Semiotik: Kommunikation über die Zeit

Mit welchen Zeichen können künftige Generationen vor radioaktivem Müll gewarnt werden?

Vor gerade einmal 68 Jahren ist die Kernspaltung entdeckt worden. Der radioaktive Abfall aus der Nuklearproduktion aber wird über viele Zehntausende von Jahren eine Bedrohung darstellen - zum Beispiel in der Endlagerstätte bei Carlsbad im US-Staat New Mexico, die unter der Kontrolle des "Waste Isolation Pilot Project" (WIPP) steht.

Ein US-Gesetz regelt inzwischen, dass eine solche Anlage mindestens 10 000 Jahre lang gesichert sein muss - mithilfe entsprechender Hinweisschilder. Das WIPP-Team hat deshalb Historiker, Anthropologen und Sprachwissenschaftler gebeten, ein Zeichen zu entwickeln, das Menschen auch noch in zehn Jahrtausenden eindeutig als Warnung begreifen können - Sprachen ändern sich so rasch, dass es schon schwer fällt, 500 Jahre alte Texte zu verstehen.

Die bisherigen Ergebnisse wirken eher albern als zukunftsträchtig. Zwar wurde ermittelt, dass Bilder (Piktogramme) besonders verständlich sind, wenn sie elementare menschliche Gefühle wie Angst ausdrücken. Doch das von der WIPP-Gruppe ausgewählte Motiv basiert auf Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei" und erweckt den Eindruck, als halte sich eine Person die Ohren zu - was als Warnung vor Explosionsgefahr missdeutet werden könnte. Außerdem: Sollte dereinst eine Gesellschaft auf dem Gebiet der heutigen USA vergessen haben, radioaktive Strahlung zu messen und sich vor ihr zu schützen - wird sie dann nicht essenziellere Probleme haben als die Deutung von Piktogrammen ihrer Vorfahren?

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