Dienstag, 13. Juni 2006

Leichte Entwarnung: Die Regierung hat in Zusammenarbeit mit dem Observatorium in Yogyakarta die Gefährlichkeitsstufe des Vulkans um eine Stufe von 4 (maximal) auf 3 heruntergesetzt

Heute war ich wieder mit der Task Force unterwegs, um beim Einsammeln der Daten zu helfen.

Auch, wenn ich den Anblick jetzt schon eher gewohnt bin, war es wieder grausig, weitere zerstörte Dörfer zu sehen. Die zerstörte Fläche ist so riesig, dass ich mir selbst nach zwei Tagen Fahrerei noch kein wirkliches Bild über ihre Ausdehnung machen konnte. Laut der Jakarta Post sind mindestens 400.000 Häuser komplett zerstört worden, und weitere 200.000 schwer beschädigt. Das ist jedenfalls jenseits meiner Vorstellungskraft. Der Schaden beziffert sich nach vorläufigen Angaben auf umgerechnet 10 Milliarden Euro, wobei man bedenken muss, dass hier das Durchschnittseinkommen nur ein kleiner Prozentsatz des Unseren ist.

Ablenkung ist nötig

Ein Dorf, in dem wir heute waren, hat erst vor ein paar Tagen überhaupt Hilfe von außen bekommen. Trotzdem waren die Einwohner samt Bürgermeister sehr gut organisiert, was man dadurch erkennen konnte, dass es in dem Dorf eine Outdoor-Krisenzentrale gab, in der ein dicker, freundlicher Bürgermeister an einem kleinen Tisch saß - selbstverständlich mit funktionierendem Stempel und Stempelkissen - und Sachen tat, die wichtig aussahen. Vor ihm, unter derselben Plane, saßen Leute in Militäranzügen an einem Tisch. Offensichtlich gerade eingetroffene Hilfskräfte. Wenn nicht alles drum herum halb zusammengebrochen gewesen wäre, hätte es beinahe einen gemütlichen Eindruck gemacht. Gartenstühle unter einem großen Sonnenbaldachin, dazwischen Blumentöpfe mit Bananenstauden, Tee und Snacks servierende Frauen, und spielende Kinder. Natürlich mussten wir auch an dieser Station einen Tee mit dem Bürgermeister höchstpersönlich trinken. Das Mittagessen haben wir jedoch dann dankend abgelehnt.

Nach diesem Tag hatte ich mal wieder so was von genug Zerstörung gesehen, dass ich danach nicht anders konnte, als in die inzwischen wieder geöffnete "Malioboro Mall" in amerikanischem Stil im Zentrum von Yogyakarta zu gehen, und dort bei Pizza Hut (was hier als Nobelrestaurant gilt!) eine Pizza zu essen. Einfach mal wieder intakte Häuser sehen, und keine bettelarmen Menschen. Ein ziemlich offensichtlicher Verdrängungsmechanismus. Und es ist irgendwie traurig, dass er funktioniert. Außerdem war mir nach der fettigen amerikanischen Pizza schlecht.

Der Krisenstab tagt im Outdoor-Office

Fast fertig

Das Einkaufszentrum ist "fast fertig" - und das schon seit Monaten

Die Mall, von der ich gerade sprach, hatte bei dem Erdbeben ziemlich ordentliche Schäden abbekommen. Im Moment werden die Risse einfach wieder zugeschmiert und die Sache vergessen. In ein Paar Jahren, wenn die Stahl-Armierung der Betonsäulen dann durchgerostet ist, hat das nächste Erdbeben leichtes Spiel. So ist das leider hier. Eines der angehängten Bilder zeigt eines der modernsten Gebäude in Yogya, ein fast fertig gestelltes Einkaufszentrum. Bei dem Erdbeben hat das Gebäude mehrere seiner Seitenwände verloren, jedoch steht schon jetzt das Gerüst zum Zuschmieren der Risse. Das vor dem Erdbeben aufgehängte Transparent "opening soon" wurde gleich hängen gelassen. Denn laut einem der Wächter vor dem Gebäude wird es in zwei Monaten aufmachen.

Der Merapi blieb heute weiter ruhig, und die Regierung hat in Zusammenarbeit mit dem Observatorium in Yogyakarta vorsichtig Entwarnung gegeben. Die Gefährlichkeitsstufe des Vulkans wurde um eine Stufe von 4 (maximal) auf 3 heruntergesetzt. Nur noch die Täler an der Flanke bleiben auf Stufe 4. Manche sagen gar, die Eruption sei vorbei. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass das Ereignis am Freitag den Dom stabilisiert habe. Das hat mich etwas überrascht, denn trotz des Ereignisses ist der größte Teil des Domes noch da. Auch wenn ich es für die Leute hier sehr hoffe - so richtig glauben, dass es vorbei ist, tut es von uns hier trotzdem noch keiner.

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