Die Everest-Expedition von 1953: Teamleiter John Hunt (vorn, 3.v.l.), Tenzing (rechts daneben) und Hillary (hinter Hunt)

Tenzing war beim Klettern am glücklichsten, erinnerte sich John Hunt

Hillary führt drei Sherpa in das Western Cwm

Geschlossenes und offenes System der Sauerstoffzufuhr. John Hunt entschied sich, beide einzusetzen

Hillary hilft einem Sherpa im Khumbu-Eisbruch

Teammitglieder kehren nach dem Aufstieg zu Lager IV zurück. Charles Evans (li.) an der Seite von Hillary

George Band, Edmund Hillary, Charles Evans und Michael Ward lauschen nach der Besteigung der Nachricht von der Krönung

13 Tonnen Ausrüstung

März 1953, Hochland von Nepal. So etwas haben die Menschen in dem kleinen Königreich noch nicht gesehen: Zwei Marschkolonnen mit insgesamt 350 Trägern und 13 Tonnen Ausrüstung wälzen sich dem Everest entgegen. Die Expedition will einen Traum der Menschheit wahr machen und endlich den höchsten Berg der Erde besteigen: nach der Eroberung von Nord- und Südpol das letzte große Ziel auf Erden. Seit 1921 sind ein Dutzend Expeditionen am Everest gescheitert, sind 13 Menschen tot am Berg geblieben. Erst wenn sein Gipfel betreten ist, wird die Eroberung der Erde abgeschlossen sein.

"Weil es Spaß macht"

22. April 1953, Mount Everest Basislager, 5400 Meter Höhe. Zehn Europäer und 39 Sherpa versammeln sich im untersten der insgesamt neun Lager am Berg. Einige ihrer Kameraden sind schon weiter oben, sie bereiten die Route vor. Einer von ihnen ist Edmund Hillary, 33, Imker von Beruf und Bergsteiger aus Leidenschaft. Er hat Kraft, viel Kraft, ein Hüne von 1,92 Metern. Auf die Berge geht er, "weil es Spaß macht", und der Everest ist sein Traum, seit er 1951 zum ersten Mal im Himalaya war.

Der Teufel steckt im Detail Oberst John Hunt, 42, vom britischen Himalaya-Komitee als Expeditionsleiter auserkoren, hat das Unternehmen generalstabsmäßig vorbereitet. Hat Windkanäle und Unterdruckkammern der Royal Air Force genutzt und die Ausrüstung in der Schweiz unter hochalpinen Bedingungen getestet. Sogar einen Granatwerfer hatte Hunt dabei, um auf steile Schneehänge zu feuern und Lawinen auszulösen, ehe sie Schaden anrichten konnten. Ein beispielloser Aufwand an Material und Menschen, um jetzt, im neunten britischen Anlauf, endlich den Gipfel zu erreichen. Am Ende wird es ein fehlender Adapter sein, der die Expedition beinahe scheitern lässt.

Special: Mount Everest
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Vor über 50 Jahren bezwangen Edmund Hillary und Tenzing Norgay den Berg der Berge. Aber war George Mallory vor ihnen auf dem Gipfel?

Erfahrener Begleiter

Die frühen Everest-Expeditionen sind ohne Sherpas nicht denkbar. Tenzing Norgay, einer von ihnen, ist als sirdar Leiter der Träger, er organisiert den Lastentransport der Expedition. Keiner ist so oft am Everest gewesen wie er. In den 1920er Jahren, Tenzing war noch ein Kind, versuchten sich drei englische Expeditionen am Berg. Sie rekrutierten Träger vom kleinen Volk der Sherpa am Fuße des Everest. So erfuhren die Sherpa überhaupt erst, dass der Gipfel der höchste der Erde ist.

Sherpas und Sahibs

Als Junge trieb Tenzing Yak-Herden hinauf zu den Almweiden in 5000 Meter Höhe. In den einsamen Almsommern hatte er viel Zeit, zu Chomolungma hinaufzusehen. Die anderen Sherpa wunderten sich, warum Menschen ihr Leben riskierten, um auf diesen Gipfel aus Fels und Eis zu steigen - in Tenzing aber wuchs ein Traum: Er wollte der erste Sherpa sein, der mehr war als bloßer Lastenträger für die sahibs, die weißen Herrschaften. Er wollte eines Tages auf dem Gipfel des Everest stehen. 1935, 1936 und 1938 arbeitet Tenzing als Träger für drei britische Everest-Expeditionen - alle scheitern. Die anderen Sherpa sind froh, wenn sie wieder umkehren dürfen. Tenzing nicht: Er will hinauf, seinen Traum wahr machen. Nun, mit 39, beginnt seine Kraft nachzulassen. "Es muss jetzt sein", sagt er sich.

Durch den Khumbu-Gletscher

24. April 1953, Basislager, 5400 Meter. Die 52 Mann der britischen Expedition beginnen mit dem Lastentransport den Everest hinauf. Über dem Lager gleich das erste größere Hindernis auf dem Weg zum Gipfel: der Eisbruch des Khumbu-Gletschers. Über eine Steilstufe bricht hier Eis 700 Meter herab. Vor den Trägern bauen sich haushohe Türme auf, dazwischen klaffen tiefe Spalten. Die gefrorenen Blöcke, labil aufeinander geschichtet, können jederzeit einstürzen und die Kletterer zermalmen. Durch dieses Chaos müssen alle hindurch, auch die Sherpa mit ihren Lasten.

Lager um Lager zum Gipfel

Oberhalb des Eisbruchs öffnet sich ein flaches Gletschertal, fünf Kilometer lang: Western Cwm haben es die Briten getauft, nach dem walisischen Wort für Tal (die Schweizer nennen es "Tal der Stille"). An ihrem Ende steilt sich die Ebene zu einer Eiswand auf, darüber der Südsattel und die Gipfelpyramide.

Unten im Basislager überwacht Tenzing den Transport, teilt Träger und Lasten ein, treibt an, schlichtet Streit. Dann geht es hinauf durch den Eisbruch, jeweils mit 20 bis 30 Kilogramm auf dem Rücken. Die Sherpa verrichten Schwerstarbeit, schleppen Tonnen von Ausrüstung hinauf; die Briten tragen nur leichtes Gepäck. Oberhalb des Eisfalls entsteht nun in 6400 Meter Höhe das Vorgeschobene Basislager, das nach und nach zum Nervenzentrum der Expedition wird.

Zwei Gipfelteams

7. Mai, vorgeschobenes Basislager, 6400 Meter. Der Expeditionsleiter John Hunt versammelt alle Bergsteiger in einem Zelt, um seinen Plan zu erläutern. Nun entscheidet sich, wer ganz nach oben darf. Also: Ist der Südsattel in 7900 Meter Höhe erreicht und sind genügend Zelte, Schlafsäcke, Sauerstoffgeräte, Vorräte, Kocher dorthin geschafft, startet vom Südsattel aus das erste Gipfelteam. Es besteht aus zwei Briten - Charles Evans, 34, und Tom Bourdillon, 28. Sollten sie es nicht schaffen, so sieht Hunts Plan den Aufbruch eines zweiten Gipfelteams vor: Hillary und Tenzing.

Ungleiche Chancen

Kein besonders überzeugender Plan: Die beiden Briten Evans und Bourdillon bekommen zwar die erste Chance, aber sie müssen direkt vom Südsattel aufsteigen, was den Gipfelsturm ungemein erschwert. Da im Fall des Scheiterns ein weiteres Lager, das neunte, auf 8500 Meter Höhe für Hillary und Tenzing errichtet werden soll, haben die beiden die bessere Chance, den Gipfel zu erreichen.

Hunt befürchtet offenbar, der Sommermonsun könnte in diesem Jahr schon im Mai mit wochenlangem Schlechtwetter hereinbrechen und will deshalb wohl erst mal einen Schnellschuss wagen.

Danach sollen die beiden stärksten und erfahrensten Bergsteiger ihr Glück versuchen, auch wenn es keine Engländer sind.

Sturm auf den Südsattel

20. Mai, Lager VII, 7300 Meter, Abend. Vier kleine Zelte stehen auf einer kleinen Plattform hoch über dem Tal der Stille, inmitten der langen Eiswand, die sich bis zum Südsattel unter dem Gipfel erstreckt. Der Brite Wilfrid Noyce, 34, soll von hier aus die Route zum Südsattel eröffnen. Es gibt Pemmican, eine Trockennahrung vornehmlich aus Fleisch und Talg, in Schneewasser aufgelöst. Seit dem 3. Mai, seit 17 Tagen, haben sich Noyce und ein Dutzend Gefährten langsam ins Tal der Stille vorgearbeitet, dann die Eiswand hinauf. Lager um Lager haben sie eingerichtet. Mehr als zwei Wochen ist es her, dass sie sich zuletzt rasiert, richtig gewaschen oder umgezogen haben; in ihren Zelten herrscht ein Chaos aus Kleidern, Essensresten, verschüttetem Tee, Sauerstoffgeräten, Seilen.

Gefährliche Notdurft

Wenn Noyce nachts pinkeln muss, schält er sich aus dem Schlafsack, plumpst durch den Sturmeingang des Zelts hinaus in den Schnee und geht ums Zelt. Ein gefährliches Unternehmen in einer Steilwand, in der schon ein Schritt zu viel den Sturz über den mit 40 Grad Neigung zu Tal schießenden Eishang bedeuten kann. Also doch besser die Bettflaschen benützen, die Oberst Hunt hat anfertigen lassen? Aber wie soll das funktionieren, im Schlafsack? In dem müssen ja auch die Bergstiefel Platz finden, sonst gefrieren sie. Zudem hält die Matratze von Noyce nur ein paar Stunden lang die Luft. "Um ein Uhr morgens raus und pumpen", erinnert er sich später.

Leiden in der Höhenluft

Nachts ein Gehuste und Geröchel in den Zelten. Die trockene Höhenluft dörrt Hals und Nase aus, fast alle leiden wegen der dünnen Luft unter Bronchitis und akuter Atemnot. Bis hier unten hören sie "das Gebrüll von tausend Tigern", wie Tenzing den Sturm nennt, der durch den Südsattel 600 Meter weiter oben faucht. Dorthin müssen sie am nächsten Tag hinauf. Die Luft - und damit ihr Sauerstoffgehalt - ist auf ein Drittel ihrer Dichte in Meereshöhe geschrumpft. In dieser Höhe baut der Organismus ständig ab, auch im Liegen.

Ein ideales Team

Hunt hat Hillary und Tenzing zu einer Seilschaft erklärt, weil die beiden perfekt zusammenarbeiten. Hillary ist konditionsstark und ehrgeizig, Tenzing erfahren, entschlossen, umsichtig. Einmal steigen die beiden aneinander geseilt den Eisbruch hinab. Hillary will zeigen, wie schnell er ist, wird unvorsichtig und stürzt in eine Spalte - Tenzing reagiert rasch, rammt seinen Eispickel in den Schnee, schlingt das Seil herum und kann so den Fall Hillarys in den Gletscher stoppen. Erfahrung hat Ehrgeiz gerettet. Seither sind die beiden, für alle ersichtlich, ein Team; Freunde werden sie erst viel später.

Der einsamste Platz der Welt

25. Mai, Lager VIII, Südsattel des Everest, 7900 Meter. Von hier aus will Team 1 am nächsten Tag zum Gipfel aufbrechen. Vier Kilometer Luftlinie trennen die beiden nun vom Vorgeschobenen Basislager - und 950 Höhenmeter vom Gipfel. Ein trostloser Ort, ein paar Felsen, sturmgepresster Schnee, für Tenzing "der kälteste und einsamste Platz der Welt". Möglicherweise, so nahe an den Strahlströmen unterhalb der Stratosphäre, auch der windigste.

Team 1 auf dem Weg zum Gipfel

26. Mai, Lager VIII, 7.30 Uhr. Team 1 startet vom Südsattel zum Gipfel des Everest. Wenige Stunden später, 600 Höhenmeter weiter unten: Team 2, Hillary und Tenzing, unterstützt von George Lowe und Alf Gregory, ist vom Lager VII unterwegs zum Südsattel, der Startposition für den Gipfelsturm. Die vier haben in dem tiefer gelegenen Lager geschlafen, um nicht zu lange in der Todeszone ausharren zu müssen. Lowe sieht hoch oben an der Gipfelpyramide des Everest zwei winzige Punkte: Evans und Bourdillon. Sie bewegen sich schnell. Tenzing schweigt. Kurz nachdem Hillary und Tenzing den Südsattel erreicht haben, trifft auch Lowe ein und ruft: "Sie sind oben, mein Gott, sie sind oben!"

Umkehr auf den letzten Metern

13 Uhr. Team 1 steht auf dem Südgipfel des Mount Everest, 8751 Meter - so hoch, wie noch niemand zuvor. Der Hauptgipfel ist nur noch 100 Höhenmeter entfernt, 350 Meter Luftlinie. Doch die beiden haben Probleme. Evans bekommt kaum noch Sauerstoff, ein Ventil versagt. Bourdillon aber will weiter, notfalls auch allein. Fünf Stunden, schätzt Evans, wird Bourdillon bis zum Gipfel und zurück brauchen. So lange reicht ihr Sauerstoffvorrat nicht, außerdem müssten sie dann im Dunkeln zum Südsattel absteigen. Evans erinnert Bourdillon an dessen Frau: "Wenn du weitermachst, Tom, wirst du Jennifer nie wiedersehen." Das wirkt. Sie kehren beide um und schleppen sich mit letzter Kraft zum Südsattel hinunter.

Warum der Everest als unbezwingbar galt

Der Everest ist kein schwer zu besteigender Berg. Aber das Gelände hier ist überall heikel, gefährlich, erfordert ständige Konzentration, vor allem beim Abstieg, wenn man müde ist, wenn der Sauerstoff knapp wird. Viele Passagen sind so steil, dass ein Fehltritt oft den Sturz in die Tiefe bedeutet. Und dann ist da noch die Höhe. Kopfschmerz und Schlaflosigkeit können sich bis zur Bewusstseinsstörung steigern; tödlich wird es, wenn Flüssigkeit in die Lungenbläschen oder gar ins Gehirn austritt. Mithilfe von Sauerstoffgaben kann man den Körper zwar täuschen und ihm das Gefühl geben, er befände sich tausend Meter niedriger. Doch gegen Sturm und Kälte hilft das nicht. Eine Bö im falschen Moment, eine beschlagene Sonnenbrille, ein eingefrorenes Ventil der Sauerstoff-Flasche - alles kann hier das Ende bedeuten.

Vor dem Sturm 27. Mai. Südsattel, 7900 Meter. Hillary und Tenzing verkriechen sich in ihr Zelt. Am nächsten Morgen wollen sie weitergehen, 600 Meter weiter oben noch ein Lager aufbauen. Vier Kameraden werden ihnen beim Tragen von Zelt, Schlafsäcken, Sauerstoff-Flaschen helfen. Zwei weitere Sherpa liegen bewegungsunfähig im Zelt. Höhe, Sturm, Erschöpfung und Bronchitis und Darmkatarrh haben alle Pläne über den Haufen geworfen. Das heißt: eine Last von bis zu 28 Kilo pro Mann, eine mörderische Last.

Evans und Bourdillon sind am Ende

Das erste Gipfelteam muss an diesem Tag vom Südsattel absteigen. Tom Bourdillon darf keine weitere Nacht in der Todeszone bleiben. Gleich nach dem Aufbruch schlägt er kopfüber in den Schnee. Er rappelt sich auf, bricht wieder zusammen, kriecht auf den Knien weiter. Expeditionsleiter Hunt, der ihm beim Absteigen helfen könnte, will unbedingt auf dem Südsattel bleiben; für den Fall, dass es Hillary und Tenzing nicht schaffen sollten, spekuliert er selbst auf den Gipfel.

Hillary und Hunt haben einen erbitterten Streit, die Expedition ist kurz vor dem Scheitern. Dann steigt Hunt mit Bourdillon und Evans ab.

Heikles Lager

28. Mai, Lager IX, 8500 Meter. Im höchstgelegenen Camp der Menschheit gibt es Sardinenbiskuits mit Zitronenlimonade. Noch nie haben Menschen einen Lagerplatz so weit Richtung Stratosphäre vorgetrieben. Hillary und Tenzing sind allein, die anderen sind unten auf dem Südsattel, hier ist nur Platz für zwei. Mit dem Eispickel kratzen sie aus Geröll und Eis eine Plattform heraus, gerade groß genug für das Zelt, dessen bergabgewandte Seite direkt mit der Kante abschließt, an der die Südwestwand des Everest steil abfällt. Sie haben nichts, um das Zelt richtig zu verankern. Nur ein paar Heringe lassen sich in Risse im Fels schlagen. Also beschweren Hillary und Tenzing den Zeltboden mit den schweren Sauerstoff-Flaschen. Das reicht für ein Camping am Forellenbach, aber für das Dach der Welt? So vertrauen sie vor allem auf ihr Eigengewicht als "Sturmanker".

Der Sauerstoff schwindet

Hillary berechnet die Sauerstoffvorräte: Sie reichen für fünfeinhalb Stunden - zu wenig, um zum Gipfel und wieder zurück zu kommen. Aber da ist noch eine große Spezialflasche, neun Kilo schwer, die sie zum Atmen während der bevorstehenden Nacht eingeplant haben. Um sie anzuschließen, brauchen sie einen besonderen Adapter, den sie am Morgen eigens eingepackt haben. Aber wo ist er? Das Ziel von einem Dutzend Expeditionen, der Traum von Millionen Menschen, die Hoffnung des Empires - alles dahin? Es hilft nichts, die Flasche bleibt zu. Hillary und Tenzing haben nun weniger Sauerstoff für die Nacht - und vor allem für den Gipfeltag: statt wie geplant vier Liter Sauerstoff pro Minute nur drei Liter.

Die Nacht überleben

Sie kauern sich hin, so gut es geht. Unter Tenzings Zeltseite liegt die Südwestwand des Everest. Hillary streckt seine langen Beine über Tenzing hinweg. Von Norden, von Tibet her fällt der Sturm ein, die erste Bö, erst ein Sirren in den Felsen über ihnen, dann packt der Wind das Zelt, droht es hochzuheben und in den Abgrund zu schleudern. Die beiden stemmen sich mit allen vieren dagegen, die Bö lässt nach, ein Säuseln noch und vorbei. Stille. Keiner sagt ein Wort. Zehn Minuten später beginnt alles von vorn. Sollte der Sturm stärker sein als sie, wird es so schnell niemand erfahren. Sie sind die einsamsten aller Menschen. Kein Kontakt mehr zu ihren Kameraden weiter unten.

Ideale Bedingungen

Sie gewöhnen sich an die Sturmattacken. "Frierst du?", fragt Hillary. "Ja", lautet die Antwort. Trotz Unterhemd, Wollweste, Shetland-Pullover, Wollhemd, langen Wollunterhosen, zwei Paar Wollsocken, Daunenjacke, Daunenhose, Windschutzjacke, Sturmhose, drei Paar Handschuhen übereinander. Tenzing behält auch seine Stiefel aus Rentierfell an. 29. Mai, Lager IX, 8500 Meter. Um vier Uhr morgens öffnet Hillary das Zelt. Klarer Himmel, kein Wind, nur minus 27 Grad, ideales Wetter. Tenzing schaut heraus. "Thengboche!", sagt er. 5000 Meter tiefer sind die Mönche des Klosters Thengboche schon bei ihren Morgenriten.

Aufbruch um halb sieben

Hillarys Stiefel sind steif gefroren. Er hat sie in der Nacht ausgezogen. Das war leichtfertig. Eine Stunde lang kneten beide seine Schuhe über dem Kocher. Es stinkt nach verbranntem Leder. Eine Stunde Zeitverlust! Steigeisen anlegen, anseilen, Sauerstoffmaske aufsetzen, Ventile einstellen, Gletscherbrille nicht vergessen, die mehr als 13 Kilogramm schweren Gestelle mit den beiden Stahlflaschen auf den Rücken schnallen. Es ist halb sieben. Tenzing trägt Lamberts roten Schal. Dann stapfen sie los, das höchste Abenteuer zu wagen. Sie treffen auf Bruchharsch, den Schrecken aller Bergsteiger: tiefen Pulverschnee, unter einer gefrorenen Schneekruste. Tritt man drauf, hält die Kruste manchmal; wenn nicht, sinkt man tief ein, und muss sich mühsam herausarbeiten, immer hoffend, dass die Kruste nun hält.

Der Südgipfel ist erreicht

Später folgt haltloser Pulverschnee. Jederzeit kann der ganze Hang abgehen. "Ed, mein Junge, das ist der Everest, du musst dich ein bisschen mehr anstrengen", ermuntert sich Hillary. Auch mit der geringeren Sauerstoffmenge von drei Litern pro Minute können sie noch einigermaßen atmen. Um 9 Uhr stehen sie auf dem Südgipfel des Everest, 8751 Meter. Höhenrekord von Team 1 eingestellt.

Der Schnee hält

Noch trennen sie 100 Meter Höhe, rund 350 Meter Luftlinie, vom Hauptgipfel. Vor Hillary und Tenzing liegt ein wild gezackter Schneegrat, der in Wellen zum Hauptgipfel hinaufführt. Sauerstoffcheck. Ein Schluck aus Tenzings Wasserflasche. Dann betreten sie den Gipfelgrat. Der Schnee ist fest! Hillary jubelt; hier kann er mit dem Eispickel Stufen schlagen. Sie sind auf dem Dachfirst der Erde. Links und rechts fahren die Felsen Tausende von Metern in die Tiefe. Langsam versiegt die Sauerstoffzufuhr. Gefrorener Speichel verstopft die Atemmasken. Ein paar Handgriffe, und die Masken sind wieder frei. Das einzige Hindernis, das sie noch den Gipfel kosten kann, ist eine senkrechte, mehrere Meter hohe Felsstufe im Grat (die man später die "Hillary-Stufe" nennen wird). Eine Schaumrolle aus Eis hängt vom Fels herab, dazwischen ein Spalt.

Stufen schlagen

Da hinein zwängt sich Hillary: "Mit dem Gesicht zum Felsen stieß ich die Steigeisen in das Eis hinter mir, suchte mit den Fingern jede kleinste Unebenheit im Fels und schob mich langsam aufwärts. Ich rang nach Atem, kam aber voran - das Eis hielt -, und schließlich kroch ich aus dem Spalt auf die Oberkante der Felsstufe." Geschafft. Wie Wellenberge folgen nun Schneekuppen aufeinander. Nach jeder Kuppe geht es ein paar Meter hinab, bevor sich die nächste, etwas höhere Kuppe aufschwingt. Jetzt bloß nicht unvorsichtig werden. Wie lange reicht der Sauerstoff noch? Weiter. Seit zwei Stunden schlägt Hillary nun schon Stufen, jetzt ermüdet sein Arm. Hört denn dieser Grat nie auf? Hillary umgeht eine Kuppe in halber Höhe. Dahinter, das sehen sie sofort, geht es hinab. Und hinab und hinab und hinab; auf allen Seiten geht es hinab!

Auf dem Gipfel

Der Gipfel des Mount Everest. Sie stehen noch zehn Meter unter der absoluten Spitze. Hillary: "Wir schauten uns staunend an" - soweit das möglich ist mit Sauerstoffmasken und Gletscherbrillen. Alle Mühsal, alle Angst, alle Anspannung fallen von ihnen ab. Tenzing lächelt, keine Maske der Welt kann es verdecken. Dann gehen sie die letzten Schritte zum Gipfel. Der Scheitelpunkt der Erde ist erreicht. 11.30 Uhr, Everest-Gipfel, 8848 Meter. Hillary streckt Tenzing "in guter angelsächsischer Manier" die Hand entgegen. Tenzing will nicht die Hand. Er will den Menschen: "Ich warf die Arme in die Luft und schlang sie dann um Hillary, und wir klopften uns auf den Rücken bis wir, selbst mit Sauerstoff, außer Atem gerieten." Die ganze Welt liegt ihnen zu Füßen.

Das Siegerfoto

Hillary zückt die Kamera und macht ein paar Fotos, darunter jenes, das berühmt geworden ist: Tenzing hält seinen Schweizer Eispickel in die Luft. Nicht wie ein Eroberer steht er dort oben. Sondern wie einer, der gekommen ist, seinen Respekt zu erweisen. Tenzing kann von hier aus als erster Sherpa die beiden heiligsten Klöster seines Volkes gleichzeitig sehen: links das Kloster Thengboche in Nepal und rechts das Kloster Rongbuk in Tibet. Ihm kommt der Gipfel vor wie "eine Henne", und in den anderen Bergen sieht er "Küken unter ihren Schwingen"; die Aussicht ist "wild, wunderbar und schrecklich".

Die Krönung

Sie ahnen nicht, was sich in der Welt unter ihnen zusammenbraut. Nicht, welcher nationale Furor allein über der Frage entbrennen wird, wer von den beiden denn nun der Allererste auf dem Gipfel war. Hillary und Tenzing ahnen nicht, dass die Menschen auf den Straßen Londons vor Freude singen: Auf abenteuerlichen Wegen hat die Nachricht von ihrer Erstbesteigung des Mount Everest die Briten erreicht - am Tag der Krönung von Elizabeth.

Special: Mount Everest
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