Biodiversität: Schopenhauers Arche

Für Philosophen ist Artenvielfalt eine Frage der Ethik

Wer würde daran zweifeln: Es ist gut und richtig, die Natur zu schützen und die Artenvielfalt zu erhalten. Aber warum eigentlich? Und warum erscheint es uns umgekehrt falsch, dass Arten zugrunde gehen? Kann es uns nicht egal sein, ob in den Tropen wirklich sämtliche Insektenspezies überleben? Und was verpflichtet uns zur Sorge um das Wohlergehen von Eisbären, Wölfen, Orang-Utans oder Nashörnern?

Philosophen beschäftigen sich tatsächlich mit solchen Fragen. Sie versuchen, den Naturschutz moralisch zu rechtfertigen. Das ist vertrackter, als man zunächst annehmen würde - besonders, wenn es um das Bewahren des Artenreichtums geht. Um es mit Schopenhauer zu sagen: "Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer." Im Kern kreist die Debatte um die Frage: Liegt der Wert der Natur nur in ihrem Nutzen für den Menschen? Oder ist sie auch um ihrer selbst willen zu schützen?

Anhänger der ersten, der "anthropozentrischen" Position, gehen davon aus, dass eine moralische Verpflichtung zum Naturschutz nur insofern besteht, als die Natur uns und unseren Nachkommen Dienste erweist. Mit dieser vordergründig engen Sichtweise ließe sich bereits ein umfassender Umweltschutz begründen: Reines Wasser, saubere Luft, die Bewahrung der Nahrungsgrundlagen - das sind einige der offensichtlichen Ziele, die ein auf das Menschenwohl fokussierter Naturschutz erreichen müsste. Schon allein der Erholungswert, den uns der Aufenthalt in der Natur schenkt, würde ihren Schutz gebieten.

Aber auch die hohe Vielfalt der Lebewesen, etwa in den Tropen, wäre aus der anthropozentrischen Sicht heraus erhaltenswert. Denn die Tiere und Pflanzen dort beinhalten bislang unbekannte Wirkstoffe, die einmal als Arzneimittel dienen könnten. Anders gesagt: Mit jeder Spezies, die wir verlieren, vermindern sich langfristig die Überlebenschancen unserer eigenen Art.

Sind wirklich alle Arten wert, erhalten zu werden?

Dennoch: Wer für Natur- und Artenschutz allein aus anthropozentrischer Sicht argumentiert, wird immer an Grenzen stoßen, wenn es um den Erhalt aller Arten geht. Denn hierzu zählen auch Cholerabakterien oder Pockenviren, Organismen also, die dem Menschen schaden.

Und: Ließe sich aus anthropozentrischer Sicht nicht auch das Aussterben, sagen wir, der Wanderheuschrecke mit dem Nutzen ihres Verschwindens für die Ernte afrikanischer Bauern "verrechnen"?

Nicht so nach dem zweiten, dem "physiozentrischen" Ansatz der Philosophen. Er billigt der Natur generell einen Eigenwert zu. Als früher Vertreter dieser Denkweise gilt Albert Schweitzer, der allen Wesen "das gleiche Recht zu leben" zusprach, genau wie uns Menschen. In welche Nöte er mit dieser Haltung geriet, zeigen seine Notizen zu seiner eigenen Arbeit als Arzt: Schweitzer fühlte sich als "Massenmörder von Bakterien", wenn er sie mit Medikamenten tötete, um seine Patienten zu heilen.

Der australische Philosoph Peter Singer will solche Konflikte umgehen, indem er Abstufungen unter den Wesen der Natur vornimmt. Er vertritt die Position, dass nur Wesen, die Schmerz oder Genuss empfinden können, einen Wert aus sich heraus besitzen und daher zu schützen sind.

Singer hebt damit jedes leidensfähige Tier faktisch auf eine Stufe mit dem Menschen. Aus dieser Position heraus lassen sich natürlich die Rechte einiger Tiere - der höheren Säugetiere nämlich - stärken. Aber: Erkennt man nur einem Teil aller Naturwesen einen Selbstwert zu, wird es schwierig, das Bewahren der Artenvielfalt zu rechtfertigen.

Ob mit oder ohne Rechtfertigung: Immerhin hat die Evolution der Arten auch etwas ganz Besonderes hervorgebracht - eine Spezies, die in der Lage ist, ihr Dasein zu reflektieren. Anthropozentrismus, Physiozentrismus - formal betrachtet, handelt es sich bei beiden Ansätzen um den Versuch des Menschen, seinen Platz in der Natur zu verstehen. Konrad Ott, Professor für Umweltethik in Greifswald sagt: "Wir (Menschen) sind einander Gründe schuldig, während es den Naturwesen selbst herzlich gleichgültig sein dürfte, aus welchen Begründungen heraus wir sie unter Schutz stellen."

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Die "Halle der Biodiversität" im American Museum of Natural History

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