Neues aus der Tiefsee

Wir kennen die Oberfläche des Mars besser als die unseres blauen Planeten. Und in der Tiefsee unserer Ozeane wimmelt es von unerforschten und unbekannten Lebewesen. Das zeigt eine beispiellose "Volkszählung der Meere"

Während uns die Marssonden der NASA laufend mit neuen, gestochen scharfen Bildern und chemischen Analysen von der Marsoberfläche versorgen, liegt der größte Teil der Erde buchstäblich im Dunkeln. Fast zwei Drittel der gesamten Erdoberfläche liegen unterhalb von 1000 Metern - also in der ewigen Finsternis der Tiefsee. Und davon sind bis heute insgesamt nur rund fünf Quadratkilometer eingehend untersucht.

Schuld daran sind zum einen die Beschränkungen der Technik. Noch in den neunziger Jahren klagte der Meeresforscher Frederic Grassle: "Mit unseren Methoden hätten wir an Land nicht einmal die Elefanten entdeckt." Vielleicht noch wichtiger: Es fehlte an einer Bündelung der internationalen Forschungsbemühungen.

0d1186df9f8a14c7de676baad1d7742e

Unbekannte Tiefsee: Jetzt entdeckten Forscher die heißeste unterseeische Thermalquelle - 407 Grad Celsius heiß ist das chemikalienbeladene Wasser, das aus dem Erdspalt quillt

Die größte Volkszählung aller Zeiten

fa011591b9ca3761f8b14c3c789423e3

Eine Vielzahl von Krebsen der Gattungen Galatheidae und Chirostylidae - darunter auch neue Arten - fingen Wissenschaftler nördlich von Neuseeland

Im Jahr 2000 startete endlich ein beispielloses internationales Großprojekt, das im Verlauf von zehn Jahren erstmalig eine Übersicht über das Leben in allen Meeren und Meerestiefen ermöglichen sollte: Der Census of Marine Life (CoML). Ziel des Projekts ist, nicht nur den Ist-Zustand zu erfassen. Sondern auch zu dokumentieren, welche Lebewesen in den Meeren der Welt gelebt haben - und zu prognostizieren, welche in ihnen leben werden.

Mittlerweile forschen 2000 Wissenschaftler aus 80 Ländern für CoML. Ihre Ergebnisse fließen in einer gemeinsamen Datenbank zusammen, in der mittlerweile über zehn Millionen Funddaten und mehr als 78000 Arten erfasst sind. Die Anzahl der seit dem Start des Projekts neu entdeckten Arten übersteigt mittlerweile die Anzahl der Arten, die seit hundert Jahren bekannt sind.

Weitere aktuelle Bilder

Immer neue Rekorde in der Tiefsee

  • An einer Thermalquelle in drei Kilometer Tiefe maßen Wissenschaftler die höchste jemals gemessene Wassertemperatur: 407 Grad Celsius - und fanden in seiner Nähe Garnelen und andere Organismen.
  • In einer einzigen Planktonprobe aus fünf Kilometer Tiefe fanden Forscher mehr als 500 Tier- und Pflanzenarten, darunter zwölf bisher unbekannte.
  • In einem einzigen Liter Tiefsee-Wasser konnten Experten 20000 Bakterienarten ausmachen, von denen, wie die DNA-Analyse zeigte, die meisten bis dato unbekannt waren.
  • Die größte der neu entdeckten Arten war im Jahr 2006 eine vier Kilogramm schwere Languste, die vor Madagaskar gefunden wurde.
  • Auf einem unterseeischen Berg fanden Wissenschafter einer Garnele, die man bisher nur aus über 50 Millionen Jahre alten Versteinerungen kannte.
  • Ein Team von Meeresbiologen konnte dank neuester Technik einen Schwarm von Heringen von der Größe Manhattans ausmachen - schätzungsweise acht Millionen Individuen.
  • Selbst unter dem 700 Meter dicken Meereis der Antarktis fanden Wissenschaftler intakte Lebensgemeinschaften.

Das Leben in der Tiefsee wurde erst spät entdeckt

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nahmen Forscher an, dass wegen des Drucks, der Kälte und der Dunkelheit unterhalb von 550 Meter Wassertiefe überhaupt kein Leben möglich sei. Und noch bis vor 30 Jahren hielt man es für ausgeschlossen, dass unterhalb von vier Kilometern Leben existieren kann.

Heute wissen wir, dass der Lebensraum Tiefsee von Tausenden unbekannten Lebensformen, Tier- und Pflanzenarten bevölkert ist. Die Schätzungen gehen weit auseinander: Manchen Wissenschaftlern zufolge leben in den Tiefen der Ozeane einige Millionen. Andere gehen von bis zu 100 Millionen Arten aus.

Welche Kreaturen leben fünf Kilometer tief im Meer? Biologen an Bord des Forschungsschiffes "Polarstern" haben es herausgefunden. Und GEO.de-Reporter waren dabei. Ihr Bericht: mit einem Tagebuch, Fotos, Videos, Audios
"Wir strecken unsere Hände langsam nach der Tiefsee aus"
"Wir strecken unsere Hände langsam nach der Tiefsee aus"
Bizarr geformte Krebse, grazile Schlangensterne, nie gesehene Asselarten: Im Interview erzählt die Meeresbiologin Brigitte Ebbe über verblüffende Entdeckungen - und das neu erwachte Interesse an der Tiefsee
Neues Krustentier in der Tiefsee entdeckt 
Neues Krustentier in der Tiefsee entdeckt
Krebs mit Pelz-Boa? Riesen-Zecke mit Feder-Perücke? Auf alle Fälle ein seltsamer Fund: Forscher entdeckten in den Tiefen der Südsee eine neue Tierart
Animation: Die Nahrungskette der Tiefsee
So funktioniert die Tiefsee
Verfolgen Sie in dieser interaktiven Flash-Animation, wie die Nährstoffe aus den oberen Wasserschichten in das Reich der ewigen Finsternis gelangen
GEO.de Newsletter