Montag, 12. Juni 2006

Die Lage am Merapi hat sich etwas entspannt. Doch immer noch besteht die Gefahr, dass der Lavadom anwächst und es somit nach wie vor zum verheerenden Ausbruch kommen könnte
In diesem Artikel
Toten werden schnell geborgen

Heute hat sich herausgestellt, dass die Bevölkerung am Merapi eventuell Grund hat, aufzuatmen - leider jedoch nur vielleicht. Bei einem Flug über den Dom, sowie durch

Fotos hat sich herausgestellt, dass bei dem großen Ereignis am Freitag tatsächlich etwa

1,5 Millionen Kubikmeter Lava vom Dom abgebrochen sind. Und da sich dieser Abbruch über

den gesamten Nachmittag verteilt hatte, ist soweit nichts schlimmeres passiert. Die

übrigen 2,5 bis 4,5 Millionen Kubikmeter sind durch diese Sache etwas stabilisiert worden,

so dass eine gute Chance besteht, dass es nicht auf einmal herunterkommt. Was aber

passieren könnte, ist, dass der Dom wieder auf die ursprüngliche Größe anwächst, und das Spiel in ein paar Wochen wieder von vorne losgeht.

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Die Zerstörung ist gewaltig: Viele Häuser liegen in Schutt und Asche

Eindrücke, die man nie vergisst

Da im Moment bei der Erdbeben-Taskforce (die auch aus Deutschland angereist ist), etwas

Hektik und Zeitmangel herrscht, bin ich da heute zum Helfen eingesprungen. Ich war mir

vorher eigentlich im Klaren, dass das, was ich dabei sehen würde, ziemlich krass

sein wird. Aber nach dem heutigen Tag bin ich mir sogar sicher, dass ich diese Eindrücke

niemals vergessen werde.

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Wenigstens der Dorfbrunnen funktioniert noch

Die Erdbeben-Taskforce ist eine Gruppe von Seismologen, die vom Geoforschungszentrum

Potsdam geleitet wird. Der Sinn davon ist, nach einem schweren Erdbeben sofort in das

betroffene Gebiet zu reisen, und Seismometerstationen aufzubauen, mit denen dann Nachbeben registriert werden. Durch diese - nur wenige Tage nach dem Hauptbeben - zu registrierenden Nachbeben kann man wertvolle Informationen über das Hauptbeben gewinnen, zum Beispiel den genauen Ort, die Lage der Bruchfläche und vor allem Aussagen über die zukünftige Gefährdung. Der Haken an der Sache ist, dass die Seismometer so nahe wie möglich am Epizentrum aufgestellt werden müssen - und das ist dort, wo meistens die größte Zerstörung stattgefunden hat.

Es steht kein einziges Haus mehr

Leider war es in unserem Fall auch so. Bis heute war mich nicht genau klar, wie ein Dorf

aussieht, in dem kein einziges Haus mehr steht! Bei manchen der übriggebliebenen

Steinhaufen kann man nicht einmal mehr erkennen, ob es tatsächlich vorher ein Haus war.

Und so schlimm das schon ist - Kinderpuppen und Ledersofas in den Trümmern geben einem den Rest. Oder Blumenkränze.

Das Erstaunlichste sind aber immer noch die Menschen, die dort bis vor zwei Wochen gewohnt haben. Im totalen Kontrast zu der hier herrschenden Zerstörung habe ich noch nie so zuversichtlich wirkende Menschen erlebt. Und ich meine nicht nur das hier typische

Lächeln der Leute in allen Situationen, sondern wirklich herzhaft lachende Menschen, die

einen von der Straße aus in die Ruinen ihrer Häuser einladen. Ich hatte mich am Anfang

nicht getraut, Fotos von den Ruinen oder ihrer Bewohner zu machen, aber ich bin jedes Mal

spontan und freundlich eingeladen worden, hereinzukommen und Fotos zu machen. Viele sagten mir, die Welt solle ruhig sehen, was hier passiert sei.

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Ihnen ist nichts mehr geblieben: Diese Familie lebt auf einem Sofa an der Straße

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Überall sind zerstörte Häuser - hier eine kollabierte Hotelrezeption

Fast überall fangen die Leute an, ihre Häuser wieder von Grund auf neu aufzubauen, wofür

sie erst fein säuberlich den Schutt nach noch brauchbaren Steinen durchsuchen, die dann

reinigen und schließlich aufstapeln. Leider haben die wenigsten von ihnen durch das Beben

gelernt, dass man Häuser nicht auf diese Art bauen sollte. In manchen Fällen lassen sie

tatsächlich die zersprungenen Gerippe von kaputten Betonpfosten stehen und mauern einfach nur wieder die dünnen Ziegelmauern dazwischen auf. Solche Konstruktionen werden das nächste Erdbeben wohl leider nicht überleben. Ich habe versucht, einigen zu erklären, dass sie doch auch diagonale Streben einbauen sollten, aber ich denke nicht, dass es wirklich

etwas gebracht hat.

Viele Dörfer sind dem Erdboden gleich

Bizarr mutet auch die scheinbar zufällige Konzentration der Zerstörung an. An manchen

Orten direkt über der vermuteten Bruchzone hält sich der Schaden in Grenzen, während

andere Dörfer in mehreren Kilometern Abstand dem Erdboden gleichgemacht wurden. Vor allem die Flusstäler sind vollkommen verwüstet. Und nicht einmal innerhalb eines Dorfes sind die Schäden vergleichbar. Oft steht ein komplett unversehrtes Haus neben einem, das nicht

einmal mehr ansatzweise als einstiges Haus zu erkennen ist.

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Karge Zimmereinrichtung im Katastrophengebiet

Die meisten der Betroffenen leben noch in löchrigen Zelten vor ihrem Schutthaufen, denn

sie haben Angst, in den Ruinen zu schlafen. Manche haben sogar einfach ein Sofa auf die

Straße gestellt und schauen auf einem Fernseher mit Generator die Fußball-WM. Und wie sie

sich alle freuten, als sie hörten, dass wir aus Deutschland sind.

Toten werden schnell geborgen

Die wirklich schwer verletzten sind, soweit ich das beurteilen kann, wohl halbwegs

versorgt, und die Toten wurden auch sehr schnell geborgen, unter anderem weil es im

islamischen Glauben sehr wichtig ist, die Toten so schnell wie möglich zu beerdigen.

Leider fehlt es immer noch an wichtigen Medikamenten und vor allem an Materialien für

Notunterkünfte, damit die Obdachlosen und Verletzten es nicht in der sengenden Sonne

aushalten müssen oder vom tropischen Regen bis auf die Haut durchnässt werden. In manchen Dörfern abseits der Hauptverkehrswege ist anscheinend noch so gut wie gar keine Hilfe angekommen! Jedes der fast täglich vorkommenden kleineren Nachbeben versetzt die Menschen wieder in Panik.

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An vielen Straßen ist der Asphalt aufgerissen

Unsere Arbeit bestand heute darin, an mehreren Stationen die Daten auszulesen, und auch

manche der Stationen nach getaner Arbeit wieder abzubauen. Die Sache hat natürlich schon

allein deshalb ewig gedauert, da die Leute hier extrem freundlich und neugierig sind, so

dass man bei jeder Station mindestens eine Stunde an Plauderei und Gruppenfotos einplanen

muss. Je ärmer die Leute sind, desto wichtiger nehmen sie die Aufgabe, auf das in ihrem

Garten aufgestellte Seismometer aufzupassen.

"Dann fangen die Rufe der Verletzten an"

Eine Sache, die mich sehr geschockt hat, sind die Beschreibungen des eigentlichen

Geschehens. Auch, wenn mir das vorher von der Logik her klar war, so war mir noch nie

bewusst, was das überhaupt bedeutet. Ich will deshalb versuchen, so eine Beschreibung

eines Opfers kurz zusammenzufassen: "Allein die Geschwindigkeit der Zerstörung ist einfach

unvorstellbar. Man stelle sich einen ganz normalen Augenblick an einem ganz normalen Tag

vor. Plötzlich rumpelt es, man verliert das Gleichgewicht, alles fällt um, auch Dinge, die

eigentlich nicht umfallen können. Man hat nicht einmal Zeit, dem Nachbarn noch etwas

zuzurufen, denn zwei Sekunden später ist sein Haus kollabiert. Jeder ist in dem Moment

allein, jeden trifft es, wo er sich gerade befindet. Keinerlei Kommunikation. Nach nicht

einmal zehn Sekunden ist alles vorbei. Die Zerstörung ist geschehen. Alles ist still und

bleibt es auch. Keine dramatische Hintergrundmusik. Die Sonne scheint immer noch. Und erst

jetzt begreift man langsam, das überhaupt etwas geschehen ist. Dann fangen die Rufe der

Verletzten an. "

Und ich, der sich mit den Leuten auf der Straße unterhält, die vor einem Haufen Schutt, der

einmal ihr komplettes Hab und Gut dargestellte, sitze nun wieder "gemütlich" auf dem

Sofa vor meinem Hotel nach einer Dusche, und realisiere, dass es einfach nur reines Glück

war, dass nicht mir oder einem meiner Freunde so etwas passiert ist. Zufälligerweise sind

wir in Deutschland geboren. Und die Leute hier sitzen immer noch auf ihrem kaputten Sofa

auf der Straße, in der Gewissheit, alles verloren zu haben, wahrscheinlich sogar mehrere

Angehörige und fragen sich, warum ausgerechnet sie es erwischt hat. Das Wissen, meine zwei Fläschchen Wasserentkeimer und etwas Geld verschenkt zu haben, kommt mir fast wie ein verzweifelter Versuch meines Gewissens vor, meinen Wohlstand zu rechtfertigen. Eine

Antwort darauf, warum das Leben so unfair ist, habe ich leider noch nicht finden können.

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