Wie überlebt man eine Lawine?

Vorsicht, Lawine! Wie jeden Winter hat es in den Alpen Tote gegeben. - Was man wissen muss, um den Ernstfall zu überleben
In diesem Artikel
Die wichtigsten Verhaltensregeln
Welche Ausrüstung ist die richtige?

Die wichtigsten Verhaltensregeln

Jedes Jahr das gleiche Phänomen: Wintersportler verlassen die ausgewiesenen Pisten, um allein oder zu zweit durch den unberührten Hochschnee zu wedeln. Häufig lösen sie dabei jedoch Lawinen aus, in denen viele einen furchtbaren Tod finden. Wie überlebt man eine Lawine, wenn es kein Entkommen mehr gibt?

1. Regel

Ist das Schneebrett ins Rutschen gekommen, sofort die Skistöcke abwerfen. Im weißen Mahlstrom kann man sich sonst schwer verletzen, von Knochenbrüchen bis Stichverletzungen.

2. Regel

Versuchen Sie, sich auf den Skiern oder dem Snowboard zu halten und seitlich aus der Lawinenbahn herauszusteuern.

3. Regel

Wer den Stand verloren hat, muss mit Schwimmbewegungen versuchen, sich um jeden Preis an der Oberfläche einer Flusslawine zu halten.

4. Regel

Sobald die Lawine ihre Fahrt verlangsamt, Hände über Mund und Nase zu einer Atemhöhle wölben. Wer erstmal im Schnee verschwunden ist, kann das nicht mehr tun - und erstickt im verdichteten Material.

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Gelegentlich werden Lawinen auch durch unvorsichtige Skifahrer ausgelöst

Soweit die Sicherheitstheorie. In der Praxis gelingt es allerdings nur wenigen, die Verhaltensregeln anzuwenden. Oft ist die Wucht der Lawine einfach zu groß, um kontrollierte Sicherheitsmaßnahmen durchzuführen.

Hauptsache: oben bleiben!

Ihre Opfer wirft die Lawine in eine Rotationsbewegung: Während der oft viele hundert Meter langen Fahrt werden die Menschen mal nach oben, mal nach unten gerissen, um die eigene Achse gedreht. Sie verlieren jede Orientierung. Und ist die Lawine zum Halten gekommen, hängen die Überlebenschancen wesentlich davon ab, wo sich ein Verunglückter in diesem Moment befindet: unten oder oben.

Retter haben 15 Minuten Zeit

Statistisch liegen die meisten Lawinenopfer in einer Tiefe zwischen einem und eineinhalb Metern. Das hört sich nach wenig an, bedeutet aber viel. Denn Lawinenschnee ist um ein Mehrfaches komprimierter als herkömmlicher Pulverschnee. Um einen Verschütteten in nur einem Meter Tiefe ausgraben zu können, muss Schnee mit einem Gewicht von einer halben Tonne bewegt werden! Zwei kräftige Männer benötigen dafür etwa zehn Minuten. Im Notfall kann das schon zu lange sein. Denn nach 15 Minuten sind die meisten Verunglückten bereits erstickt.

Lawinenschnee ist hart wie Beton

Je länger die Lawine ruht, desto mehr sackt der Schnee zusammen und erhöht dadurch sein Gewicht. Lawinenforscher vergleichen die Dichte des Materials mit jenem von Beton. Schon in 30 Zentimetern Tiefe bedeutet das für Verschüttete: Sie müssen völlig bewegungslos verharren, können buchstäblich nicht mal mehr einen kleinen Finger krümmen - mit dramatischen Folgen für die Atmung.

Pressschnee in Mund und Nase

Während des Lawinenabgangs können die wenigsten Opfer verhindern, dass sich der Schnee förmlich in Mund und Nase presst. Ist der Rutsch beendet, sind die Atemwege verstopft. Außerdem vereist der Atem den Schnee, so dass die Sauerstoffzufuhr beendet wird. Und schließlich lastet der Schnee von Minute zu Minute schwerer auf Brustkorb und Lunge. Das Atmen fällt immer schwerer.

Wer allein verunglückt, hat keine Chance

Der Druck verhindert auch die Durchblutung der Extremitäten. Schnell beginnen Arme und Beine zu erfrieren. Um in nur 15 Minuten aus so einem weißen Grab befreit zu werden, muss man viel Glück haben. Wer allein unterwegs war, hat kaum Chancen auf Rettung. Denn wo kein Augenzeuge den Unfall beobachtet hat, kann niemand Hilfe leisten. Verschüttete sind naturgemäß unsichtbar und können nicht rufen.

Welche Ausrüstung ist die richtige?

Für eine rechtzeitige Bergung benötigen die Helfer aber auch eine geeignete Ausrüstung. Der betonharte Lawinenschnee lässt sich nicht mit Skiern oder einem Snowboard schaufeln. Dafür braucht man eine spezielle Carbon-Schaufel, die nach Ansicht der Alpenvereine in den Rucksack jedes Schnee-Abenteurers gehört - neben einem Peilsender, dem so genannten Lawinen-Piepser, und einem dünnen, zusammensteckbaren Alurohr, der Lawinensonde, mit der die genaue Position eines Opfers im Schnee ertastet wird.

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Gehört zur Grundausstattung: Schneeschaufel

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Kann Leben retten: Lawinen-Airbag

Neben dieser dreiteiligen Grundausrüstung, die etwa 150 Euro kostet, sorgen technische Innovationen für bessere Überlebenschancen:

Der Lawinenball entfaltet sich im Notfall blitzschnell, bleibt während eines Lawinenabgangs wie eine leuchtend rote Boje auf der Oberfläche und über eine sechs Meter lange Sicherheitsleine mit dem Gürtel des Opfers verbunden. Ist die Lawine zum Stillstand gekommen, brauchen die Helfer nur am Seil zu ziehen, um den Verschütteten zu finden. Preis: ca. 200 Euro.

Der Lawinen-Airbag nutzt ein physikalisches Phänomen: In fließenden Lawinen werden nämlich die Schneebrocken sortiert - die kleineren wandern nach unten, die größeren nach oben. Träger eines Ballonrucksacks mit zwei Airbags können binnen zwei Sekunden ihr Volumen um 150 Liter vergrößern. So viel Größe verleiht Auftrieb im Lawinenfluss und erhöht die Chance erheblich, das Ende einer Lawine an deren Oberfläche zu erleben. Preis: ca. 650 bis 750 Euro.

Das Atmungssystem Avalung ist umstritten. Es handelt sich um ein Schlauchsystem mit Mundstück, das als Brustgurt umgeschnürt wird. Im Notfall soll es helfen, im Schnee auch das letzte bisschen Sauerstoff zu atmen. Bergretter bezweifeln den Nutzen, weil die Wahrscheinlichkeit gering sei, dass ein Verunglückter nach den Kapriolen des Lawinenabgangs und vor dem "Einfrieren" im betonharten Schnee tatsächlich noch das Mundstück zwischen den Zähnen hält.

Lawinensuchgeräte gibt es in vielen Varianten. Es handelt sich um Peilsender mit einem Radius von etwa 40 Metern. Wer im Umgang damit routiniert ist, kann einen Verschütteten in zwei, drei Minuten orten. Doch ohne Übung, mit dem Zeitdruck im Nacken, versagen Anfänger im Notfall kläglich. Der Preis: je nach Ausstattung mehrere hundert Euro.

Demnächst soll die bayerische Bergwacht satellitengestützte Ortungsgeräte erhalten. Bei Testsuchen im Schneegelände wurde eingegrabene Dummy-Puppen von den Rettern in Rekordzeit aufgespürt.

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