Fairer Handel treibt Blüten

Was der gerechte Handel für die Menschen in der Region bedeutet, hat sich unsere Autorin Kira Crome vor Ort angesehen - auf einer kenianischen Fairtrade-Rosenfarm
In diesem Artikel
Sind "faire" Rosen aus Afrika auch "öko"?

"Ich liebe meinen Beruf", sagt Ann Chapkirui. Sie arbeitet in der Packhalle einer großen Blumenfarm in Kericho, einer Gemeinde im kenianischen Hochland. Hier kommen die frisch geschnittenen Rosen aus den umliegenden Gewächshäusern an. In langen Reihen stehen die Arbeiterinnen an kleinen Stehpulten und verlesen die Rosen. Ann nimmt jeden einzelnen Stiel in die Hand und prüft sorgsam die Qualität der Blüte. Mit geübten Griffen befreit sie die Stiele am unteren Ende von Laub und Stacheln. Flink bündelt sie die empfindlichen Rosenköpfe, schneidet die Stiele auf die richtige Länge, bindet das Fairtrade-Etikett an einen der Stängel und legt das Bund aufs Förderband. Ann arbeitet im Akkord. Acht Stiele in der Minute. Der Muttertag steht vor der Tür. Die Nachfrage nach Rosen im fernen Deutschland steigt.

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Rund 40 Prozent der Rosen, die bei uns zum Verkauf angeboten werden, stammen aus Afrika. Einige von ihnen hat Ann Chapkirui versandfertig gemacht

Rund 125 Millionen Euro geben die Deutschen in der Muttertagswoche für Schnittblumen aus. Jeder vierte verkaufte Stiel ist eine Rose. 80 Prozent der Rosen werden jährlich importiert - aus Lateinamerika und Afrika. Rund die Hälfte davon stammt aus Kenia. In dem Land am Äquator ist der Rosenanbau nach dem Tourismus der zweitwichtigste Wirtschaftszweig. Umgerechnet rund 400 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften die riesigen Blumenfarmen - fast fünf Prozent des kenianischen Bruttoinlandsproduktes. Eine Industrie, die so schnell wächst wie die Rosen. In dem milden Klima gedeihen vor allem solche Sorten, die innerhalb weniger Wochen geerntet werden und nicht so stark duften. Ein wichtiger Vorteil für den Export. Denn die natürlichen Duftstoffe lassen die Blüten schneller welken.

Die Blumenproduktion bringt Umweltgefahren mit sich

Der Boom hat auch seine Schattenseiten. Schlechte Arbeitsbedingungen, Wassermangel und durch Pflanzenschutzmittel vergiftete Böden bringen die Blumenfarmen immer wieder in die Schlagzeilen. Inzwischen setzen immer mehr kenianische Rosenfarmer auf umweltschonende Anbaumethoden. Und auf den Fairen Handel. Das System verpflichtet die Unternehmer zur Einhaltung sozialer und ökologischer Standards wie Mindestlöhne, Gesundheitsschutz, Senkung von Pestiziden zugunsten des biologischen Anbaus. Dafür erhalten sie einen festen Mindestpreis von den Importeuren und sind nicht mehr von den schwankenden Preisen an den europäischen Blumenbörsen abhängig. Zusätzlich erhalten sie zehn Prozent des Exportpreises als Prämie, die vor Ort in soziale Projekte für die Arbeiter eingesetzt wird. Über die Verwendung der Gelder entscheidet auf jeder Farm ein Verwaltungsrat, der aus den Reihen der Arbeiter demokratisch gewählt wird. Hier wird in regelmäßigen Sitzungen über die Ausgaben beraten.

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Liebt ihren Job: Ann Chapkirui

Medizinische Versorgung, Ausstattung der Schulen, Schulstipendien, Weiterbildungsangebote, zinsfreie Darlehen, Trinkwasseraufbereitungsanlagen - die Liste ist lang und so vielfältig wie die Nöte vor Ort. Allein im letzten Jahr sind 766.000 Euro an Prämiengeldern über den Rosenhandel eingenommen worden und über indirekte Hilfen an die Arbeiter geflossen. Bei vierzig Prozent Arbeitslosigkeit im Land sind die Arbeitsplätze auf einer Fairtrade-Farm heiß begehrt. "Wenn wir Stellen vergeben, drängelt sich jedes Mal eine Menschenmenge vor dem Tor", sagt Betty Kiebaliach, Personalchefin auf der Blumenfarm. "Mit den Prämiengeldern und dem Fairtrade-System bieten wir den Arbeitern vor allem Sicherheit und Perspektiven. Für viele eine zweite Chance." 17 der weltweit 50 fair handelnden Blumenfarmen liegen in Kenia. Sie werden jährlich von der unabhängigen Zertifizierungsorganisation FLO Cert besucht und kontrolliert. Zwölf Prozent aller kenianischen Rosen werden inzwischen unter fairen Bedingungen angebaut.

Die Rosen, morgens geschnitten und von Ann versandfertig gemacht, verlassen noch in derselben Nacht das Land. Trotz des Zeitdrucks ist die Stimmung an den Packtischen gelöst. Die Frauen scherzen miteinander. Heute werden Zehnerbunde für eine Supermarktkette in Deutschland gepackt. Alles muss stimmen. "Die Größe des Kopfes und der Grad der Blüte sind genau vorgeschrieben", erklärt Ann. Genau wie der Sitz der Manschette mit dem Fairtrade-Siegel-Aufdruck und dem Päckchen mit Blumennahrung. Ann steht acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche am Packtisch. 8000 kenianische Schilling, rund 80 Euro, beträgt ihr Monatsgehalt - 20 Euro höher als der gesetzliche Mindestlohn.

Sie wohnt in einer Arbeitersiedlung auf der Farm. Einen Raum teilt sie sich mit ihren vier Kindern. Feuerholz und Grundnahrungsmittel kauft sie im Farmladen zu Einkaufspreisen ein. In ihrem Küchengarten baut sie etwas Gemüse an. Wenn Ann von ihrer Arbeit und dem Ablauf am Band erzählt, strahlt die zarte Frau. Die Blumen ernähren sie und die Kinder. Die drei jüngsten besuchen die Grundschule auf der Farm. "Ich will Arzt werden", sagt Leonard. Seine jüngeren Schwestern möchten eines Tages unterrichten. Die Älteste besucht außerhalb die weiterführende Schule, finanziert von Prämiengeldern. Ihren Mann hat Ann verlassen. "Er hat getrunken und mich geschlagen", erzählt sie leise. "Jetzt kann ich mir meinen eigenen Unterhalt verdienen und meinen Kindern eine Zukunft bieten. Sie werden eines Tages studieren." Über ihr Gesicht geht ein stolzes Lächeln. Die Packhalle ist ihre Welt. Von dem Land, in dem ihre Blumen gekauft werden, hat Ann keine Vorstellung. Sie noch nie weiter gereist als bis in ihr Heimatdorf.

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Die fairen Jobs im Rosenhandel sind begehrt. Nicht nur, weil die Arbeit über dem Mindestlohn bezahlt wird

Die Rosen, die sie eben geprüft und gebündelt hat, ernähren nicht nur ihre kleine Familie und die der anderen Farmarbeiter. Auch die Arbeiter im Cargobereich auf dem Flughafen in Nairobi leben von ihnen. Und wenn die Rosen nach einem neunstündigen Flug auf dem Frankfurter Flughafen ankommen, werden sie dort umgepackt und mit dem Kühlwagen in das Logistikzentrum des deutschen Blumenimporteurs transportiert. Dort werden sie ein weiteres Mal auf langen Packbändern von fleißigen Händen neu sortiert, nach den Wünschen von Großhändlern, Supermarktketten oder Floristen konfektioniert und wieder auf einen Lkw verladen, um zu ihren Verkaufsorten gefahren zu werden und am Ende ihrer Reise bei einer deutschen Familie auf dem Tisch zu stehen. Ann hat noch nie ein Flugzeug gesehen.

Sind "faire" Rosen aus Afrika auch "öko"?

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Die Rosenzucht in Gewächshäusern ist energiesparend: Sonne und Wärme sind rund ums Jahr reichlich vorhanden

7.000 Kilometer reisen die fair gehandelten Rosen bis in einen deutschen Supermarkt oder einen Blumenladen. Zu Muttertag gekauft, beschenken sie zwei Frauen zugleich. Doch sind faire Rosen auch ökologisch wertvoller? Trotz der vielen Flugkilometer? Nicht nur, dass in Zeiten steigender Nachfrage deutsche Freilandrosen mit der Nachfrage nicht mithalten können. Die Klimabilanz einer Gewächshausrose aus heimischer Produktion fällt laut einer Studie der englischen Cranfield-Universität trotz der Klimabelastung schlechter aus: Weil am Äquator die Sonne das ganze Jahr scheint, die Gewächshäuser nicht beheizt und beleuchtet werden müssen, fallen hier nur 17 Prozent der Menge CO2 an, die in Europa anfallen. Gleichwohl bleibt der Blumenanbau eine ressourcenintensive Produktion. Innovative Anbaukonzepte, geschlossene Wasserkreisläufe mit biologischen Kläranlagen, Wasserauffangbecken und natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel sollen den kenianischen Blumenanbau in Zukunft noch nachhaltiger machen.

Fair punktet mit Transparenz

Mit Transparenz wirbt die Fairtrade-Organisation hierzulande für steigenden Absatz. Jedes Bund trägt ein kleines Etikett mit einem Code. Im Internet auf den Seiten der Fairtrade-Organisation eingegeben, verrät er, von welcher Farm die Rosen stammen und wie dort der Aufpreis verwendet wird. Immerhin: Das Geschäft mit fairen Blumen wächst. Über 80 Millionen Stiele wurden 2011 verkauft. Zwölf Prozent mehr als noch im Vorjahr. Das große Absatzplus fahren die großen Supermarktketten wie Rewe und Penny ein. Jetzt hat kurz vor Muttertag auch Edeka faire Schnittblumen ins Sortiment genommen. Der Marktanteil der Rosen mit dem Fairtrade-Siegel beträgt knapp sieben Prozent. Damit sind Rosen nach Kaffee das zweitwichtigste fair gehandelte Produkt auf dem deutschen Markt.

Ann will nun einen Abendkurs als Näherin besuchen, finanziert mit den Prämiengeldern aus dem fernen Europa. Und jeden Monat legt sie noch etwas von ihren knappen Ersparnissen beiseite. Denn irgendwann will sie in ihrem Heimatdorf ein eigenes Geschäft eröffnen. In einem Leben nach den Rosen.

Rosen aus fairem Handel werden in über 6000 Supermärkten und Blumenfachgeschäften verkauft. Im "Blumen-Finder" auf der Homepage von Fairtrade Deutschland sind alle Läden online abrufbar.

Woher die Rosen stammen und unter welchen Bedingungen sie angebaut wurden, verrät der Produktcode auf dem Etikett. Wer den Zahlencode auf der Internetseite www.fairtrade-code.de eingibt, erhält weiterführende Informationen über die Farm und die Arbeitsbedingungen vor Ort.

Fairtrade: Fair kommt an
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Das freundliche Gesicht der Globalisierung: Der faire Handel mit Entwicklungsländern nimmt Fahrt auf
Kenia
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