Handlung. Das Radar läuft wieder stabil, und wird live auf dem Bildschirm des Observators angezeigt! Nach vier Tagen komplett durcharbeiten. Somit ist der wichtigste Teil unserer Arbeit erledigt, was sehr schön ist. Der Observator kann nun zu jeder Zeit sehen, wenn eine Feuerwolke im Nebel auf ihn zukommt, und außerdem die Aktivität am Dom permanent überwachen. Dies hilft natürlich der Krisenzentrale im Observatorium in Yogyakarta, die Gesamtlage zu beurteilen. Zu alledem haben wir heute 1A wissenschaftliche Daten gesammelt, was auch sehr wichtig ist.

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Das Radar läuft wieder: Der Observator kann nun die Aktivität am Dom zu jeder Zeit überwachen

Nebel macht die Ausrichtung des Radars unmöglich

Dass der Tag mit so einem Erfolg enden würde, war heute morgen noch nicht ganz abzusehen. Denn bis dahin funktionierte noch gar nichts, und wir standen vor der Aussicht, dass wir ein paar sehr komplizierte Getriebeteile der Radar-Ausrichtungs-Steuerung komplett zerlegen müssten. Abgesehen davon war der Berg wieder mal komplett im Nebel, was die Ausrichtung des Radars unmöglich machte. Nach einer Weile konnten wir jedoch das Getriebe wieder zum Laufen bringen.

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Seismometeraufzeichnung von Feuerwolken

Der Rest vom Tag lief ganz gut soweit, bis auf dass ich fast eine Massenpanik ausgelöst hätte. Eigentlich kann ich hinterher über die Situation nur lachen, aber in dem Moment war es eine ganz schön schwere Entscheidung. So gegen Spätnachmittag hatten wir es gerade geschafft, das Radar zum Laufen zu bringen und konnten es auch während einer Wolkenlücke auszurichten, als wieder einmal eine Gruppe indonesischer Touristen eintraf.

Der Berg war schon wieder zugezogen, Matthias programmierte drinnen an der Software herum, und alle Touristen standen auf der Aussichtsterrasse des Beobachtungspostens, als ich plötzlich einen größeren Ausschlag auf dem Radarsignal sah. Nur fünf Sekunden später fing ein dumpfes Grollen an, das sich innerhalb von weiteren fünf Sekunden zu einem fiesen Donnern ausweitete. Dies bedeutete, dass eine weitere der häufigen kleineren Gesteinslawinen auf unserer Seite des Berges die Flanke herunterkam.

Das Donnern kommt immer näher

Die Lawinen auf dieser Seite des Berges sind zwar nur sehr klein, und verwandeln sich bei der derzeitigen Aktivität nicht in die gefährlicheren Feuerwolken, aber das hier war immerhin die größte heute. Die Indonesier waren ziemlich aufgeregt, denn man konnte deutlich hören, wie das Donnern im Nebel immer näher kam. Ein Indonesier fragte mich dann, ob das denn eigentlich gefährlich sei. Als ich das mit dem Kommentar bejahte, und dass man aus genau diesem Grund eben nicht hierher darf, schrie er irgendwas auf indonesisch zu den anderen. Das hätte ich besser nicht tun sollen, denn als die Indonesier hörten, was er schrie (ich hab kein Wort verstanden), erstarrte die eine Hälfte von ihnen und schaute mich fragend an, und die andere Hälfte kam tatsächlich zu mir her gerannt, um dann zum Teil neben mir stehend und zum Teil hinter mir kauernd, die Richtung im Nebel anzustarren, von der der Donner kam. Als ob ich die Fähigkeit hätte, pyroklastische Wolken mit der bloßen Hand aufzuhalten… Ich glaube, von außen gesehen hätte man sich kein bizarreres Bild ausmalen können.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir vorgenommen, vorsichtshalber alle in den Bunker zu schicken, wenn das Donnern noch weitere zehn Sekunden anhalten sollte. Zum Glück ebbte es in den nächsten Sekunden ab, denn ehrlich gesagt glaube ich, dass man mir schon ein wenig die Nervosität angesehen hatte, die durch das Wissen kam, nicht nur Verantwortung für mich zu tragen, sondern auch für 20 weitere Menschen. Zu unserem weiteren Glück hatten wir das Radar ja nur zehn Minuten vorher angeschalten, und somit waren unsere ersten Daten auch gleich mal erste Sahne.

3700 Menschen werden evakuiert

Zwischendurch hatten wir auch erfahren, dass die Feuerwolke, die wir gestern im Observatorium in Yogyakarta miterlebt hatten, eine ziemlich große war. Sie schaffte es mehr als vier Kilometer weit und verfehlte nur ganz knapp bewohntes Gebiet im Süden. In diesem Gebiet lebten bis heute morgen noch 3700 Menschen, die sich bisher strikt geweigert hatten, sich evakuieren zu lassen. Laut Angaben des Observatoriums haben heute morgen alle Bewohner innerhalb von 20 Minuten freiwillig das Gebiet verlassen! Scheint wohl doch einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wenn eine 500 Grad heiße Glutwolke im Vorgarten Halt macht. Ich kann nur hoffen, dass es jetzt auch die anderen Leute kapieren, dass es langsam ernst wird.

Im Moment sind Matthias und ich auf der Fahrt zurück vom Beobachtungsposten Babadan nach Yogyakarta, und sind froh, dass alle unsere Geräte laufen. Wenn man einmal von der Gefährlichkeit des Berges absieht, dann hat er von dieser Seite gesehen sicherlich etwas sehr mystisches. Kurz bevor wir losgefahren sind, standen wir im Dunkeln am Beobachtungsposten, während schwarzrot glühende Wolken manchmal fast lautlos an dem schwarzen Berghang herunterglitten. Direkt über der glühenden Bergspitze sah man den Halbmond mit einem riesigen Halo-Ring, und im Hintergrund konnte man den Muezzin des nahegelegenen Dorfes Suren aus dem Koran singen hören. Man verzeihe mir diese etwas kitschig klingende Beschreibung, aber es war tatsächlich so.

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