Aufstieg zur Höllen-Pforte

Erst im Jahr 1908 wagt ein Team der "Nimrod"-Expedition erstmals den Aufstieg auf den Mt. Erebus - und kommt dabei fast zu Tode

Geführt von dem britischen Polarforscher Ernest Shackleton, landet im Februar 1908 die Mannschaft der "Nimrod"-Expedition im McMurdo Sound. Das Ziel der zwölf Abenteurer: Sie wollen am Fuß des Mt. Erebus überwintern, um dann im nächsten antarktischen Frühjahr von hier zum Südpol vorzustoßen - zum magischen, noch immer unbekannten Endpunkt der Erde. Zur Vorbereitung überträgt Shackleton einem Teil seines Teams die Aufgabe, noch vor Einbruch des monatelangen Winters, der die Männer zu Untätigkeit zwingen wird, den Mt. Erebus zu besteigen: Eine Herausforderung, von der er sich unter anderem "höchst wünschenswerte Erkenntnisse" der Meteorologie und Geologie verspricht.

Erst seit 1841 ist die Existenz des Mt. Erebus in Europa bekannt. Der Entdecker James Ross hatte ihn auf seiner Polarfahrt als erster erblickt und dabei staunend notiert, wie der Schneeberg "Flammen und Rauch in großem Übermaß" ausspuckte, sowie Dämpfe, die sich "als Nebel und Schnee niederschlugen und langsam versprengten, in Wolken rot gefärbt vom Glühen der geschmolzenen Lava." Ross hatte die Höhe dieses südlichsten aktiven Vulkans der Erde auf 12367 Fuß geschätzt: etwa 4100 Meter. Noch nie hatte ein Mensch einen so hohen und zugleich so weit südlich gelegenen Berg bestiegen.

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Monatelang der einzige Schutz für die Mannschaft der “Nimrod”-Expedition: "Shackleton´s Hut" am Fuß des Mt. Erebus

Die Temperatur fällt mit jedem Meter

Am 5. März 1908, um 8.30 Uhr bricht Nimrod-Team auf. Sie sind zu sechst: Edgeworth David, Douglas Mawson und Alistair Mackay sollen versuchen zum Gipfel zu kommen; eine zweite Seilschaft aus Adams, Marshall und Brocklehurst soll sie unterstützen, so weit es geht. Ihre Ausrüstung - Zelte, Schlafsäcke und Proviant für drei Tage - haben sie auf Schlitten gebunden. Das Gipfel-Team hat sich außerdem Rucksäcke und Steigeisen präpariert.

Anfangs kommen sie gut voran, aber dann wird die Flanke des Mt. Erebus steiler, der Weg beschwerlicher. Immer wieder kippt der Schlitten am Hang um, er verfährt sich in Löchern, die der Wind in die Schneedecke gefräst hat. Und die Temperatur fällt mit jedem Meter, den die Männer an Höhe gewinnen. Auf 2800 Fuß ist es -33 Grad Celsius kalt.

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Die Entdecker beschließen, zu sechst gemeinsam zum Gipfel zu steigen. Sie legen ein Depot an, in dem sie den Großteil ihrer Ausrüstung, darunter auch die Stangen der Zelte, zurücklassen. Diejenigen unter ihnen, die keine Steigeisen tragen, spannen Lederriemen unter die Schuhe, um auf dem Eis nicht zu rutschen. Jeder trägt 20 Kilogramm Ausrüstung auf dem Rücken.

Dann, am 7. März zwischen neun und zehn Uhr am Abend, überfällt sie der Sturm. Ein Blizzard zieht völlig unvorhersehbar aus Südosten auf. Nach wenigen Minuten ist der weiße Nebel so dicht, das Tosen so laut, dass die Männer sich im Abstand von mehr als neun Metern weder sehen noch hören können. Sie legen ein Lager an, hüllen sich zu dritt in die Schlafsäcke und legen die Zeltplanen lose darüber. Als Brocklehurst nachts einmal aufsteht, wird er vom Wind den Abhang herunter geweht. Nur mit letzter Kraft können seine Gefährten Adam und Marshall ihn retten. Sie kauern sie in die Schlafsäcke, essen hin und wieder ein Stück Schokolade. Sie könnern nur warten. Erst um 5.30 Uhr am nächsten Morgen legt sich der Sturm langsam wieder. 24 Stunden lang haben die Abenteurer nichts mehr getrunken.

Trotzdem steigen sie weiter. Mit ihren Eispickeln schlagen sie Stufen in die überfrorenen Steilhänge. Sie wanken, die Höhenluft betäubt ihre Sinne. Brocklehurst spürt seine Zehen nicht mehr, hält dies aber nicht für schlimm genug, um seine Leder-Skischuhe gegen Fellstiefel einzutauschen - er wird es bereuen. Mackkay löst sich kurz vor kleineren Nebenkrater des Mt. Erebus aus der Gruppe und steigt (statt wie anderen in seichten Serpentinen) nun in direkter Linie den Abhang hinauf - benommen von der Anstrengung und der dünnen Luft, fieberhaft in dem Wahn, endlich zum Gipfel zu kommen. Oben am Kraterrand fällt er, völlig erschöpft, in kurze Ohnmacht.

Endlich am Ziel

Das Team beschließt, noch einmal zu pausieren. Brocklehursts Zehen sind schwarz gefroren, später wird man amputieren müssen. Er wechselt die Schuhe, steigt mit den anderen weiter. Die Männer seilen sich an, ballen noch einmal alle Kraft, alle Konzentration zusammen.

Dann sind sie oben: Über einem Meer aus tosenden Cumulus-Wolken, am "Rand eines tiefen Abgrunds, von dem wir anfang nicht einmal den Boden erkennen konnten". Den Krater schätzen sie auf 900 Fuß Tiefe und eine halbe Meile an Durchmesser. Schwefelhaltiger Rauch steigt aus der Tiefe hinaus, die Wände sind übersäht mit Fumarolen und porösem Lava-Gestein in leuchtenden Farben. Sie sind am Ziel - als erste Menschen auf einem Vulkan der Antarktis.

Der Abstieg geht schneller: Die Abenteurer rutschen die eisigen Hänge hinab, bremsen ihre Fahrt mit den Eispickeln, suchen die Ausrüstung am Fuße des Berges später zusammen. Innerhalb von vier Stunden bewältigen sie eine Höhendifferenz von mehr als 5000 Fuß. Erschöpft sind sie trotzdem: Noch immer haben sie kaum getrunken, die Anstrengungen in der Kälte und dünnen Luft haben sie ausgelaugt. Mit letzter Kraft erreichen sie schließlich die Hütte, wo Shackleton ihnen entgegen rennt: "Wart Ihr am Gipfel?", ruft er Adams zu. Der aber ist zu schwach, um zu antworten. "Wart ihr oben?", wiederholt Shackleton ungeduldig. Alles, was Adams noch sagen kann, ist ein schwaches "Yes."

Die Wettermaschine

Aus den Messungen, die das Team am Kraterrand vorgenommen hat, berechnen sie die Höhe des Mt. Erebus auf 13,350 Fuß, rund 4070 Metern. (Heute wird sie auf 3997 Meter bestimt). Vor allem aber hält Shackleton die Feldspar-Kristalle, die seine Männern vom Krater mitgebracht haben und die meteorologischen Messungen aus der Höhe für höchst bedeutsam. Weisen sie doch darauf hin, dass der mächtige Berg die Luftmassen aus dem antarktischen Eisschild maßgeblich ablenkt und so wie eine eigene "Wettermaschine" den McMurdo Sound prägt. "Diese Erkenntnisse", so schreibt Shackleton in sein Tagebuch, "machen den Mt. Erebus zu einem der interessantesten Orte für Meteorologen weltweit."

Zumindest diesen Entdecker-Erfolg kann dem "Nimrod"-Team niemand mehr nehmen. Ihr Tour zum Südpol hingegen wird scheitern: Nur 97 Meilen vom Ziel entfernt, beschließt Shackleton am 9. Januar 1909, umzukehren, und prägt dabei die berühmt gewordene Erkenntnisse, "lieber als lebender Esel in die Heimat zurückzukehren statt als toter Löwe im Eis zu verenden".

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