Interview: Schwarmbeben in Deutschland

Im Vogtland und in Nordwest-Böhmen bebt zurzeit die Erde - mehrmals täglich. GEO.de sprach darüber mit dem Seismologen Thomas Plenefisch

GEO.de: Herr Plenefisch, "Schwarmbeben" klingt irgendwie nach Frank Schätzing. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen? Thomas Plenefisch: Überhaupt nicht. "Schwarmbeben" meint einfach eine große Anzahl von Erdbeben der gleichen Stärke am gleichen Ort und innerhalb relativ kurzer Zeit. Wenn ich mir die Daten von einer Stunde auf dem Bildschirm ansehe, sieht das aus wie eine Maschinengewehrsalve: viele kleine Ereignisse, unmittelbar hintereinander und mit fast der gleichen Wellenform - also vom gleichen Erdbeben-Herd. Man kennt das vor allem aus vulkanischen Gebieten. Das ist das Besondere am Schwarmbeben im Vogtland. Es gibt in dieser Gegend zwar Vulkane - aber die sind schon vor 500 000 Jahren erloschen.

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Dr. Thomas Plenefisch ist Seismologe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover

Aus dem Bett gerissen wurde im tschechischen Eger, im Zentrum des Bebens, noch keiner?

Das nicht, aber wir haben in der vergangenen Nacht drei Beben mit einer Stärke bis zu 3,5 registriert. Das ist schon deutlich zu spüren. Zu Beginn, am 6. und 7. Oktober, waren die Stöße noch relativ schwach, knapp unter zwei. Davon bekommt man nur etwas mit, wenn man nachts ganz ruhig und wach im Bett liegt.

Wie lange wird der aktuelle Schwarm anhalten? Nach den neuesten Entwicklungen müssen wir damit rechnen, dass das Beben bis zu drei Monate anhält. Denn je stärker ein Schwarmbeben ist, desto länger dauert es meist. Im Jahr 2000 hatten wir ein Beben mit einer vergleichbaren Stärke. Damals konnten wir vom August bis in den November hinein rund 5000 Beben registrieren. Einen noch größeren Schwarm, mit Stärke 4,5, gab es 1985/86. Man weiß, unter anderem aus Kirchenbüchern, dass es immer wieder auch solche größeren Schwärme gegeben hat. Die Menschen dort kennen das und leben damit.

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Erdbeben in Deutschland in den Jahren 800-2006. Im Rechteck: die Schwarmbeben der Region Vogtland/Nordwest-Böhmen

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CO2-haltige Quellen, so genannte Mofetten, wie hier bei Bublák, sind typisch für die Region Vogtland/Nordwest-Böhmen

Wie entstehen solche Beben? Das haben wir noch nicht genau verstanden. Aber wir nehmen an, dass Fluide, also Gase oder Flüssigkeiten, dafür verantwortlich sind. Im Vogtland beobachten wir, dass an der Erdoberfläche sehr viel CO2 abgegeben wird. Die Untersuchung des Gases hat gezeigt, dass viel davon direkt aus dem Erdmantel stammt. Die Erdkruste muss an dieser Stelle also durchlässig sein. Das kann zu einer lokalen Änderung des Porendrucks führen. Und die so entstehende Spannung entlädt sich dann in Form von kleinen Beben.

Welche Rolle spielt aufsteigendes Magma?

Das Vogtland liegt im Bereich des Egergrabens und der Marienbader Verwerfungszone. Das sind zwei sogenannte Schwächezonen in der Erdkruste, die sich dort kreuzen. Die Erdkruste ist hier sehr heterogen und brüchig. Eine große Magmakammer wurde, auch bei Untersuchungen in jüngster Zeit, nicht gefunden. Eher vorstellbar ist, dass Magma bis zur Grenze zwischen Erdmantel und Erdkruste, also in ungefähr 30 Kilometer Tiefe, aufgestiegen ist und kleinere flüssige Anteile davon weiter nach oben steigen. Das gefundene CO2 könnte aus solchen Schmelzen stammen.

Wie registrieren Sie die Beben? Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat an die 20 Messstationen, die von Helgoland bis in die Alpen über Deutschland verteilt sind. Außerdem arbeiten wir zusammen mit Universitäten und Landesämtern. Und die tschechischen Kollegen haben sogar ein noch feineres Netz von Messstationen. Mit allen Daten zusammen können wir das Zentrum der Aktivität sehr genau bestimmen: Es liegt direkt unter dem Ort Novy Kostel, an der deutsch-tschechischen Grenze, in neun bis elf Kilometer Tiefe.

Manche Vulkanologen befürchten einen gewaltigen Vulkanausbruch in der Eifel. Braut sich auch im Vogtland etwas zusammen? Der Vulkanismus in der Eifel ist wesentlich jünger als im Vogtland. Die letzten Ereignisse liegen nur 10-20 000 Jahre zurück. Nach geologischen Maßstäben ist das ein Wimpernschlag. Ein erneuter Vulkanausbruch ist hier zumindest nicht völlig ausgeschlossen. Im Vogtland sehe ich diese Gefahr nicht.

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