Paläontologie Mörderkrabbe rehabilitiert

Ein amerikanischer Paläontologe fand den entscheidenden Beweis: Der älteste Jäger der Erdgeschichte war gar keiner

Vor einer halben Milliarde Jahren durchstreifte Anomalocaris die kambrischen Meere. Das eigenartige Geschöpf, das vermutlich zu den frühen Gliederfüßern (Spinnen, Krebse, Insekten) zählt, konnte über einen Meter lang werden - und war ein, wie die Paläontologen bislang glaubten, „gefürchtetes Raubtier“: der Schrecken wehrloser Urfischchen, Krabbeltiere und panzerbewehrter Trilobiten, die im Kambrium milliardenfach den Meeresboden bevölkerten. Mit Anomalocaris, so die gängige These, habe sich die frühe Fauna auf der Erde erstmals in Jäger und Gejagte geteilt.

Dem widerspricht jetzt ein amerikanischer Wissenschaftler. Anomalocaris, so die Erkenntnis von James Hagadorn, sei ein völlig unschuldiges Gliedertier gewesen, eher Softie als Panzerknacker - das älteste Rufmordopfer der Erdgeschichte. Dem Kurator am Denver Museum of Nature and Science war aufgefallen, dass es in den versteinerten Eingeweiden des angeblichen Trilobitenschrecks keinen Hinweis auf harte Nahrung gibt. Das brachte Hagadorn auf die Idee, am Computer ein 3-D-Modell des Anomalocaris-Mauls zu konstruieren. Damit simulierte er, wie der Schlund arbeitete und welche Bisskraft das Monster aufbrachte. Ergebnis: Was man bis dato für furchterregenden Zahnbesatz hielt, entpuppte sich als weicher Plattenkranz. Hagadorn studierte daraufhin die Mäuler von 400 Anomalocaris-Fossilien - und fand an keinem der angeblichen Zähne Spuren von Abnutzung. Mehr noch: Das Tier „konnte den Mund nicht einmal ganz schließen“, erklärt der Forscher. Anomalocaris könnte seine Nahrung vielleicht nur eingesogen und Unverdauliches ausgespuckt haben.

Eine Frage ist damit wieder offen: Wer denn dann der Mörder war. Denn unbestritten sind Hinweise auf einen gewaltsamen Tod an Trilobiten-Fossilien - Bissspuren eines Riesen.