Solarenergie Energiewende selbst gemacht

Der Umstieg auf erneuerbare Energien stockt. Doch unternehmungslustige Bürger nehmen die Energiewende nun selbst in die Hand. Mit Bürgersolaranlagen. Wir stellen eine von ihnen vor - die Kölner "Energiegewinner eG"

Die schwarzen Paneele auf dem Dach der städtischen Albert-Schweitzer-Schule in Köln-Weiß heben sich schwarz glänzend gegen den blauen Himmel ab. Jedes einzelne hat die Größe eines Schultisches und ist so dünn wie eine Schreibtischplatte. 163 Stück hat Anlagenbauer Kay Voßhenrich auf dem Schuldach aufgestellt und zu einem kleinen Kraftwerk zusammengeschlossen. An sonnigen Tagen produzieren die Paneele hier oben lupenreinen Öko-Strom, ohne Krach und unnötigen Flächenverbrauch. Die Anlage gehört der Bürgersolargenossenschaft "Energiegewinner". Ihr Name ist Programm: Wer sich hier finanziell beteiligt, wird ein Kraftwerkbetreiber. Für den Sonnen-Strom, der hier erzeugt und ins Netz gespeist wird, erhält jedes Mitglied eine Vergütung. Und das ohne besondere Voraussetzungen oder gar ein eigenes Dach. Und die Sonne scheint sowieso.

Im letzten Jahr produzierten die Solaranlagen auf Deutschlands Dächern nach Angaben des Bundesverbandes Solarwirtschaft mehr als 18 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das waren 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Menge, die in etwa dem Stromverbrauch von ganz Thüringen entspricht. Anders gerechnet: 5,1 Millionen Haushalte könnten ein Jahr lang ihren Energiebedarf mit Sonnenstrom decken. "Solarenergie ist zum unentbehrlichen Bestandteil für eine erfolgreiche Energiewende geworden", erklärt Carsten König, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft.

Energiewende selbst gemacht

Kay Voßhenrich (links) und Ramon Kempt, die Vorstände der Bürgersolargenossenschaft Energiegewinner eG

Die Hälfte des Solarstroms produzieren Bürgersolaranlagen

Den Solar-Boom der vergangenen beiden Jahre haben vor allem kleine und mittlere Anlagen mit einer Größe von 10 bis 100 Kilowatt getragen. Sie stehen auf Wohnhäusern, Schuldächern, Scheunen und kleinen Betrieben. Nach Verbandsschätzungen sind dies rund 50 Prozent des gesamten Solarmarktes. Viele davon sind Bürgerprojekte: gemeinschaftlich betriebene Anlagen, die auf kommunalen Dächern stehen - wie die der Energiegewinner. Die Genossenschaft wurde im Oktober 2010 von zehn jungen Menschen in Köln gegründet. Drei Bürgersolaranlagen sind seitdem in Köln bereits entstanden, zwei weitere in Niedersachsen und in Hessen. Das ist Teil der Geschäftsidee: Mit einer schlanken Verwaltung und gebündelten Kompetenzen realisiert die Genossenschaft Projekte in verschiedenen Regionen.

Lange hat Ramon Kempt, ehrenamtlicher Vorstand, gemeinsam mit Anlagenbauer Kay Voßhenrich an dem Geschäftsmodell gefeilt. "Uns war wichtig, dass den Beteiligten nicht nur verbriefte Anteile, sondern die Solarmodule selbst gehören." Diese Konstruktion unterscheidet die Energiegewinner von anderen Bürgersolarinitiativen in Deutschland. "Wir sprechen mit unserem Konzept zwei verschiedene Zielgruppen an", erklärt Kempt. "Die einen wollen persönlich zum Umbau der Energieversorgung beitragen - mit lokalem Bezug, in direkter Nachbarschaft. Die anderen suchen einfach eine nachhaltige Geldanlage - umweltfreundlich und mit überschaubarem Risiko."

Die Idee trifft einen Nerv - nicht erst seit der Atomkatastrophe in Japan: Schon bevor letztes Jahr die Reaktoren in Fukushima explodierten, dachte man in Deutschland darüber nach, wie eine Stromversorgung aussehen könnte, die nicht mehr auf eine Handvoll Energieriesen und deren Preisgestaltung angewiesen ist. Der Wechsel zu Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind oder Sonne ist für viele Menschen ein erster Schritt zu mehr Nachhaltigkeit.

Sven Johannsen hat sich zwei Module in Weiß gekauft und wollte damit noch einen Schritt weiter gehen: "Ich beziehe bereits Öko-Strom und heize zu Hause mit klimaneutralem Gas. Doch ich wollte auch etwas für die Zukunft tun und zur Sicherung der erneuerbaren Energien beitragen", erklärt der IT-Freiberufler. Global denken und lokal handeln, mit einem dezentralen Netz kleiner Stromproduzenten, die im ganzen Land ihre lokale Umgebung mit Sonnenstrom versorgen und damit fossile Energieträger überflüssig machen - dieses Motto der Energiegewinner fasziniert nicht nur Johannsen.

Schon jetzt trägt der Anteil aus allen erneuerbaren Energiequellen mehr zu unserer Stromversorgung bei als die verbliebenen Atomkraftwerke. Zwar ist der Anteil des Sonnenstroms mit vier Prozent verhältnismäßig klein. Dank der regionalen Verteilung hilft er aber doch, die Lastspitzen in den Mittagsstunden abzufedern und die Stromnetze zu entlasten.

Eine "vernünftige Alternative"

Energiewende selbst gemacht

Auf dem Dach öffentlicher Gebäude - wie hier einer Schule - beanspruchen Solaranlagen wie die der Kölner Energiegewinner keine zusätzlichen Flächen. Das macht sie besonders umweltverträglich

Auch für Genossenschaftsmitglied Dieter Weber sind erneuerbare Energien eine "vernünftige Alternative" zu Kohle- und Atomstrom. "Sonne und Wind sind die Energieformen der Zukunft, auf die wir angewiesen sind", glaubt der pensionierte Bauingenieur. Ihm gehören vier Module in Weiß. "Mich hat aber vor allem die Gesellschaftsform und das geringe Anlage-Risiko überzeugt", begründet er seinen Kaufentschluss.

Ein ökonomischer Pluspunkt des Modells: Die Erträge fließen über das Genossenschaftskonzept wieder an die privaten Eigentümer zurück, statt in die Kassen der Großkonzerne. Wer in Weiß ein Modul besitzt, kann damit rechnen, dass jährlich mindestens sieben Prozent seiner Investitionssumme aus den Stromerträgen ausgezahlt werden - zusätzlich zur Genossenschaftsdividende. Möglich macht das die staatliche Einspeisevergütung. In Zeiten, in denen Anleger nach alternativen Investitionsmöglichkeiten zu geschlossenen Fonds und großen Kapitalgesellschaften suchen, ist das Genossenschaftsmodell eine interessante Option. "Unser Modell ist nicht so stark renditegetragen", erklärt Kempt. "Wir rechnen konservativ und profitieren zudem von den sinkenden Kosten im Anlagenbau."

Streitpunkt Einspeisevergütung

Doch nun stehen die Sonnenstromer vor massiven Fördereinschnitten. Statt der bisherigen 24,4 Cent pro Kilowattstunde, soll der Preis für den ins Netz gespeisten Sonnenstrom je nach Anlagengröße auf bis zu 16 Cent fallen. Bestehende Anlagen sind nicht gefährdet: "Die Anlage in Weiß fällt noch unter die alten Förderungsbedingungen", so Kempt. Bis Juni, wenn die Übergangsfristen für die Gesetzesänderungen auslaufen, herrscht bei den Energiegewinnern hektische Betriebsamkeit, um unter alten Förderbedingungen geplante Anlagen noch auf den Weg zu bringen. Doch für die weitere Zukunft zeigt sich Kempt verhalten optimistisch. Zwar bleibt der Fördermechanismus grundsätzlich unverändert: Wer Öko-Strom ins Netz einspeist, erhält dafür eine feste Vergütung über 20 Jahre. Lukrative Margen werden die Anlagen nur in dem Maße abwerfen, wie zugleich die technologischen Kosten sinken. "Wir müssen dann genau überlegen, wie wir unsere Konzepte so optimieren, dass wir Solaranlagen wirtschaftlich betreiben können."

Ein größeres Problem für die Bürgersolargemeinschaften ist die von der Politik geplante Vorgabe, einen Teil des Sonnenstroms selbst zu verbrauchen. Was für einen Hausbesitzer mit eigener Anlage aus Sicht der Verbraucherzentralen künftig ein rentabler Anreiz sein könnte, wirft in dem komplexen Geflecht von Eigentümern, Produzenten, Netzbetreibern und Endnutzern einer Gemeinschaftsanlage gleich eine ganze Reihe ungelöster verwaltungspraktischer Fragen auf. "Wir müssten den Strom, den wir auf dem Dach der Schule gewinnen, der Kommune, die uns das Dach verpachtet, in Rechnung stellen - ohne die technischen Voraussetzungen dafür zu haben", fürchtet Kempt. Branchenkenner setzen vor allem auf die innovative Weiterentwicklung von Speicheranlagen, um den Sonnenstrom für regnerische Tage und Nächte speichern und verkaufen zu können.

Das Ringen um die Solarförderung ist vor allem ein Kräftemessen innerhalb der Energiewirtschaft. Wenn mehr Öko-Strom ins Netz gespeist wird, bedeutet das weniger Strom aus den konventionellen Kraftwerken der Großversorger. Jedes neue Solardach entmachtet die Energiekonzerne ein Stückchen mehr. "Die erneuerbaren Energien haben inzwischen einen Anteil von 20 Prozent an unserer Stromversorgung. Wachsen sie weiter, so müssen sie sich nicht in das bestehende System integrieren, sondern umgekehrt muss dieses nach den Bedürfnissen der Erneuerbaren umgebaut werden", erklärt Irm Scheer-Pontenagel, Geschäftsführerin der Vereinigung Eurosolar, den Interessenkonflikt.

Eines ist heute schon klar: "Es wird in Zukunft zwar schwieriger sein, neue Solaranlagen zu bauen. Aber auf lange Sicht wird die dezentrale Struktur der erneuerbaren Energien ein unumkehrbarer Vorteil sein, um unsere Stromversorgung zu sichern", ist Kempt überzeugt. Schon jetzt ist Deutschland dank des Öko-Stroms Nettoexporteur - vor allem nach Frankreich, wo die Atomkraftwerke im Winter die Stromversorgung nicht schaffen und im Sommer vom Netz gehen, weil die Flüsse sie nicht ausreichend kühlen können. In Weiß sind nur noch wenige Module zu haben. Nur eines steht ausreichend zur Verfügung: Sonnenschein.

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